Spart euch die Blumenkränze

Salo Muller, einst Masseur von Ajax Amsterdam, hat die holländische Bahn zu Entschädigungen aufgefordert – wegen ihrer Transporte in die KZ.

Jüdische Menschen im Sammellager von Westerbork. Von dort wurden die Eltern von Salo Muller mit der Bahn nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Foto: Spaarnestad Photo

Jüdische Menschen im Sammellager von Westerbork. Von dort wurden die Eltern von Salo Muller mit der Bahn nach Auschwitz-Birkenau deportiert. Foto: Spaarnestad Photo

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In «Shoah», Claude Lanzmanns epochaler Dokumentation über den Massenmord an den europäischen Juden, gibt es eine stumme Hauptrolle: die Bahn. Immer wieder sind in dem mehr als neunstündigen Werk Gleise zu sehen, hört man das Geräusch von Lokomotiven, fährt die Kamera langsam eine Strecke nach, an deren Ende das Eingangstor von Auschwitz-Birkenau wartet. Es ist keine neue Erkenntnis, dass der Holocaust ohne den Einsatz der Eisenbahn nicht möglich gewesen wäre.

Amsterdam, vor ein paar Wochen. Im dritten Stock eines modern gebauten Mehrparteienhauses öffnet ein älterer Herr schwungvoll die Wohnungstür. Mittelblaues Tweed-Jackett über weissem Rollkragenpullover, dunkle Hose, die Schuhe glänzen. «Salo», stellt er sich mit festem Händedruck vor, den Nachnamen lässt er weg.

Fussballfans, die schon etwas älter sind, könnte sein Name etwas sagen: In den späten Sechzigern und frühen Siebzigern galt Salo Muller als so etwas wie das Maskottchen von Ajax Amsterdam, das damals den schönsten Fussball in ganz Europa spielte, wie einem jeder gerne erklärt, der sich mit Fussball auskennt. Muller war deren Physiotherapeut. Er massierte so berühmte Schenkel wie die von Johan Cruyff und war selbst fast so schnell wie die Spieler: 100 Meter schaffte er unter elf Sekunden. Fiel jemand von Ajax gefoult auf den Rasen, war Salo Muller, immer gut zu erkennen an der dicken Hornbrille zum Trainingsanzug, zur Stelle.

Salo Muller, Kämpfer für die Opfer der Deportationen in die KZ. Foto: Getty Images

Heute ist bei Spielen von Ajax Amsterdam im Stadion manchmal aus den gegnerischen Fanblöcken ein seltsames Zischen zu hören, es soll das Geräusch einströmenden Gases imitieren. Besonders die Anhänger von ADO Den Haag haben krass antisemitische Fangesänge, beschmieren auch Widerstandsmonumente und Mahnmale mit antisemitischen Slogans. Hintergrund: Vor dem Krieg waren zehn bis fünfzehn Prozent aller Amsterdamer jüdisch, es ist eine stark jüdisch geprägte Stadt. So galt der 1900 gegründete Verein als «Judenverein». «Es ist schon befremdlich, die Chöre zu hören», sagt Muller. «‹Juden ins Gas›, ‹Juden bekommen Krebs›. Als ich früher auf den Platz lief, riefen sie auch: ‹Hey, dich haben sie wohl beim Vergasen vergessen›. Toll fand ich es nie. Aber jetzt mit der immer antisemitischer werdenden Stimmung in Europa, jetzt wird mir mulmig, wenn ich die Gesänge höre.»

1972 verliess Salo Muller Ajax. Eine Gehaltsverhandlung war in die Hosen gegangen, einen Assistenten wollte man ihm auch nicht stellen, also kündigte er. Das war eine grosse Sache in Holland, alle Zeitungen berichteten. Er machte dann eine eigene Physiotherapiepraxis auf, veröffentlichte wissenschaftliche Bücher, zog sich irgendwann aus dem Berufsleben zurück. Vor kurzem ist Salo Muller 83 geworden.

