Fäden der Sex-Erpressung laufen in Zürich zusammen

Der frühere Credit-Suisse-Banker Helg Sgarbi hat die reichste Frau Deutschlands erpresst. Komplize war ein italienischer Sektenguru. Er rekrutierte seine Gefolgsleute in Zürich.

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Helg Sgarbi bat Susanne Klatten zuerst um 7 Millionen Euro, weil er angeblich in den USA bei einem Autounfall ein Kind verletzt habe und sich einen Prozess in seiner Position als «Sonderberater der Schweiz für Krisengebiete» nicht leisten könne. Beides war frei erfunden, doch Klatten zahlte. Als Sgarbi von seiner früheren Geliebten nochmals 14 Millionen verlangt, schaltet die Milliardärin die Polizei ein. Am 14. Januar wird Sgarbi bei Innsbruck in Tirol verhaftet. Er sitzt am Steuer eines alten Mercedes S 300.

Mit dabei ist Ernani Barretta (63) – ein Komplize, der Sgarbis Sex-Abenteuer mit Susanne Klatten oft gefilmt haben soll. Barretta fährt den Luxus-Offroader Audi Q7, und das besagt einiges über die Hierarchie zwischen den beiden: Der Italiener ist der Kopf, Sgarbi der Gehilfe. Doch die österreichische Polizei muss Barretta ziehen lassen; sie hat gegen ihn nicht genug in der Hand. Erst die Durchsicht der im Q7 beschlagnahmten Gegenstände bringt einen Zettel mit verschlüsselten Namen und Telefonnummern weiterer Opfer Sgarbis ans Licht.

10'000 Seiten Überwachungsprotokolle

Auf Antrag der Münchner Staatsanwaltschaft beginnen die Kollegen im italienischen Pescara Barretta und sein Umfeld zu überwachen. Die Telefonüberwachung, deren Protokolle 10'000 Seiten umfassen sollen, mündet im Mai dieses Jahres in eine Razzia an Barrettas Wohnort Pescosansonesco in den Abruzzen. Neben Barretta werden seine Schweizer Ehefrau, sein Sohn und seine Tochter verhaftet. Zudem Sgarbis Frau, die ihrem Mann 2003 ermöglicht hat, den alten Namen Russak abzulegen.

Bei der Durchsuchung eines luxuriösen Landguts und mehrerer Villen, die Barrettas Clan im armseligen Bergdorf errichtet hat, beschlagnahmt die italienische Polizei 1,7 Millionen Euro Bargeld, Liegenschaften und zehn Luxuskarossen, darunter ein Lamborghini und ein Rolls-Royce. Weitere Gelder sollen in Immobilien in Ägypten und anderswo investiert sein.

Barretta als selbsternannter Heiler

Das beträchtliche Vermögen hatten die Barrettas innerhalb eines Jahrzehnts angehäuft. Begonnen hatte der Automechaniker bescheiden: In den Neunzigerjahren schart er als selbst ernannter Heiler in Zürich eine Schar von Jüngern um sich, die sich im Kreis 6 regelmässig trifft. In mehreren Fällen soll der Italiener dabei schwer kranke Leute heilen. Seine Jünger haben eines gemeinsam: Sie sind in vielfältiger Weise Suchende und empfänglich für die Botschaft eines charismatischen Wunderdoktors, der sich als Gesandter Gottes ausgibt. Viele sind angehende Juristen, einige haben bereits den Abschluss im Sack, auch Sgarbi.

Die Jünger überweisen Barretta regelmässig einen Teil ihres Lohns und sammeln in Zürich für den Heiler; dieser will in Italien ein Waisenhaus für kriegsgeschädigte Kinder aus Ex-Jugoslawien bauen.

Für seine Heilkünste erwartet Barretta oft eine Gegenleistung. In diesem Zusammenhang stehen 1994 Ermittlungen der Zürcher Bezirksanwaltschaft wegen Erpressung und Betrug. Zürich betrachtet sich als nicht zuständig und übergibt das Verfahren an Italien, wo es im Jahr 2000 eingestellt wird.

Sgarbi im Kanton Zürich vorbestraft

Auslikon bei Pfäffikon ZH, Wohnort von Barrettas Schwiegermutter, wird zur Zürcher Basis der Gruppe. Die Luxusautos fallen auf im Dorf – eine von Barrettas Jüngerinnen soll als Geldkurierin wirken. Viele Anhänger, vor allem Frauen, ziehen im Lauf der Jahre zu Barrettas Clan. Nicht wenige lösen ihre Pensionskasse auf und überlassen das Geld Barretta. Dafür kriegen sie in Italien Kost und Logis. Zumindest die jüngeren Frauen müssen in Restaurants und Hotels, die Barretta unterdessen gehören, aber hart arbeiten, und das ohne Lohn. Die Fronarbeit der Männer wiederum ist auf dem Bau gefragt.

Und wenn ein Mann dafür nichts taugt, weiss Barretta schon, wie er ihm nützlich sein kann: Er setzt ihn auf Frauen an. Als Talent entpuppt sich dabei Sgarbi. Der hochgewachsene Charmeur sieht passabel aus und beherrscht sechs Sprachen. Als ehemaliger Kadermann der Credit Suisse und Offizier der Schweizer Armee hat er zudem gute Manieren.

Geld gegen Sex und Zuwendung

Bevor sich Sgarbi an die Milliardärin Klatten wagt, landet er erfolgreich bei vielen anderen Frauen. Nicht immer lässt er es dabei zur Erpressung kommen. Einige, vor allem ältere Frauen stillen seinen stets akuten Finanzbedarf auch freiwillig mit Millionen. Gegen Sex und Zuwendung.

Pech hatte Sgarbi nur 2002, als ihn eine Deutsche wegen Nötigung und Verletzung des Geheim- oder Privatbereichs durch Aufnahmegeräte anzeigte. Das Bezirksgericht Bülach verurteilte ihn zu 6 Monaten bedingt. Jetzt wartet Sgarbi in München im Gefängnis auf den Prozessbeginn.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.11.2008, 07:09 Uhr

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