Sich schick anziehen, saufen – und los geht die Schlägerei

In England prügeln sich regelmässig elegant gekleidete Herren während Pferderennen. Das Problem ist offenbar hausgemacht.

Handyaufnahmen der Massenschlägerei beim Pferderennen in Ascot, in der Nähe von Windsor. (Video: Tamedia/Twitter)

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Am letzten Wochenende flogen in England wieder die Fäuste. Nicht im Rahmen der letzten Runde der Premier League, wie man das vermuten könnte, sondern am Rande eines Pferderennens. Und es waren nicht vermummte Hooligans, die sich verprügelten, sondern elegant gekleidete Herren, mit Hemd, Gilet und Krawatte.

Die Massenschlägerei brach am Victoria Cup in Ascot aus, einer Pferderennstrecke im Westen Londons, unweit von Windsor, wo am nächsten Samstag die royale Hochzeit stattfindet. Die Ursache für den Gewaltausbruch ist gemäss englischen Medien simpel: übermässiger Alkoholkonsum.

Üble Szenen am Wochenende davor

Dabei sind die fliegenden Fäuste von Ascot keine Ausnahme, sondern schon fast eine erschreckende Regel, wie ein Blick zurück zeigt: Schon am letzten Wochenende gab es eine üble Schlägerei am Pferderennen von Goodwood, in Südengland, nähe Portsmouth. Ein schockierendes Handyvideo zeigt dort, wie im Gemenge ein Mann zu Boden fällt und wehrlos liegen bleibt, worauf ihm ein anderer Mann mit voller Wucht in den Kopf tritt. Auch hier waren sowohl Täter wie auch Opfer gut gekleidete Herren.

Dabei hat die Rennsaison erst gerade begonnen. In England tauchen sofort Bilder aus dem Vorjahr auf; auch dort gab es während Pferderennen veritable Massenschlägereien, beispielsweise am Shergar Cup, ebenfalls in Ascot:

Bei der diesjährigen Auseinandersetzung filmte ein Gast, wie sich die Anzugträger ausserhalb des Renngeländes weiterprügelten. Begonnen hatte die Schlägerei aber in der Anlage, wie eine Besucherin berichtet. Dabei flogen nicht nur Fäuste, sondern auch Biergläser. Scheiben gingen zu Bruch, und es gab Verletzte:

Der Gewaltausbruch begann nicht auf den billigen Plätzen, sondern im vierten Stock der Tribüne. Deshalb ist für die britischen Medien auch klar, dass Ticketpreiserhöhungen, um das pöbelnde Fussvolk abzuhalten, kaum ein Mittel gegen die Gewalt seien. Auch eine Erhöhung der Bierpreise würde diese augenscheinlich gut betuchte Schicht nicht vom übermässigen Alkoholkonsum abhalten.

Alkoholexzess wird in Kauf genommen

Die Medien und auch Rennfans geben den Organisatoren aber trotzdem Schuld an den Eskalationen. Man hole sich die Klientel für solche Exzesse bewusst auf das Gelände, lauten die Vorwürfe. So würden die Veranstalter aktiv Gruppenreisen an die Renntage bewerben und so Leute anlocken, die sonst keine Pferderennen besuchen. Sich schick anziehen und einen erinnerungswürdigen Tag auf der Anlage verbringen, so lautet das Versprechen.

Dazu kommt eine Komponente, wie man sie von Junggesellenabschieden kennt: Bereits bei der Anreise wird in den Cars heftig Alkohol getrunken. Auf der Zuschauertribüne muss das Bier auch nicht gesucht werden, Verkäufer laufen mit Behältern auf dem Rücken durch die Reihen und füllen die leeren Gläser sofort wieder auf. Die Veranstalter, so schreibt der Guardian, machen mit dem Alkohol an den Pferderenntagen ein sehr gutes Geschäft.

Und offenbar gehört dann für einige der Männer ein Faustkampf ebenfalls zum Erlebnis des Rennkampfs, wie die letzten Wochenenden wieder zeigten und worauf nun Kommentatoren hinweisen.

Rivalisierende Fussballfans?

Die Veranstalter müssten dringend etwas gegen diese Art von Freizeitbeschäftigung machen, fordert auch der britische Rennverband. Man werde die Rennlizenzen und die Sicherheitsmassnahmen überprüfen, hiess es.

Es brauche mehr Sicherheitsleute oder Polizei, sonst riskiere man, dass die Zuschauer und vor allem Familien die Pferderennen künftig meiden werden, schreiben Kommentatoren. Momentan gilt der Sport noch als einer der sichersten in England, doch der gute Ruf steht nach den jüngsten Ausschreitungen gerade gefährlich auf dem Spiel.

Weshalb die Schlägerei in Ascot startete, ist noch nicht klar. In Goodwood in der Vorwoche ist man mit der Aufklärung schon etwas weiter: Es war ungewöhnlich heiss, und in der Bar sollen zwei Gruppen aufeinandergetroffen sein, welche zu rivalisierenden Fussballclubs gehörten. Zehn Männer seien dabei schon so betrunken gewesen, dass ihnen kein weiterer Alkohol mehr ausgeschenkt wurde.

Nachdem eine der Gruppen vom Gelände gewiesen wurde, begann die Prügelei, aber offenbar nicht mit dem Sicherheitsdienst, sondern unter rund 50 Besuchern des Renntages, wie der Guardian schreibt. Auch hier zeigte sich: Die gut gekleideten und anständig aussehenden Männer hatten Tickets für die zweitteuerste Kategorie der Zuschauertribüne.

(anf)

Erstellt: 14.05.2018, 17:17 Uhr

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