Schüsse auf US-Soldaten – kurz darauf folgt ein Hackerangriff

In der US-Stadt Pensacola kam es zu einer Schiesserei auf einem Militärstützpunkt. Wenige Stunden später griffen Hacker die städtischen Server an – hängen die Vorfälle zusammen?

Nichts geht mehr: Grosse Teile von Pensacolas IT-Infrastruktur wurden ausser Gefecht gesetzt. Symbolbild: Keystone

Nichts geht mehr: Grosse Teile von Pensacolas IT-Infrastruktur wurden ausser Gefecht gesetzt. Symbolbild: Keystone

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Wenige Stunden nach dem Schusswaffenangriff auf einen Militärstützpunkt in Pensacola im US-Bundesstaat Florida ist die Stadt Ziel eines Cyberangriffs geworden. E-Mails, Telefonverbindungen und Dienste zur Onlinezahlung sind betroffen, wie die Stadtverwaltung am Montag (Ortszeit) mitteilte. Notrufnummern seien nicht beeinträchtigt.

Es werde nach den Schuldigen gesucht, sagte Bürgermeister Grover Robinson. Die US-Bundespolizei FBI sei eingeschaltet. Wie das FBI auf Twitter mitteilt, werde kein Zusammenhang zur Schiesserei auf den Militärstützpunkt vermutet. Die Voruntersuchung werde jedoch fortgesetzt.

Die Stadtverwaltung konnte bis Montag nicht erklären, wie der Angriff erfolgt und ob dieser mit einer Lösegeldforderung verbunden war. Des Weiteren sei unklar, ob persönliche Daten gefährdet seien. «Wir befinden uns noch in der Bewertungsphase und arbeiten daran, diese Probleme so schnell wie möglich wieder zu lösen», erklärte Kaycee Lagarde, Sprecherin der Stadt, gegenüber dem Nachrichtensender WEAR-TV.

Mitarbeiter der Stadt hätten den Angriff am Samstagmorgen gegen 1.30 Uhr bemerkt, sagte Lagarde. Daraufhin sei ein Grossteil des Stadtnetzes abgekoppelt worden, um weiteren Angriffen vorzubeugen. Dies bleibe so, bis das Problem behoben sei.

Veraltete Technologien

Der Sicherheitsberater Morgan Wright schliesst einen Zusammenhang zur Schiesserei nicht vollkommen aus. Cyberkriminelle würden Katastrophenfälle oft zu ihrem Vorteil ausnutzen, da die Aufmerksamkeit auf andere Dinge gerichtet sei, sagte er dem Nachrichtensender Fox Business.

Am Freitag hatte ein saudiarabischer Soldat auf dem US-Marinefliegerstützpunkt von Pensacola drei US-Soldaten erschossen und acht weitere verletzt, bevor er von Polizisten erschossen wurde. Der 21-Jährige hatte auf dem Stützpunkt an einem Lehrgang teilgenommen. Das FBI vermutet einen terroristischen Hintergrund für den Angriff.

US-Soldaten tragen die Leiche eines am Freitag auf dem Militärstützpunkt erschossenen US-Soldaten. Bild: Cliff Owen, AP/Keystone

Immer mehr staatliche und lokale Verwaltungen seien von Cyberangriffen gefährdet, sagt er (lesen Sie hier, wie gefährdet die Infrastruktur in der Schweiz ist). «Es wird schlimmer werden, bevor es besser wird – viel schlimmer.» Solche Ämter seien ein einfaches Ziel. Es habe genug Weckrufe gegeben. «Das Problem ist, dass die Zuständigen immer wieder die Schlummertaste drücken.»

Wright kritisiert die veralteten Technologien, die alternde Belegschaft sowie den bürokratischen Beschaffungsprozess. Die Behörden seien oft nicht in der Lage, die qualifiziertesten Kandidaten des Berufsstandes einzustellen, da diese in der Privatwirtschaft höhere Gehälter erzielen könnten. Ausserdem verzichte man darauf, für technologische Lösungen Geld auszugeben. Das kann die Steuerzahler laut Wright teuer zu stehen kommen. «Entweder investiert man jetzt präventiv, oder man zahlt später umso mehr für den Genesungsprozess.»

Mehrere Millionen Dollar Schaden

Die Cyberattacke auf die Küstenstadt Pensacola in Florida ist kein Einzelfall. Bereits im Mai kam es zu einem ähnlichen Angriff in Baltimore. Computersysteme der Regierung waren mit einer Schadsoftware infiziert. Die meisten Server gingen offline. Die Hacker sperrten den Zugang zu den Daten und forderten 13 Bitcoins (damals etwa 76’000 US-Dollar) Lösegeld, um sie wieder freizugeben. Baltimore ging nicht auf die Forderung ein und hat laut der Lokalzeitung «Baltimore Sun» bis heute mit Problemen zu kämpfen. Erst kürzlich seien sechs Millionen Dollar aus einem Fonds für Parks und öffentliche Einrichtungen für die Wiederherstellung der IT-Infrastruktur ausgegeben worden. Schätzungen zufolge beläuft sich der Schaden auf rund 18 Millionen Dollar.

Baltimore war nach Angaben von Fox Business der bereits zweite grosse Ransomware-Angriff auf eine US-Stadt innerhalb von zwei Jahren. Rund sechs Millionen Menschen waren betroffen.

Ein weiterer solcher Angriff ereignete sich im März 2018 auf die städtische Verwaltung in Atlanta. EDV- und Verkehrssysteme waren beeinträchtigt. Gerichte hatten keinen Zugriff mehr auf ihre Dokumente und benachrichtigten Klienten, um Termine zu verschieben. Städtische Angestellte mussten Formulare wieder per Hand ausstellen. «Wie in alten Zeiten», beschrieb der Radiosender WUTC die Situation damals. Die Angreifer forderten ein Lösegeld von 51’000 Dollar in Bitcoins zur Wiederherstellung der Systeme. Die Polizei verhaftete im November 2018 schliesslich zwei iranische Hacker. Der Angriff kostete die Stadt 17 Millionen Dollar.

Ransomware gelangt, wie ein gewöhnliches Computervirus, über präparierte E-Mail-Anhänge, Sicherheitslücken in Webbrowsern oder über Datendienste wie Dropbox auf gewünschte Computersysteme und kann private Daten verschlüsseln. Angreifer machen sich diese Art von Schadprogrammen zunutze, indem sie ihre Opfer zur Herausgabe von Lösegeld zwingen, um ihre Daten zurückzuerlangen. (sho/sda)

Erstellt: 10.12.2019, 15:33 Uhr

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