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Schuldirektor verteufelt Harry Potter

England debattiert darüber, ob Fantasy-Literatur dem kindlichen Hirn schadet und was mordlustige Lektüre à la Shakespeare bei Jung-Lesern anrichten kann.

Kinderheld Harry Potter: Diese beiden Mädchen strahlen 2007 beim Erscheinen eines neuen Bandes in Zürich um die Wette.
Kinderheld Harry Potter: Diese beiden Mädchen strahlen 2007 beim Erscheinen eines neuen Bandes in Zürich um die Wette.
Keystone

Der smarte Zauberlehrling Harry Potter begeistert Millionen Kinder und Jugendliche auf der ganzen Welt, als Buch-Reihe sind seine Abenteuer ein Bestseller. Doch jetzt droht Autorin J.K. Rowlings Kreatur Ungemach vonseiten eines englischen Privatschuldirektors. Der verteufelt nicht nur Potter, sondern gleich die ganze Welt der Fantasy-Literatur.

Der Gründer und Direktor der Acorn School, Graeme Whiting, warnt davor, den Sprösslingen die Lektüre von Büchern wie «Harry Potter», «Die Tribute von Panem» oder der Werke von Terry Pratchett zu gestatten. Diese, so der Direktor in einem Blogpost, «schadet dem kindlichen Hirn!» und «könnte das sensible Unterbewusstsein der Hirne junger Kinder schädigen, von denen sich viele in die Statistik psychisch kranker Kinder einreihen werden».

Vom «Teufel im Text»

Statt vermeintlich verderblicher Fantasy-Bücher empfiehlt der besorgte Pädagoge klassische Literatur aus der Feder etwa Shakespeares, Dickens oder Shelleys für die Kleinen, «die frühestens ab 14 Jahren denkende Hirne haben». «Hütet euch vor dem Teufel im Text», beendet Whiting seine Warnschrift, «wählt Schönheit für junge Kinder!»

Mit seiner streitbaren fantasyfeindlichen These entfachte der Direktor in seiner Heimat England jetzt eine angeregte Debatte über kindgerechte Literatur.

Mordlust und Blutvergiessen bei Shakespeare

Fantasy-Autorin Samantha Shannon teilt Whitings Meinung naturgemäss nicht und meldete sich im «Guardian» zu Wort: Gerade die «schöne Literatur» wie etwa die von Shakespeare zeichne sich bekanntermassen keinesfalls durch einen Mangel an Grausamkeiten aus.

Vergewaltigung, Verstümmelung, Mord, Folter – von all dem findet sich bei Shakespeare reichlich. Was die in den Werken enthaltene Schilderung von Gewalt anginge, könne eine Autorin wie Rowling dem berühmtesten Poeten der Welt demzufolge bei weitem nicht das Wasser reichen, urteilt sie, und fühlt sich an «die Logik von Bücherverbrennern und Diktatoren» erinnert.

Rückenwind bekommt Whiting allenfalls vonseiten des konservativen «Telegraph», in dessen Diskussionsbeitrag Whites ehemalige Arbeitskollegin Nikki Ellis ausführlich zu Wort kommt. Sie äussert sogar die Befürchtung, durch die Lektüre von Fantasy-Literatur seien die Heranwachsenden «Dingen ausgesetzt, die sie in eine dunkle Welt und ins Okkultische herabziehen könnten».

Kritik und Spott auf Twitter

Auf Social Media dagegen erntet Lehrer Whiting eher Spott für seine streitbaren Ansichten.

«Ich bin ziemlich sicher, dass die Schrift von Graeme Whiting mehr Hirnschäden verursacht als Harry Potter», findet Twitter-Nutzerin «Crow»:

Literatur könne allerhöchstens dann Schaden anrichten, wenn man sie wörtlich nehme, äussert ein anderer Twitter-Nutzer und verweist dabei auch auf die an Grausamkeiten nicht arme Bibel:

Freie Leselust statt von oben verordnete Literatur

Andere britische Medien liefern weniger ernstgemeinte Diskussionsbeiträge, so wie das Boulevardblatt «Sun», das den erzürnten Privatschuldirektor kurzerhand «Dumble-bore» taufte. Eine Anspielung auf Rowlings Buch-Charakter und ergrauten Vorbild-Zauberer «Dumbledore», zu deutsch frei: «Dumble-Langweiler».

Heiter bis gelassen sieht die Sache auch eine Journalistin des Online-Magazins «Bustle». Ihr habe Fantasy-Literatur einst dabei geholfen, eine Depression zu überwinden, so die Autorin Kristian Wilson. Auf Whitings These, solche Werke machten süchtig, erwidert sie nur: «Sollte das nicht so sein bei einem guten Buch, Herr Direktor?» Um dann abschliessend zu urteilen: Kinder sollten lesen, worauf sie Lust haben und was ihnen gefällt.

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