Rätsel um ausgesetzte Babys in Berlin

Seit drei Jahren wird im Nordosten der deutschen Hauptstadt jeden Spätsommer ein Neugeborenes gefunden. Sie alle haben dieselbe Mutter.

Die erste der drei Schwestern trug dieses weisse Jäckchen und diesen Strampler. Für die beiden anderen hatte die Mutter oder der Vater keine Kleidung mehr besorgt. Foto: Polizei Berlin

Die erste der drei Schwestern trug dieses weisse Jäckchen und diesen Strampler. Für die beiden anderen hatte die Mutter oder der Vater keine Kleidung mehr besorgt. Foto: Polizei Berlin

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Drei Schwestern. Emma wird bald drei, Lilo zwei, Hanna ist zehn Monate alt. Doch sie wissen nichts voneinander, und sie haben sich noch nie gesehen. Sie kennen nicht einmal ihre Mutter. Denn Emma, Lilo und Hanna wurden wenige Stunden nach ihrer Geburt ausgesetzt, man fand sie, auf Kissen oder in Handtücher gewickelt, an verschiedenen Orten in Berlin. Immer im Spätsommer.

Jedes Jahr ein Baby.

Woher die drei Mädchen kommen – das ist gerade eines der grossen Rätsel, die Berlin umtreiben. Was man weiss: Alle drei Kinder haben dieselbe Mutter – und wahrscheinlich auch denselben Vater. Das haben DNA-Tests ergeben, die die Polizei bei allen ausgesetzten Neugeborenen macht und mit ihrer Datenbank abgleicht. Sonst können die Ermittler nur spekulieren.

Ob die Mutter die Babys nicht wollte? Ob sie gezwungen wurde, sie wegzugeben? Es sei auch nicht auszuschliessen, dass irgendwo eine Frau festgehalten und missbraucht werde, sagt die Berliner Polizei. «Alles ist denkbar.»

Ohne fachkundige Hilfe entbunden

Die Spuren führen in den Nordosten, dorthin, wo Berlin alles andere ist als hip, was ja sonst das Bild ist, das Berlin in alle Welt verkauft. Felder wechseln sich mit schlichten Einfamilienhäusern ab, dazwischen Plattenbauten, und noch mehr Plattenbauten.

An einer Bushaltestelle, in der Nähe des Klinikums Berlin-Buch, finden Passanten Anfang September 2015 Emma. Sie trägt eine Windel, einen Strampler und ein Jäckchen und ist, wie Ärzte später feststellen, ohne fachkundige Hilfe entbunden worden. Sie habe wie ihre beiden Schwestern «ein mitteleuropäisches Aussehen», sagt ein Ermittler, «sie sind nicht asiatischer und nicht afrikanischer Herkunft». Emma, Lilo und Hanna sind dem Jugendamt übergeben worden und wachsen in Pflegefamilien auf.

Nur ein paar Busstationen entfernt ist das Einfamilienhaus, in dessen Garten ziemlich genau ein Jahr später, im August 2016, Lilo ausgesetzt wird. Gefunden wird sie nur mit Glück. Mit viel Glück, heisst es bei der Berliner Polizei. Es ist spät am Abend, Lilos Körpertemperatur ist bereits sehr niedrig. Auf dem blutigen Handtuch, in das Lilo gewickelt ist, die DNA-Spuren der Mutter. So wie auch auf dem Handtuch von Hanna, die Ende August 2017 auf einer gelben Plane in einer hübschen Wohnsiedlung an der Stadtgrenze liegt. Alle Orte: nah beieinander, die Mutter muss die Gegend gut kennen.

Es sind Stellen, an denen Menschen vorbeikommen und die trotzdem abgelegen sind. So, als wollte die Frau dafür sorgen, dass ihre Kinder entdeckt werden, sie selbst aber nicht.

Niemandem ist etwas aufgefallen

Wenn man die Fundorte abläuft, fällt auf, wie dörflich die Grossstadt hier ist. Die Bewohner stehen am Gartenzaun zusammen, im Bus grüsst man einander. Die Ermittler haben in den vergangenen Monaten alles hier durchkämmt, Nachbarn gefragt, nach Zeugen gesucht. Niemandem ist etwas aufgefallen. Schon gar nicht eine Frau, die dreimal hintereinander schwanger war und dann kein Kind hatte.