1942 von den Eltern getrennt

Seit vier Jahren ist es mit der Ruhe vorbei. 2015 las Salo Muller in der Zeitung, dass die französische Staatsbahn SNCF Holocaust-Überlebenden, die mit der französischen Bahn in Konzentrations- und Vernichtungslager deportiert worden waren, Entschädigungen in einer Gesamthöhe von 60 Millionen Dollar zahlen würde. Nicht aus reiner Nettigkeit, sondern aus wirtschaftlichem Interesse: Die SNCF wollte ins US-amerikanische Streckennetzwerk einsteigen, die Amerikaner knüpften das an die Bedingung von Entschädigungszahlungen. «Da dachte ich, hey», sagt Salo Muller, «dasselbe sollte man auch in Holland machen. Auch holländische Züge haben Menschen in Vernichtungslager transportiert.»

Im Mai 1942 hatte Salo Muller seine Eltern zum letzten Mal gesehen. Er war sechs Jahre alt. In Amsterdam hatte es eine grosse Razzia gegeben, man hatte viele Juden festgenommen und in ein Theater gebracht, in dem sie für den Weitertransport gesammelt wurden, darunter seine Eltern. Er selber war während der Razzia noch in der Schule gewesen und wurde später ebenfalls ins Theater gebracht, wo er zwischen Hunderten Menschen seine Eltern sah. In seinen Memoiren beschreibt Muller den Moment: «Sie standen auf der Bühne. Viele weinten. Ich rannte auf die Bühne zu und versuchte, hinaufzuklettern, aber ein Soldat versperrte mir den Weg. Meine Eltern winkten und bliesen mir Küsse zu. Ein Polizist kam und trug mich fort.»

Er überlebte, weil es in seiner Geschichte ein paar Helden gab. Ein Mann in hoher Funktion schrieb ihn auf eine Liste und rettete ihn. Nicht jüdische Holländer versteckten ihn bei sich. Nach dem Krieg kam er zu Verwandten. Er war neun Jahre alt, ein unsicherer, ängstlicher Junge, der die Angewohnheit hatte, immer positiv, freundlich und zu allen nett zu sein. Sein Überleben hatte von Fremden abgehangen. Es immer allen recht zu machen, war ihm zum Zwang geworden. Aus ihm wurde der nette, sympathische Salo Muller.

Antwort von Lost and Found

Erst Jahre später erfuhr er, was mit seinen Eltern geschehen war. Sie waren nach Westerbork gebracht worden, einem von den Deutschen errichteten Juden-Sammellager. Von dort ging am 9. Februar 1943 ihr Zug nach Auschwitz-Birkenau. Seine Mutter wurde offenbar direkt in die Gaskammer geschickt, ihr Todesdatum ist der 12. Februar. Den Vater ermordete man am 30. April. Insgesamt 93 Züge deportierten Juden von Westerbork aus in die Konzentrations- und Vernichtungslager im Osten.

Die niederländische Bahn erhielt mehrere Millionen Gulden von den deutschen Besatzern für die Transporte der Juden. Eine Fahrt von Holland nach Auschwitz dauerte drei Tage. Unterwegs gab es weder Wasser noch Nahrung noch sanitäre Einrichtungen. Bis zehn Prozent der Insassen starben während der Fahrt.

Salo Muller schrieb am 17. März 2016 seinen ersten Brief an die Eisenbahngesellschaft Nederlandse Spoorwegen, adressiert an den CEO. Er stellte sich vor, schilderte seine persönliche Geschichte. Und dann schrieb er, dass die niederländischen Bahnen dem Beispiel aus Frankreich folgen und ebenfalls Einzelpersonen Entschädigungen zahlen sollten.

