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Warum am Hitzetag plötzlich der Dorfbach tobt

Im Wallis wars heiss, kein Tropfen Regen fiel. Trotzdem schwoll der Triftbach in Zermatt an. Was war geschehen?

Hochwasser ohne Regen: Das Wasser aus dem Gletschersee führte Moränenmaterial mit. Video: Leserreporter

An einem sonnigen Hochsommertag wurden die Zermatter von einem Hochwasser überrascht – obwohl es nicht geregnet hatte. Kurz nach 18 Uhr am Mittwoch trat der Triftbach über die Ufer und graue Wassermassen wälzten sich entlang der Hauswände, rissen Zäune und einen Schuppen mit.

Grund für das urplötzliche Ansteigen des Baches soll der Ausbruch einer Gletschertasche gewesen sein. Das ist ein unterirdischer See, der Moränenmaterial wie Sand und Steine mitführt.

Glaziologe Konrad Steffen erklärt den Vorfall mit der seit längerem anhaltenden Hitzeperiode. «Der gestrige Hitzetag hat nicht direkt zum Hochwasser geführt. Man weiss nie, wann eine Gletschertasche aufbricht.» Meistens passiere das nicht unmittelbar, sondern mit Verzögerung, die bis zu einen Monat dauern kann.

«Gletschertaschen sind ein neueres Phänomen», sagt der ETH-Professor und Direktor der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). Sie entstehen durch Schmelzwasser, das sich sammelt: Wasser ist schwerer als Eis und frisst sich in Form von Gletschermühlen in den Untergrund. Gelangt es bis zum Fels, versickert es. Bleibt es zwischen den Eisschichten, bildet es eine Tasche, die mehrere Tausend Kubikmeter Wasser enthalten kann. Aufspüren kann man sie nur mit Radarmessungen auf der Oberfläche des Gletschers.

«In Zermatt könnte auch ein auslaufender Gletschersee der Grund für das Hochwasser gewesen sein», sagt Steffen. «Der Gornergletscher im Monte-Rosa-Massiv südöstlich von Zermatt entleert sich beispielsweise jedes Jahr.» Die Schweiz sei so dicht besiedelt, dass die Gletscher relativ gut überwacht seien. «In anderen Ländern wie in Peru kann ein Gletscherausbruch dazu führen, dass ein ganzes Tal überflutet wird.»

Kameras und Pegelmesser warnen

Da mit der Klimaerwärmung die Gletscher dramatisch schrumpfen und das Schmelzwasser zunehme, steige die Wahrscheinlichkeit solcher Naturkatastrophen. Erst kürzlich fotografierte ein Bergsteiger am Mont Blanc einen neuen Gletschersee in einem Kessel auf 3000 Metern Höhe.

Im Juli 2018 gab es in der Simme bei Lenk ein von einem auslaufenden Gletschersee verursachtes Hochwasser. Ein Campingplatz und ein Restaurant wurden vorsorglich evakuiert. Das gleiche Phänomen gab es bereits im 2013 und 2011. Die Seen des Plaine-Morte-Gletschers werden nun seit mehreren Jahren mit Kameras und einer Pegelmessung überwacht. Diese lösen Alarm aus, wenn grosse Mengen Wasser zu erwarten sind.

Im Sommer 2011 musste in Grindelwald ebenfalls ein Campingplatz evakuiert werden, weil aus dem Oberen Grindelwaldgletscher plötzlich viel Wasser abfloss. Und beim nur wenige Kilometer entfernten Unteren Grindelwaldgletscher wurde für 15 Millionen Franken ein Stollen gebaut, damit der dortige Gletschersee keine Schäden verursachen kann. In der Schweiz werden seit Jahren Gletscherseen kontrolliert entleert.

Bis 2050 ist Hälfte des Gletschereises verschwunden

Hydrologen und Glaziologen nutzten Computermodelle über Eisfluss und Schmelzprozesse in Kombination mit Beobachtungsdaten, um die Entwicklung der Alpengletscher vorherzusagen. Die Alpen beherbergen noch rund 100 Kubikkilometer Gletschereis, bis 2050 werde die Hälfte davon verschwunden sein, schätzt ein Forscherteam der ETH Zürich und des WSL.

Der Triftbach in Zermatt ist einer der vielen Bäche, die permanent beobachtet werden. Er war seit Jahren nicht mehr auffällig. Zermatt hat ein Pegelwarnsysten, das am Mittwoch zum Einsatz kam. Der Alarm ging um 18:07 ein, Feuerwehr und Polizei hatten 15 Minuten Zeit, die Bachufer zu räumen und das Gebiet abzusperren.

Für die Bevölkerung habe keine Gefahr bestanden, einige Keller mussten ausgepumpt werden. Gemeindepräsidentin Romy Biner-Hauser sprach auf Anfrage der Nachrichtenagentur Keystone-SDA von einer «nicht kalkulierbaren Laune der Natur».

Noch sei die Gefahr nicht gebannt, sagt Kantonsingenieur Christian Studer zum «Walliser Boten». «Derzeit fliesst immer noch viel Wasser aus dem See im Triftgletscher.» Deshalb wurden zwei Beobachtungsposten eingerichtet.

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