Seine Interviews waren legendär

Der deutsche Publizist und einstige Moderator des SRF-«Literaturclubs», Roger Willemsen, ist im Alter von 60 Jahren verstorben.

Moderator und Publizist: Roger Willemsen ist tot. (3. Februar 2004)

Moderator und Publizist: Roger Willemsen ist tot. (3. Februar 2004) Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Zwei Klischees kommen einem, unwillkürlich und wider Willen, bei diesem völlig klischeefrei redenden Mann in den Sinn. Das von der heimtückischen Krankheit und das von der Kerze, die an beiden Enden herunterbrennt. Wenige Tage nach seinem 60. Geburtstag erhielt Roger Willemsen die Krebsdiagnose, ein halbes Jahr später ist er schon gestorben, am Sonntag in Wentorf bei Hamburg. Wollte man zusammenfassen, was er in seinem viel zu kurzen Leben alles gemacht hat, schriebe man die Biografie eines 120-jährigen, mindestens. Rastlos wirkte er, immer auf Hochtouren, immer unglaublich schnell, klug, interessant und überraschend. Wenn man, wie ich das Glück hatte, gelegentlich einmal zwei Stunden mit ihm zusammen sass, war man hinterher gleichzeitig erschöpft (vom hohen Tempo) und aufgedreht – von all den guten Ideen, die aus dem Gespräch entsprungen waren. Wer ihm begegnete, hatte den Eindruck, Intelligenz könnte anstecken. Das Gespräch, das private wie das öffentliche, war sein eigentliches Medium. Der studierte Germanist und Kunsthistoriker, ein gebürtiger Bonner, fand nach seiner Doktorarbeit über Robert Musil eher zufällig den Weg zum Fernsehen. Als Einspringer (für Dietmar Schönherr) moderierte er die Interviewsendung «0137» für den Privatsender Premiere, später «Willemsens Woche» für das ZDF. Seine Gäste: Audrey Hepburn und Yassir Arafat, eine Pornoqueen oder ein Bankräuber, Maggie Thatcher wie Madonna. Es waren – ohne Übertreibung! – Glanz- und Gipfelpunkte der Fernsehgeschichte, vielfach preisgekrönt und nie wieder erreicht. Willemsen war gebildet, freundlich, schlagfertig und hartnäckig. Er kannte keine Scheu und keine Scheuklappen. Dafür echte Neugier. Sein Stil war fern von der Ranschmeisserei oder dem Voyeurismus der Talker, die seither den Ton angeben, der Kerner, Beckmann, Lanz & Co.

Abschied vom TV und Rückkehr

Irgendwann war er das Fernsehen leid, den Druck der Hierarchen (am Ende hatte er sogar «Politikerverbot»), das Verlangen nach Leichterem und Seichterem. Er wollte und konnte ja so viel anderes: Bücher schreiben («Deutschlandreise», «Kleine Lichter», «Der Knacks», «Die Enden der Welt»), Filme machen ( einer, über seinen Jazzerfreund Michel Petrucciani, wurde in vielen Ländern der Welt gezeigt), Bühnenprogramme entwerfen (eine gereimte Fassung vom «Karneval der Tiere» oder eines mit Dieter Hildebrandt über die Geschichte der Lüge).

Willemsen war mit allen Fasern ein Kulturmensch, der Kultur nicht als Selbstzweck verstand, sondern als Mittel, «die Gesellschaft mit sich selbst ins Gespräch zu bringen». Er war sich weder zu schade, für ein Buch ein Jahr lang alle Bundestagsdebatten zu verfolgen, noch, sich für die Bildung von Mädchen in Afghanistan einzusetzen, mit Tatkraft und Geld. Für den Schweizer «Literaturclub» kehrte er für zwei Jahre auf den Bildschirm zurück und brachte mit der Brillanz seiner Argumente (und dem Tempo, in dem er sie vorbrachte) Experten, Gäste und Zuschauer auf Touren.

Eine der grossen Leidenschaften dieses ewig Neugierigen war das Reisen. «Ich habe immer noch Hunger auf das Eintreten in fremde Räume», sagte er dem TA einmal in einem Gespräch. Nun ist er in einen Raum eingetreten, aus dem es keine Rückkehr gibt.

Erstellt: 08.02.2016, 15:20 Uhr

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