Was bringt der Tisch-Propeller?

Ventilatoren machen Bindehautentzündung und einen steifen Nacken? Pah! Ein Loblied auf eine der genialsten Erfindungen der Menschheit.

Bei Hitze unverzichtbar: der Ventilator. Erfunden wurde das Gerät bereits 1740 von Stephen Hales, einem englischen Theologen. Foto: iStock/Robert Daly

Bei Hitze unverzichtbar: der Ventilator. Erfunden wurde das Gerät bereits 1740 von Stephen Hales, einem englischen Theologen. Foto: iStock/Robert Daly

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Wettermoderator Jörg Kachelmann verbreitete in einem Internetvideo jüngst diese Ansichten hier:

1. Die Siebenschläfer-Regel ist völliger Blödsinn. 2. Es ist typisch für ein Land, in dem Homöopathie durch Krankenkassen bezahlt wird, dass dieser oder jener mittelalterliche Mist immer noch geglaubt wird. 3. Wind ist weder schädlich, noch macht er einen steifen Nacken. Sonst hätten die Bewohner der Kanarischen Inseln ja auch alle einen steifen Nacken.

4. Bitte kaufen Sie Ventilatoren und stellen Sie diese älteren Personen vor die Nase, wenn es heiss ist. Denn das könnte deren Leben retten. Alles andere ist: Schwachsinn.

Wissen Sie was? Der Mann hat Recht.

Ventilatoren, das sind diese Dinger, mit denen man sich schon abgekühlte, als es noch keine Klimaanlagen gab. Die feinmechanische Weiterentwicklung von Palmwedel und Fächer quasi, benannt nach dem lateinischen Wort für «in der Luft schwingen». Ventilatoren hingen und hängen in Schlafzimmern (wie in Jean-Jacques Annauds schwüler Marguerite-Duras-Verfilmung «Der Liebhaber»), in Schlachthöfen (wie in Upton Sinclairs «Der Dschungel»), sie standen und stehen auf Arbeitstischen wie dem des Wiener Privatdetektivs Max Müller (in «Müllers Büro») oder in Wohnzimmern wie jenem, in dem es einst Peter Sellers als Inspektor Clouseau übel im Schritt schmerzte – er war in die Nähe eines automatisch schwenkenden Tischventilators gekommen. Der Wind, er hat schon so vielen ein Lied erzählt.

Dank der absolut genialen Erfindung des Theologen Stephen Hales (England, 1740) jedenfalls sowie der Weiterentwicklung durch die Ingenieure Christian Schiele (Deutschland, 1851), Philip Diehl (USA, 1882) und James Wood (USA, 1902) ist der Genuss von erfrischendem Fahrtwind heute auch im ruhenden Zustand möglich. Eine Art Bürger-Wind also, vor der leider viel zu oft gewarnt wird. Gefahrenquelle «Zugluft»! Vorsicht, steifer Nacken! Der Begriff «Zugluft» stammt übrigens aus einer Zeit, in der der Mensch dem Hitzetod auf Bahnreisen noch durch blosses Fensteröffnen entgehen konnte. Es war keine schlechte Zeit.

Kreisende Ventilatorenflügel können Angst machen

Doch mit Winden ist es wie mit Wetterexperten – nicht jedem schmecken sie. Für Odysseus' Weggefährten etwa wäre es deutlich sinnvoller gewesen, sie hätten den Schlauch voller Winde, den ihnen Aiolos einst mitgegeben hatte, unterwegs lieber nicht geöffnet. Dann hätten sie auch Ithaka schneller erreicht. Nordwinde, Ostwinde, Westwinde, Südwinde, günstige Winde, künstliche Winde – manchmal bereiten sie auch Kopfschmerzen.

Da verwundert es nicht, wenn Ventilatoren in Filmen wie Alan Parkers «Angel Heart», Francis Ford Coppolas «Apocalypse Now» oder Steven Spielbergs «Indiana Jones und der Tempel des Todes» eher bedrohlich daherkommen: als Ankündigung eines kommenden Übels. Oder ganz einfach als Mordinstrument. Ja, kreisende Ventilatorenflügel können auch Angst machen.

Und so sollte an sommerlichen Tagen, an denen es der Standventilator im Online-Kaufhaus mal wieder unter die «meistverkauften Elektronikartikel» geschafft hat, natürlich auch an Musiker wie den Jazzpianisten Fats Waller erinnert werden, dem nicht zuletzt ein Ventilator jene Lungenentzündung beschert hat, an der er schliesslich starb. Man denkt auch zurück an die von vielen Stürmen begleiteten Bühnenauftritte des Künstlers Michael Jackson, der (aus anderen Gründen) auch kein gutes Ende nahm.

Und man denkt an den Taschenventilator, der einst auf dem Treffen des nordkoreanischen Diktators Kim und US-Präsident Trump an die Journalisten verteilt wurde. Nicht zuletzt wegen seines USB-Kabels wurde er von den Berichterstattern allerdings eher als Bedrohung empfunden.

Heute warnen Tierschützer vor Erkältungen und Augenreizungen bei Goldhamstern

«Ungewiss» steht jedenfalls unter dem Punkt «Ventilator» im aktuellen Faktencheck der Deutschen Presseagentur zum Thema: «Was hilft am besten bei Hitze?» Vor drei Jahren erst habe eine – na was wohl? – «Studie» gezeigt: Bei Temperaturen über 35 Grad könne der allzu warme Luftstrom sogar zur Überhitzung und Dehydrierung des Körpers führen. Dabei sollen in China bereits im Jahr 180 nach Christus muskelkraftbetriebene Ventilatoren im Einsatz gewesen sein.

Aber nein: Heute warnen Tierschützer vor Erkältungen und Augenreizungen bei Goldhamstern, denen man einen Ventilator vor den Käfig stellt (wer, bitte, macht so was?). Allein der landwirtschaftliche Kreisverband Münster versichert: Keine Angst vor Deckenventilatoren im Bauernhof. Denn: «Kühe mögen ein frisches Lüftchen im Stall.»

War es nicht wunderbar, als man die Fahrt ans Meer mit der Nase im weit geöffneten Autofenster verbringen durfte?

Was hat nicht der Mensch seinem geliebten Hauspropeller schon alles zu verdanken. Eine in den Tischventilator gehaltene Spielkarte etwa macht noch heute jeden Flieger-Podcast zum akustischen Erlebnis, eine Theater-Windmaschine Shakespeares «Sturm» zum Sturm. Ja, der Regisseur Jan Philipp Gloger verlegte sogar den «Fliegenden Holländer» in Bayreuth vom Schiff in eine Ventilatoren-Fabrik. Feuilletonisten deuteten dies als Kapitalismus-Kritik, Spassvögel eher als Gruss an die schwitzenden Zuschauer. Und, ach, war es nicht wunderbar, als man die Fahrt ans Meer noch nicht eingeklemmt im Kindersitz, sondern mit der Nase im weit geöffneten Autofenster verbringen durfte?

Eines ist doch klar: Die profane Propeller-Kühlung – verbunden mit etwas Durchzug – ist und bleibt deutlich angenehmer (und viel ökologischer) als jedes Gebläse einer stromfressenden Klimaanlage. Bei Nietzsche heisst es: «Blas dich nicht auf, sonst bringet Dich/zum Platzen schon ein kleiner Stich.»

Lasst also ruhig weiter die Winde wehen. Solange sie natürlich sind.

Erstellt: 26.06.2019, 14:23 Uhr

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