Überleben reichte nicht

Die Australierin Tiffany Johnson kehrt an den Saxetbach zurück, der sie vor zwanzig Jahren fast getötet hätte.

Lange marterten Wut und Schuldgefühle die junge Frau, manchmal habe sie sterben wollen, schreibt Johnson in ihrem Buch. <nobr>Foto: PD</nobr>

Lange marterten Wut und Schuldgefühle die junge Frau, manchmal habe sie sterben wollen, schreibt Johnson in ihrem Buch. Foto: PD

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Zwanzig Jahre nachdem ihre Freunde tot an ihr vorbeitrieben, mit dem Gesicht nach unten im Wasser liegend, wird Tiffany Johnson zurückkehren an den Ort des Grauens, den Saxetbach in der Nähe von Interlaken, dessen Wasser bei schönem Wetter durchsichtig klar über Felsen strömt.

Nicht so am späten Nachmittag des 27. Juli 1999. Im Einzugsgebiet geht ein starkes Gewitter nieder, das Wasser durchbricht einen Damm, der sich aus Schwemmmaterial gebildet hat. Eine rund zwei Meter hohe Flutwelle voller Schlamm und Geröll rollt durch das Tobel. 45 Canyoning-Touristen und deren Guides befinden sich in dieser Falle, darunter auch Tiffany Johnson, Australierin, gerade 21 geworden. Nun hat sie dieses Erlebnis in einem Buch verarbeitet («Brave Enough Now», kostenlos als E-Book erhältlich).

Nur drei aus ihrer Elfergruppe schafften es aus dem Wasser.

Am Himmel hätten sich schwarze Wolken geballt, schreibt sie. Die Gruppe steigt trotzdem hinab zum Bach. Als das Wasser ansteigt, mahnen die Canyoning-Guides zur Eile. Zu spät. Die Flut schiesst heran, presst Johnson gegen einen Stein, rammt einen Baumstamm in ihren Oberkörper, vier Rippen brechen. Johnson, eine gute Schwimmerin, gerät unter Wasser, lässt sich treiben, glaubt zu sterben, bis sie sich ans Ufer retten kann, wo Überlebende sie in Sicherheit ziehen. Nur drei aus ihrer Elfergruppe schaffen es lebendig aus dem Wasser.

21 Menschen sterben insgesamt, darunter 14 junge Australier, mit einigen hat sich Johnson gerade angefreundet, eine «Gemeinschaft, die mich akzeptierte», wie sie schreibt.

Johnson reiste damals, um die Welt zu erkunden und sich selber. Sie war im ländlichen Australien aufgewachsen, eine behütete Kindheit, mit 17 Jahren verliess sie fürs Studium das Elternhaus. Um einer unglücklichen Liebe zu entkommen, buchte sie eine geführte Tour durch Europa, auf dem Programm standen zahllose Sehenswürdigkeiten, viel Alkohol und ein Canyoning-Abenteuer.

In den Wochen nach dem Unglück schmerzte ihr ganzer Körper. Die gebrochenen Knochen und der aus­gehängte Kiefer verheilten, doch die Bauchspeicheldrüse funktionierte fortan nicht mehr. Das hat Johnson zur Diabetikerin gemacht, abhängig von Insulin.

Die alten Bilder dürften wieder hochkommen.

Lange marterten Wut und Schuldgefühle die junge Frau, manchmal habe sie sterben wollen, schreibt sie – Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung.

Den Weg zurück in ein normales Leben beschreibt sie als beschwerlich. Ohne ihren Mann und professionelle Hilfe hätte sie das kaum geschafft. Heute hat Johnson zwei Kinder, sie arbeitet als Illustratorin und Autorin, lebt in Melbourne und nennt sich eine «selbstbewusste, mutige» Frau. Nach Jahren der Rastlosigkeit habe sie begriffen, dass sie nicht auch das Leben jener leben müsse, die damals neben ihr im Saxetbach ertranken.

Zum Jahrestag der Katastrophe am nächsten Samstag reist sie nach Interlaken, erstmals seit 1999. Es werde sicherlich emotional werden, sagte Johnson dem «Blick». Die alten Bilder würden wohl alle wieder hochkommen. Immerhin: Es ist schönes Wetter angesagt. Der Saxetbach wird klar bleiben.

Erstellt: 21.07.2019, 23:03 Uhr

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