«Das jedenfalls ist nicht ungewöhnlich», sagt die Psychiaterin Anke Rohde, die sich als Gerichtsgutachterin mit Frauen beschäftigt hat, die ihre Kinder weglegten. Die Frauen verdrängen schon ihre Schwangerschaft in den allermeisten Fällen. Vor anderen und vor sich selbst und so effektiv, dass sogar ihr Babybauch kleiner ist. Rohde zeigt das Foto einer jungen Frau, die ihre Schwangerschaft verleugnete, sieben Wochen vor der Geburt: der Bauch eine kleine Auswölbung, die man unter einem T-Shirt verbergen kann.

Etwa 1600 Fälle verdrängter Schwangerschaften gibt es jedes Jahr in Deutschland, so Rohde. Die werdenden Mütter ähneln einander: Es sind Frauen mit unreifer Persönlichkeit, die Probleme nicht wahrhaben wollen und oft Partner haben, die sich nicht für sie interessieren. Die meisten sind sehr jung, Psychiaterin Rohde hatte aber auch schon mit Frauen zu tun, die mehrere Kinder aufzogen, bevor sie schliesslich eine Schwangerschaft verdrängten.

In 20 bis 40 Fällen im Jahr stirbt ein Kind.

Die meisten Schwangeren kommen rechtzeitig in eine Klinik, geben die Babys zur Adoption frei oder ziehen sie am Ende selbst auf. In 20 bis 40 Fällen im Jahr aber stirbt ein Kind, weil die Mutter es kurz nach der Geburt tötet oder unversorgt irgendwo liegen lässt.

Anke Rohde glaubt, dass die Mutter der drei ausgesetzten Mädchen «sehr gezielt» handelt, vielleicht, weil sie will, dass sie in guten Verhältnissen aufwachsen, vielleicht auch, weil der Vater nichts mit ihnen zu tun haben möchte. Möglicherweise habe sie aber auch gemeinsame Sache mit dem Mann gemacht.

Aber warum geht die Frau nicht zu einer der Babyklappen, die es an vielen Orten gibt? Weil manche Frauen ihre Schwangerschaft so weit beiseiteschieben, dass sie gar nicht auf die Idee kommen, sich mit dem Wohlergehen ihres Babys zu befassen, sagt Rohde.

2015 filmte eine Überwachungskamera die Mutter

Eine Frau, mit der sie zu tun hatte, verleugnete alles, was mit ihrem Körper passierte, so sehr, dass sie sogar die Beratung zum Schwangerschaftsabbruch vergass, die sie in Anspruch genommen hatte. Nur durch einen Zufall fand ihre Familie die Unterlagen und schleppte die junge Frau zum Arzt. Viele werden auch von der Geburt überrascht und denken nur noch daran, «wie sie das Problem loswerden», sagt Rohde. Sie erinnert sich gut an die ungewollt schwangere Frau, die neben einer Babyklappe lebte. Sie hat den Säugling nach der Geburt ausgesetzt, das Baby wurde tot in einem Keller gefunden.

Es gibt eine Spur zur Mutter von Emma, Lilo und Hanna, den drei Schwestern. Als sie Emma aussetzte, 2015, kam sie an der Überwachungskamera einer Klinik vorbei. Auf den Bildern eine Frau, die ein Kind auf einem weissen Kopfkissen trägt, sie ist zwischen 20 und 30 Jahre alt, mittelgross und schlank, schulterlanges, dunkles Haar.

Die Polizei versucht sie jetzt zu finden. Denn gut möglich, dass sie wieder hochschwanger ist. Man wolle sich an die Frau wenden, sagt die Polizei, «sie darauf aufmerksam machen, dass es andere Möglichkeiten gibt». Eine Babyklappe oder eine vertrauliche Geburt in einem Spital, bei der die Identität der Mutter geschützt wird. Die drei Schwestern hatten Glück. Aber was ist beim nächsten Baby?

Viel Zeit bleibt nicht mehr, es ist Juni, und die Frau hat ihre Kinder immer im Sommer ausgesetzt.

Erstellt: 04.06.2018, 15:49 Uhr

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