SBB-Zug fährt mit offener Türe ab

Ein Interregio zwischen Brugg und Baden war mehrere Kilometer mit offener Tür unterwegs. Diese sei «funktionstüchtig», so die SBB.

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«Ich hatte Angst, dass jemand rausfällt und stirbt», sagt D. B. zu seiner Zugfahrt am Freitagmorgen. Die Tür seines Wagen blieb nach der Abfahrt in Brugg auch auf offener Strecke und bei vollem Tempo geöffnet. Erst kurz vor Baden und damit nach etwa acht Kilometern habe die Zugbgegleiterin die Tür schliessen können. Ereignet hat sich der Vorfall laut «20 Minuten» im Interregio, der Brugg um 7.30 Uhr in Richtung Zürich verliess.

Wie auf den Aufnahmen zu erkennen ist, war ein Wagen des Typs Einheitwagen IV betroffen. Dieser Wagentyp steht seit einem tödlichen Unfall Anfang August in der Kritik. Damals hatte die Türschliessung nicht richtig funktioniert. Der Zugbegleiter Bruno R. wurde in Baden eingeklemmt und über mehrere hundert Meter mitgeschleift. Er verstarb.

Sind die Wagen sicher?

Danach versprach die SBB Besserung. Alle knapp 500 Wagen des Typs wurden einer Sonderkontrolle unterzogen. Nach einem Rüffel des Bundesamts für Verkehr wurde zusätzlich der Abfertigungsprozess umgestellt.

Seit dann sollten Züge erst abfahren, wenn der Lokführer das Signal erhält, dass alle Türen geschlossen sind. Die Wagen könnten sicher betrieben werden, teilte die SBB damals mit: Die ergriffenen Sofortmassnahmen «gewährleisten nach heutigem Kenntnisstand die Sicherheit von Reisenden und Mitarbeitenden».

«Wagen ist funktionstüchtig»

Die SBB bestätigt, dass ein EW-IV-Wagen betroffen war. Die Tür sei funktionstüchtig, sagt Sprecher Raffael Hirt. Eine technische Störung sei nicht vorgelegen. «Die SBB geht davon aus, dass die Tür nach der Schliessung mit der Notentriegelung wieder geöffnet wurde.» Die Bahn unterziehe die betroffene Tür so rasch wie möglich einer tiefergehenden Kontrolle in einer Serviceanlage. Das Personal habe die offene Tür bemerkt und geschlossen.

Wer die Notentriegelung betätige, nachdem die Türkontrolle durchs Zugpersonal stattgefunden hat, setze sich und die Reisenden erheblicher Gefahr aus. «Die Türblockierung darf nur im Notfall aufgehoben werden», so Hirt. Das sei mehrsprachig vermerkt. «Ein Notfall lag unseres Wissens nicht vor.»

Funktionierte Sicherung nicht?

Leser B. sagt, er sei dort eingestiegen, weil die anderen Türen schon geschlossen gewesen seien. Der Zug sei mit offener Tür aus Brugg abgefahren, ohne dass jemand nach seinem Einsteigen die Notentriegelung betätigt habe. «Es kann nicht sein, dass der Zug dann so lange weiterfährt.» Mit dieser Schilderung konfrontiert, sagt SBB-Sprecher Hirt, es sei möglich, dass die Notentriegelung kurz vor der Abfahrt betätigt worden sei.

Eigentlich müsste der Lokführer dann ein Signal erhalten, das ihm die offene Türe signalisiert und ihm ermöglicht, den Zug anzuhalten. Bei diesem System handelt es sich um eine sogenannte Grünschlaufe. Ob dieses Signal beim Lokführer angekommen ist und warum der Zug nicht stoppte, kann die SBB bisher nicht beantworten.

«Vorfall ist verheerend»

Für Jürg Hurni von der Gewerkschaft des Verkehrspersonals SEV ist der Vorfall «verheerend». «Die Sicherheit ist so weder für das Personal noch die Passagiere gewährleistet.» Nach dem tödlichen Unfall habe der SEV gefordert, die EW IV aus dem Verkehr zu ziehen. Nun sieht sich Hurni bestätigt: «Offensichtlich hat hier die Grünschlaufe wieder nicht funktioniert und dem Lokführer wurde nicht angezeigt, dass die Tür geöffnet war.»

Diese technischen Mängel an den Grünschlaufen seien schon bei den Sonderuntersuchungen nach dem Unfall zutage getreten, so der Gewerkschaftssekretär. «Es braucht dringend mehr Personal im Unterhalt, damit die EW IV sicher betrieben werden können.» Es sei auch mehr Personal auf den Zügen nötig. Nur so könne dieses sicherstellen, dass nach der Abfahrt alle Türen geschlossen seien, sagt Hurni. «Was hier passiert ist, ist katastrophal.» (red)

Erstellt: 01.11.2019, 17:57 Uhr

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