Tödliche Frustration

Amoklauf: Das Attentat auf das kalifornische Youtube-Hauptquartier zeigt, wie gefährlich die Versprechen sozialer Medien sein können.

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Wieder hat in den USA jemand seine angestaute Wut in einem Amoklauf entladen und sich dann selbst gerichtet. Doch diesmal war es kein pickliger Schüler, kein Islamist oder vereinsamter Waffennarr. In der kalifornischen Hauptniederlassung der Videoplattform Youtube schoss eine 39-jährige Frau um sich, die auf ihren zahlreichen Social-Media-Kanälen das Einmaleins der Selbstoptimierung durchexerzierte: Mit Videos über Fitness und Bodybuilding, Tierrechte, Veganismus und Meinungsfreiheit versuchte sie sich als Youtuberin zu etablieren. Als ihr das nicht gelang, griff sie aus lauter Frustration zur Waffe.

Offensichtlich fühlte sich die Frau von Youtube benachteiligt. Laut Aussagen ihres Vaters warf sie der Plattform vor, ihre Videos zu zensurieren. Online beklagte sie sich, ihre Videos würden absichtlich schlecht platziert. So schrieb sie in einem Post: «Es gibt keine gerechte Möglichkeit, bei Youtube zu wachsen oder bei irgendeiner anderen Video-Sharing-Site, dein Kanal wächst nur DANN, WENN SIE WOLLEN!!!!»

Noch ist über das genaue Motiv für diese Wahnsinnstat wenig bekannt. Tatsächlich aber hat Youtube gerade erst strengere Regeln für das Schalten von Werbung eingeführt. Während man bis im Februar ab 10 000 Klicks auf seinem Kanal Werbung platzieren konnte, muss man dazu heute mindestens 1000 Follower und 4000 Stunden Material vorweisen. Mit den neuen Regeln wolle man die Qualität der Inhalte verbessern, schrieb Youtube. Viel mehr noch dürfte es darum gehen, ein angemessenes Umfeld für Werbekunden zu garantieren. In den vergangenen Jahren wurde die Plattform immer wieder von Skandalen erschüttert: von Terrorpropaganda über Enthauptungsvideos bis zum Beitrag des Star-Youtubers Logan Paul, der sich über ein Suizidopfer lustig machte. Pech für jene Werbekunden, die im Umfeld dieser Videos landeten.

Der Werbekunde ist König

So notwendig es scheint, gewisse Inhalte zu unterbinden – beim Durchschnittsproduzenten kommen die neuen Regeln schlecht an. Denn sie machen es ungleich schwieriger, mit Videos beliebigen Inhalts über Nacht zum «professionellen Youtuber» aufzusteigen, ein Status, der in den vergangenen Jahren eine gigantische Sogkraft entwickelt und dem klassischen Popstar den Rang abgelaufen hat. Dank Youtube brauchte man bis jüngst bloss ein Smartphone und ein paar Tausend Views auf seinem Kanal, um Geld zu verdienen und sich allmählich etablieren zu können. Diesen Traum haben die neuen Regeln nun zerstört, denn Youtube hat die Hackordnung in seinem Ökosystem unmissverständlich klargemacht: Zuerst kommt die Werbewirtschaft, dann kommen die Kreativen, die mit ihrem Gratis-Content ein Publikum für Werbebotschaften anlocken. Und sie beschneidet man jetzt, insbesondere die kleinen, unbekannten.

Es ist derselbe Konflikt, der auch andere soziale Medien umtreibt: das Dilemma zwischen Meinungsfreiheit und Sozialverträglichkeit. Jeder liebt eine Gratisdienstleistung – aber auch die hat am Ende einen Preis. Die sozialen Medien erzeugten eine soziale Utopie, indem sie die medialen Zwischenhändler ausschalteten und allen vermeintlich gleiche Chancen boten. Zusammen mit dem Versprechen sozialer Mobilität, in der auch der kleinste Video-Tellerwäscher es zum Youtube-Millionär bringen konnte, wurden immense Hoffnungen geweckt. Und diese werden jetzt Stück für Stück enttäuscht, ohne dass für die Betroffenen transparent ist, wie und warum der Anbieter die Regeln ändert und was das für den Einzelnen bedeutet.

In einer Zeit wie der unsrigen, in der sich jeder prinzipiell zu allem berechtigt fühlt, kann das tödliche Frustration und irrationale Reaktionen zur Folge haben. Das Attentat der frustrierten Youtuberin ist nur das letzte Beispiel dafür.

Erstellt: 04.04.2018, 23:33 Uhr

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