Er bekam Antwort, allerdings nicht vom CEO: Die Geschichte sei wirklich sehr traurig, und sie bedauerten das alles sehr, aber man tue jedes Jahr bereits viel für die Allgemeinheit, «Blumenkränze und so, kurz: Es tut ihnen alles so schrecklich leid, aber sie würden nichts zahlen.» Salo Muller schrieb einen zweiten Brief. «Ich schrieb: Herzlichen Dank für Ihre Mühen, aber kollektive Entschädigungen nützen niemandem etwas, geschweige denn Blumenkränze.» Die Antwort war noch mal ungefähr die gleiche. Seinen dritten Brief beantwortete dann die Abteilung Lost and Found, vermutlich ein Versehen, denn Muller hatte nicht seinen Hut oder sein Telefon, sondern seine Eltern in einem Zug verloren.

Ein Fernsehinterview hilft

Jetzt reichte es Muller, und er war nicht mehr nett. Er hatte recherchiert, dass Roger van Boxtel, der CEO der holländischen Bahn, auch im Mitgliederrat von Ajax Amsterdam sass. Über seinen ehemaligen Arbeitgeber kam Muller an Van Boxtels Handynummer und rief ihn an. Er sei freundlich gewesen, habe aber von nichts gewusst. Man hatte ihm die Briefe nie weitergeleitet. Muller bat um ein Treffen. Van Boxtel sagte zu, wollte aber zuerst die Briefe lesen und versprach, sich zu melden. Doch das tat er nicht.

Schliesslich rief Muller einen Freund an, der beim Fernsehen arbeitet. Dem gab er in der Gedenkstätte Westerbork ein Interview, in dem er auch erzählte, dass er nichts mehr gehört habe von der Bahn. Kaum war der Beitrag gesendet, meldete sich Van Boxtel. Nun fand sich ein Termin für ein Treffen. Muller nahm seine Frau mit, deren Eltern ebenfalls deportiert und getötet worden waren. «Es tat ihnen alles furchtbar leid, aber sie würden nichts zahlen.» Es gab noch ein zweites Treffen. Wieder dieselbe Aussage. Salo Muller nahm sich eine Anwältin, und nachdem die mit einem Gerichtsverfahren gedroht hatte, ging alles ganz schnell. Ein weiteres Treffen wurde vereinbart, und kaum waren Muller, seine Anwältin und ein Kamerateam in Van Boxtels Büro, sagte dieser: «Salo, du hast gewonnen. Wir werden zahlen.»

Die Entscheidung fiel Ende November, noch tagt eine vierköpfige Kommission, die darüber entscheidet, wer genau wie viel bekommen soll. Fest steht bislang nur, dass sowohl Überlebende als auch ihre Kinder bedacht werden sollen.

Nun ergibt sich eine etwas merkwürdige Situation. Zwei Länder (Frankreich und die Niederlande), die auf deutschen Befehl hin Juden mit ihren jeweiligen Bahngesellschaften in von deutschen errichtete Vernichtungslager brachten, zahlen Entschädigungen an die Opfer. Die Deutsche Bahn dagegen hat nie Einzelpersonen entschädigt. Das rechtlich einwandfreie Argument: Die Deutsche Bahn AG ist nicht Rechtsnachfolger der Reichsbahn; für die Abwicklung von Ansprüchen aus früheren Zeiten ist das 1994 gegründete Bundeseisenbahnvermögen verantwortlich, das staatliche Aufgaben bündelt, von denen die im Wettbewerb stehende Deutsche Bahn AG entlastet werden soll. Dass die Deutsche Bahn wenig von Entschädigungszahlungen an einzelne Opfer hält, ist bekannt. Das Unrecht sei so gross, so monströs gewesen, dass es mit Geld nicht wiedergutzumachen sei, sagt ein Bahnsprecher in der Fernsehdokumentation «Akte D – Das Kriegserbe der Bahn» in die Kamera. Dafür überlegte man letztes Jahr, als Zeichen des Gedenkens einen ICE «Anne Frank» zu nennen.

Erstellt: 15.04.2019, 19:49 Uhr

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