Täuffelen

Unfallverursacher kann sich an nichts erinnern

Vor vier Jahren ist in Täuffelen bei einem Autounfall ein Familienvater ums Leben gekommen. Seit Montag müssen sich zwei Autofahrer vor Gericht verantworten. Sie sollen sich ein Rennen geliefert haben.

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Philippe K. * kann sich nicht mehr erinnern, was am 17. Dezember 2011 vorgefallen ist. «Es tut mir alles so leid. Ich habe mich Tausende Male gefragt, wie es so weit hat kommen können, doch ich kann es mir auch heute nicht erklären. Ich komme auf keinen grünen Zweig», sagte er am Montag vor dem Regionalgericht Berner Jura-Seeland.

Der heute 22-jährige K. war an besagtem Tag mit seinem BMW auf der Hauptstrasse von Hagneck her kommend durch Täuffelen gefahren. Den Führerausweis hatte er gerade mal einen Monat zuvor erlangt. Bei einem Überholmanöver in einer Kurve kam es dann zum tragischen Unfall.

K. verlor die Kontrolle über seinen Wagen und prallte in ein entgegenkommendes Fahrzeug und im Anschluss mit dem Heck in Hermann S.*, der mit seiner Familie auf dem Zebrastreifen die Strasse überquerte. S. verstarb noch auf der Unfallstelle. Frau und Kind wurden verletzt, ebenso der Fahrer des entgegen­kommenden Fahrzeugs. K. selber musste schwer verletzt mit der Rega ins Inselspital geflogen ­werden.

Seit Montag steht K. nun vor Gericht. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, sich mit seinem ­damals besten Freund, dem gleichaltrigen Thomas R. *, auf der Hauptstrasse ein Rennen geliefert zu haben. Beide sind unter anderem wegen vorsätzlicher Tötung, mehrfacher versuchter vorsätzlicher Tötung und mehrfacher Verletzung der Verkehrs­regeln angeklagt.

«Überkorrekt gefahren»

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass sich die beiden damals 18-jährigen Schweizer zum Rennen angestachelt hatten. Die Angeklagten bestritten dies – so auch am Montag. So gab R. vor Gerichtspräsidentin Sonja Koch an, dass er seinen Freund bei dessen erstem Überholversuch eingangs Täuffelen ausgebremst habe, indem er über die Mittellinie gefahren sei. Es habe sich aber nicht um ein Rennen gehandelt, sondern nur «ein Herumblödeln».

Den Anklagepunkt, wonach er beim fatalen Überholmanöver mit Beschleunigen erneut versucht haben soll, seinen Freund auszubremsen, tat R. ab. Er habe im Gegenteil versucht, K. durch «überkorrektes Fahren» unter 50 Stundenkilometern aufzuzeigen, dass er sich nicht mit ihm messen wolle. K. hatte sein Überholmanöver in der Folge laut einem Gutachten, das die Staatsanwaltschaft in Auftrag gegeben hatte, bei maximal 93 bis 100 Stundenkilometern durchgeführt.

R. sagte am Montag, der 17. Dezember 2011 sei der schlimmste Tag in seinem Leben gewesen. Auch sei tragisch, was vorgefallen sei, und es tue ihm «wahnsinnig leid» für die Angehörigen des verstorbenen S. «Doch es stand nicht in meiner Macht, zu ändern, wie K. gefahren ist.»

Das sieht die Staatsanwaltschaft freilich anders. Sie geht davon aus, dass R. in dem Moment, als K. im Begriff war, zu überholen, eben doch beschleunigte. Dadurch habe R. die Überholstrecke von K. und die Bremswege beider Fahrzeuge verlängert. Zudem habe die Gefahr massiv zugenommen, dass die Fahrzeuge ausser Kontrolle geraten würden, heisst es in der Anklageschrift.

Auf dem Mobiltelefon von R. stiess die Staatsanwaltschaft zudem auf eine Whats-App-Nachricht, in der dieser nach dem Vorfall folgende Nachricht textete: «Wegen mir ist er ja so gefahren.» Er habe in diesem Moment ein schlechtes Gewissen gehabt, «weil ich dachte, dass sich K. durch das vorangegangene Her­umblödeln vielleicht zum Überholmanöver provoziert fühlte», so der Verfasser.

«Ich habe nur noch geweint»

K. stellte am Montag weder in Zweifel, den Unfallwagen gesteuert zu haben, noch, für den Unfall verantwortlich gewesen zu sein. Er sei von seiner Mutter im Spital aufgeklärt worden, was er getan habe. Als er dies nach einer Zeit der Ungläubigkeit realisierte, «habe ich nur noch geweint». Auch vor Gericht brach K. mehrmals in Tränen aus.

Allerdings glaubt auch K. nicht, dass es im Dezember 2011 um ein Rennen ging. Er könne sich nicht erinnern, mit seinem Freund R. je über ein solches Vorhaben gesprochen zu haben. «So etwas würde mir doch nicht in den Sinn kommen.» Dass bei der Untersuchung durch die Staatsanwaltschaft offenbar ein Chat der beiden gefunden worden war, in dem der Begriff «Rasen» auftaucht, tat K. damit ab, dass der Ausdruck in der Jugendsprache leichtfertiger verwendet werde.

K. und R. haben inzwischen beide eine Berufslehre abgeschlossen und eine Anstellung gefunden. Den Kontakt zueinander haben die ehemaligen Nachbarn und besten Freunde allerdings verloren. Auf ihre Zukunftspläne angesprochen, gaben beide an, dass diese vom Ausgang des Verfahrens abhängen würden. Für K. ist aber eines sicher: «Ich interessiere mich nicht mehr für das Autofahren.»

Am Dienstag werden Zeugen befragt

Am Montag kam auch der Lenker des Wagens zu Wort, in den K. gekracht war, bevor Familienvater S. von ihm erfasst worden war. Er tritt als Straf- und Zivilkläger auf und sagte aus, dass er immer noch unter Rückenschmerzen leide und Schmerzmittel einnehmen müsse.

Am Dienstag werden gemäss dem Verhandlungsplan fünf Zeugen befragt. An den darauf folgenden zwei Tagen stehen die Plädoyers an. Das Urteil soll am kommenden Montag eröffnet werden.

* Namensind der Redaktion bekannt

Erstellt: 07.12.2015, 21:52 Uhr

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