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Raubtierhaft und demonstrativ bösartig

Der Hochhausbrand von London rührte an eine menschliche Urangst – selten sah man das so verehrte wie gefürchtete Feuer wilder wüten.

Am 14. Juni 2017 brach im Londoner Grenfell Tower ein Feuer aus: Die Fassade ist völlig schwarz vom Russ. (14. Juni 2017)
Am 14. Juni 2017 brach im Londoner Grenfell Tower ein Feuer aus: Die Fassade ist völlig schwarz vom Russ. (14. Juni 2017)
Will Oliver, AFP
4000 Menschen werden evakuiert: Polizisten gehen zum Burnham Tower, einem der fünf Hochhäuser, die geräumt werden. (24. Juni 2017)
4000 Menschen werden evakuiert: Polizisten gehen zum Burnham Tower, einem der fünf Hochhäuser, die geräumt werden. (24. Juni 2017)
Justin Tallis, AFP
Das Feuer reichte von der zweiten Etage bis ganz nach oben zum Dach. (14. Juni 2017)
Das Feuer reichte von der zweiten Etage bis ganz nach oben zum Dach. (14. Juni 2017)
Giulio Thuburn, AFP
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Vier Dinge sprechen dafür, dass uns der gestrige Grossbrand im Londoner Stadtteil Kensington noch lange im Gemüt bleiben wird.

Eine Hieronymus-Bosch-Vision

Erstens war der Brand so, wie man sich einen Brand vorstellt. Wie ihn ein Schulkind malen würde. Raubtierhaft war er. Demonstrativ bösartig mit grellgelb leckenden Flammenzungen und fett quellendem Rauch und einer schwarzen Säule hoch hinauf zu den Wolken; die Fenster des Grenfell Tower in der Nacht erleuchtet wie die eines abartigen Adventskalenders. Bis im Tageslicht später der Wohnturm dastand als trister Kohlemeiler.

Schmerzhaft einprägsam auch die Details: das wie für einen Gefängnisausbruch aus Tüchern geknotete Seil eines Verzweifelten, der sich retten wollte. Die fallenden, brennenden Trümmer, die irgendwie an Sternschnuppen erinnerten. Die Frau im Schleier, auf der Strasse niedergekniet, die Hände zum Himmel ballend – war es ein Vorwurf an Gott? Und in den Wohnungen erblickte man die Silhouetten der Eingeschlossenen vor orangem Hintergrund, comichaft, Munch in London.

«Ich habe Menschen schreien gehört». Zeugen berichten über das Inferno in London. Video: Tamedia Webvideo

Es war, auch dies eine Assoziation, ein Brand, den Hieronymus Bosch ersonnen haben könnte, der Schreckensvisionär, der vor einem halben Jahrtausend Bilder des Horrors malte.

Zweitens: Was in Kensington brannte, war ein Hochhaus. Also das gesteigerte Haus als gesteigerte Falle. Leute über 50 erinnern sich an den Kino-Katastrophenfilm «The Towering Inferno» von 1974. Er machte die Angst greifbar, im Hochhaus eingeschlossen zu sein. Ausgestellt in der eigenen Panik mitten in der Grossstadt, die bei aller Monumentalität nicht helfen kann. Menschen noch und noch sehen dir beim Sterben zu.

Der Hausfreund ist ein Hausfeind

Der Brand von London war, drittens, in plakativer Art reduziert auf zwei Urdinge. Zum einen auf das Haus als frühes Symbol der Geborgenheit, als Ausdruck des Strebens nach Schutz.

Und zum andern war da das Feuer, das einst der Vorzeitmensch durch Blitzeinschläge und die daraus entstehenden Brände kennen gelernt haben dürfte; nun konnte er sich wärmen. Später schlug er selber Funken, nahm das Feuer mit in seine Höhle oder Hütte. Doch es ist gefährlich geblieben. Entkommt es unserer Kontrolle und wütet es im Haus, rührt das an die Region im Hirn, wo die ganz alten Ängste wohnen.

Dieser Freund ist seit ewig und für immer auch ein Feind.

Es war kein Terrorakt

Viertens erinnerte das Londoner Desaster an die brennenden Twin Towers von 9/11 in New York. Doch abgesehen davon, dass am 11. September 2001 Tausende starben – 9/11 war ein Angriff von Terroristen. 9/11 spaltete denn auch die Emotionen: Da war einerseits das Entsetzen über das Feuer und seine Opfer, anderseits aber auch Wut auf die Angreifer.

Gestern in London gab es keine Attacke und kein grosses Verbrechen; allenfalls könnte Schlamperei beim Brandschutz eine Rolle gespielt haben; sicher war es kein Terror. Das Gefühl blieb daher integral beim Feuer und den Feueropfern. Umso mehr hat sich uns dies gestern eingebrannt: der Anblick der rohen Kraft eines Elements, das wir nie total in der Gewalt haben. Der Brand des Grenfell Tower – er hat Urängste geweckt.

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