Tragisches Ende eines syrischen Kinderstars

Mitten im heftig umkämpften Aleppo wird eine TV-Serie produziert. Star der Sitcom ist der 14-jährige Kussai Abtini. Aus Sicherheitsgründen wollte er die Stadt nun verlassen.

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Die Serie erinnert ein wenig an «Ein Herz und eine Seele»: Eine Ehefrau hat mit den Tücken des Ehelebens zu kämpfen und trickst immer wieder das dominante Familienoberhaupt aus. Aber in dieser Show übernehmen Kinder die Hauptrollen. Und sie spielt in einem historischen Steingebäude der Altstadt von Aleppo, belagert von syrischen Regierungstruppen.

«Ummar Abdu aus Aleppo» ist eine Kuriosität dieses Krieges, der nun schon seit fünf Jahren andauert. Die Sitcom wurde in einem von Rebellen gehaltenen Stadtteil produziert und 2014 von einem örtlichen Fernsehsender ausgestrahlt, der der Opposition nahesteht. Den Zuschauern bot sie einen unbeschwerten Blick auf das Leben in der vom Krieg verwüsteten Stadt und zeigte, wie die Menschen zurechtkamen mit den ständigen Stromausfällen und Wassermangel, mit Gewalt und Streit unter den Rebellen. Die Kinderdarsteller sorgten für einen unschuldigen Grundton der Serie.

Letzte Fluchtrouten abgeschnitten

Nun brach die Tragik in diese Unschuld ein: Kussai Abtini, der 14 Jahre alte Hauptdarsteller, der den Ehemann spielte, wurde bei einem Raketenangriff getötet. Das Geschoss traf das Auto, in dem er aus Aleppo flüchten wollte. Mit seinem strahlenden Lächeln und seinen dichten schwarzen Haaren war Abitni eine lokale Berühmtheit in Aleppo.

Regierungstruppen kesselten in den vergangenen Wochen die von Rebellen gehaltenen Stadtteile vollständig ein und schnitten so auch die letzten Fluchtrouten ab. Die Stadt ist seit dem Sommer 2012 zwischen Rebellen und Regierung geteilt, Zehntausende Bewohner wurden in den Gefechten bereits getötet.

Dreharbeiten während draussen Bomben explodieren

Von «Umm Abdu aus Aleppo» wurden bei Halab Today TV fast 30 Folgen gezeigt, jede war etwa zehn Minuten lang. Gedreht wurde in Aleppo, auch wenn die Stadt fast täglich Ziel von Angriffen war. In einer Szene, die nicht gesendet wurde, zucken drei Mädchen vor der Kamera beim Lärm einer Explosion zusammen und führen dann ihren geplanten Dialog fort.

Regisseur Baschar Sakka erklärt, er habe Kinder für die Rollen ausgewählt, weil diese Zeugen «der Massaker von Assad gegen die Kindheit» seien. Die jungen Darsteller sprechen alle den für die Stadt typischen Akzent. Die Titelfigur Umm Abdu wurde von einem jungen Mädchen namens Rascha gespielt, während Abtini ihren Ehemann Abu Abdu darstellte. Zusammen bildeten sie ein stereotypes Ehepaar, er herrisch und dominant, sie gewitzt und ehrgeizig. Beide durchleben die üblichen Konflikte, die entstehen, wenn Nachbarn auf engstem Raum zusammenleben, aber auch Schwierigkeiten, die so nur im Krieg möglich sind.

«Willst an die Front, wenn du doch vor einer Kakerlake Angst hast»

In einer Folge besucht die Mutter eines Kämpfers für die Rebellen die Familie. Sie will ihren Sohn mit Umm Abdus Tochter verheiraten. Beim Tee erzählt Umm Abdu ihr, dass all ihre Töchter mit Mitgliedern der Freien Syrischen Armee verheiratet sind, der vergleichsweise säkularen Dachorganisation der Rebellen. Als sie erfährt, dass der Heiratskandidat ein Mudschahid ist, ein islamistischer Kämpfer, fordert sie einen besonders hohen Brautpreis, um die Verhandlungen gleich im Keim zu ersticken.

In einer anderen Folge beschliesst die Ehefrau, gemeinsam mit ihren Freundinnen eine rein weibliche Rebellengruppe zu bilden. Abu Abdu macht sich über sie lustig und sagt: «Du willst an die Front, wenn du doch schon vor einer Kakerlake Angst hast.» Dann behauptet er, unter dem Sofa habe sich eine Maus versteckt und lacht, als sie schreiend aufspringt.

Kussai war Teil des Aufstands

«Kussai war sehr talentiert», sagt Sakka via Skype aus dem Süden der Türkei. «Wir suchten nach einem intelligenten Jungen. Wir wollten, dass er frei denkt und keine Angst hat vor dem Regime von Baschar al-Assad.»

Abtini war zehn Jahre alt, als die Proteste gegen den syrischen Präsidenten Assad im März 2011 begannen. Rasch wurde er Teil des Aufstands, nahm an Demonstrationen gegen die Regierung teil, oft auf den Schultern seines Bruders sitzend. Er äusserte sich in Videos der Opposition, kritisierte Assad und beschrieb die Zerstörung von Aleppo. Gleichzeitig spielte er im Schultheater. Der Direktor dort, Afraa Haschem, erkannte sein Talent und stellte ihn Sakka vor.

«Hast dem Regime mit deinem Spiel Angst gemacht, darum haben sie dich ermordet»

Nach dem Ende der Serie übernahm Abtini Rollen im Stadttheater. So spielte er im vergangenen Sommer einen Rebellen, der in den Gefechten getötet wird. Während seine Mutter weint, sagt ein Mann zu ihr: «Freu dich für ihn. Er wollte ein Märtyrer sein und das hat er geschafft.»

Im echten Leben wurde das Haus seiner Familie kürzlich bombardiert, sein Vater wurde verwundet und ist seitdem auf einen Rollstuhl angewiesen. Am 8. Juli beschloss der Vater dann, seine Kinder aus Aleppo herauszubringen. Auf der einzigen Strasse aus den Rebellengebieten in Aleppo heraus wurde das Auto mit Abtini von einer Rakete getroffen. Unklar bleibt, ob es ein gezielter Angriff war.

In einem Video von der Trauerfeier wenige Tage später ist sein Vater zu sehen, der im Rollstuhl den Trauermarsch verfolgt. Er hält ein Schild, auf dem steht: «Kussai, Abu Abdu aus Aleppo. Du bist ein kleiner Held. Du hast dem Regime mit deinem riesigen Spiel Angst gemacht, darum haben sie dich ermordet.»

Erstellt: 02.08.2016, 18:50 Uhr

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