Triftgletscher ist nur noch 2,5 Kilometer lang

Ein Grossteil der instabilen Gletscherzunge ist in Form einer Eislawine niedergegangen. Die Häuser in Saas-Grund VS sind verschont geblieben.

«Das schlimmste Szenario ist nicht eingetreten»: Die Behörden informierten auf einer Pressekonferenz. (Video: Tamedia/Newsnet)

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Am Triftgletscher oberhalb des Walliser Dorfs Saas-Grund sind am Sonntagmorgen gut zwei Drittel der gefährdeten Gletschermasse abgebrochen, trafen aber keine Siedlungen. Die Seilbahn bleibt weiterhin gesperrt, ebenso die Alp und die Wanderwege in der Region. Die Bewohner von Saas-Grund dürfen zurück in ihre Häuser. Das bestätigt Zivilschutz-Kommandant Bernhard Zen-Ruffinen gegenüber Tagesanzeiger.ch/Newsnet.

Am Sonntagmorgen hat die Feuerwehr die gesperrte Kantonsstrasse freigegeben. Spezialisten untersuchen im Verlauf des Vormittags das verbliebene Drittel an der Gletscherzunge vom Helikopter aus.

Video: Der Gletscherabbruch aus der Luft

Aufnahmen aus dem Helikopter zeigen die Abbruchstelle über Saas-Grund. Die abgerutschte Masse liegt nun unterhalb der Gletscherzunge, bedeckt von Nebel. (Video: 20 Minuten)

Niemand im Gefahrengebiet

Wegen der Gefahr, die vom Triftgletscher oberhalb des Walliser Dorfs ausgeht, sind am Samstag rund 220 Menschen evakuiert worden. Touristen haben die Nacht in Hotels im nicht evakuierten Teil des Dorfs verbracht, Anwohner des Weilers Unter dem Berg konnten bei Bekannten untergebracht werden.

Die Gebietssperre unterhalb des Triftgletschers und auf ihm gilt weiterhin. Das Betreten durch Menschen und Nutztiere ist verboten. Auch die Hohensaas-Bergbahnen und das Wandergebiet bleiben geschlossen, bis der Führungsstab vollständige Entwarnung gibt. Im Wandergebiet sind namentlich die Normalroute zum und vom Weissmies sowie der Höhenwanderweg Kreuzboden–Almagelleralp gesperrt.

Während der Nacht hätten sich keine Menschen mehr im Gefahrengebiet befunden, schreibt der Informationsdienst des Regionalen Führungsstabs Saas. Über die ganze Nacht hinweg wurde der Berg von der Seilbahn aus beleuchtet. Die Feuerwehr hat die Absperrungen überwacht.

Abbruch um fünf Uhr früh

Der gesamte Triftgletscher wurde intensiv mit einem sensiblen Radargerät und Kameras überwacht. Die Fliessgeschwindigkeit der instabilen Gletscherzunge nahm seit Samstagvormittag laufend zu. Bis am Abend beschleunigte sie sich von rund einem auf über zwei Meter pro Tag, wie der Führungsstab mitteilt.

Die Bewohner von Saas-Grund sind nach dem Gletscherabbruch erleichtert. (Video: Keystone)

Die Radarmessung um Mitternacht zeigte dann bereits Werte bis zu drei Metern. Im Verlauf der Nacht nahm die Geschwindigkeit auf bis zu fünf Meter pro Tag zu. «Um circa fünf Uhr heute Morgen sind etwa zwei Drittel der gefährdeten Gletschermasse abgebrochen», sagte Simon Bumann, der Leiter des Krisenstabs, an einer Pressekonferenz. Der restliche Teil sei immer noch absturzgefährdet. Die Experten seien aber zuversichtlich, dass dieser keine grösseren Schäden verursachen werde. Es sei eher mit geordneten Abstürzen zu rechnen.

Einwohner sind angespannt

Das Abbruchmaterial kam auf dem darunterliegenden Gletscher zum Stillstand, ohne die tiefergelegenen Gebiete in der Gefahrenzone zu erreichen. Rund 70 Rettungskräfte wurden für den Einsatz in Saas-Grund aufgeboten und stehen teilweise noch in Bereitschaft.

Gespenstische Stimmung: Der Berg war die ganze Nacht hindurch beleuchtet. (Bild: «20 Minuten»)

Die Stimmung am Morgen war gespenstisch, die Einwohner waren angespannt. «Es liegt etwas in der Luft», sagt eine Hotelbesitzerin zu Reportern von «20 Minuten». Man fühle sich an vergangene Unglücke erinnert. Etwa an den Gletscherabbruch bei Mattmark. Bei dem Unglück verloren im Jahr 1965 88 Menschen ihr Leben.

Der Triftgletscher mit einem Ausgangspunkt am Gipfel des Weissmies auf 4020 Meter Höhe geht seit 1986 kontinuierlich zurück. Insgesamt ist er bis 2015 um mehr als zwei Kilometer geschrumpft, wie die Statistik zeigt. Er hat noch eine Länge von etwa 2,5 Kilometern und bedeckt rund 2,5 Quadratkilometer Fläche.

Seit drei Jahren auf dem Radar

Wegen drohenden Abbruchs stand der Gletscher bereits 2014 unter intensiver Beobachtung. Vor etwa drei Wochen habe man anhand von Luftaufnahmen festgestellt, dass eine auffällige Bewegung des Gletschers im Gange ist, sagt ETH-Professor und Glaziologe Martin Funk zu Tagesanzeiger.ch/Newsnet. Deswegen wurde am Donnerstagabend zusätzlich eine Radarüberwachung installiert.

Im Hotel Dom haben 200 Feriengäste aus Holland übernachtet. «Ich hätte nicht damit gerechnet, dass so etwas in meinen Ferien passiert», sagte einer von ihnen. Nachdem er evakuiert wurde, bangte er um sein Auto: «Es ist alles so hektisch gewesen, dass ich meinen Autoschlüssel im Hotel vergessen habe.» Am Sonntagmorgen fand er etwas Gelassenheit: «Jetzt habe ich Abenteuerferien.» Seine Pläne wollte er trotzdem nicht ändern: Er will das Foodfestival in Saas-Fee besuchen und bis Dienstag noch einen Ausflug unternehmen.

(oli)

Erstellt: 10.09.2017, 13:38 Uhr

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