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Urner Schulklasse von Mobbingvorwurf entlastet

Eine 5. Klasse in Spiringen UR habe einen Schüler gequält, bis er sich das Leben nahm, sagte das Gerücht. So war es nicht, sagt der Urner Erziehungsrat. Doch Zweifel bleiben.

Wenn sie einen Schulkameraden verlieren, ist dies für Kinder bedrückend genug. Noch schlimmer ist es, wenn sie beschuldigt werden, ihn in den Tod getrieben zu haben. Mit diesem Vorwurf sah sich im April eine fünfte Klasse in Spiringen konfrontiert. Der elfjährige Markus, ein eher lernschwacher Bub, sei in der Schule des Urner Dorfs im Schächental derart geplagt worden, hiess es, dass er es nicht mehr ausgehalten und sich das Leben genommen habe.

Markus war am Sonntag, 3. April, in Attinghausen tot aufgefunden worden – er war eine 110 Meter hohe Felswand hinabgestürzt. Markus war bei seiner Grossmutter zu Besuch gewesen und am Samstag allein aus dem Haus gegangen. Als es dunkel wurde und er nicht zurückkam, löste die Familie Alarm aus.

Schon während der Suche nach ihm machte das Gerücht die Runde, Markus sei in der Schule gemobbt worden und habe deshalb Suizid begangen. Das teilten die Urner Behörden damals als Reaktion auf einen «Blick»-Artikel mit. Das Amt für Volksschulen werde den Vorwürfen nachgehen.

Die Behörden gehen von einem Unfall aus

Gestern gab der Urner Erziehungsrat aufgrund einer Abklärung durch Fachleute des Glarner Volksschulamts Entwarnung. Der Knabe hatte sich zwar vor seinem Tod zwei Wochen lang geweigert, in die Schule zu gehen. Doch es seien keine Hinweise auf eine Suizidgefährdung aufgetaucht. «Die Behörden und auch die betroffenen Eltern gehen deshalb von einem Unfall aus», schreibt der Erziehungsrat.

Die Mutter von Markus hatte zu Beginn des Schuljahrs den neuen Klassenlehrer darauf aufmerksam gemacht, dass ihr Sohn in der 4. Klasse geplagt worden sei. Trotz Gesprächen und «erhöhter Aufmerksamkeit» der Lehrpersonen hörten die Mitschüler aber nicht auf, ihm das Leben schwer zu machen. Laut Erziehungsrat gab es unter den Schülern Streitigkeiten und Plagereien. Ein systematisches Mobbing könne jedoch nicht nachgewiesen werden.

Mädchen schwer gemobbt

Markus war in Spiringen aber nicht das erste Opfer von Plaggeistern. In derselben Klasse war zuvor ein Mädchen gemobbt worden, das angeblich zu dick war und in der Folge derart abmagerte, dass es im Spital zwangsernährt werden musste. Der Urner Bildungsdirektor Josef Arnold, von Amtes wegen Präsident des Erziehungsrats, bestätigt den Vorfall. Er spricht von drei bis vier Mobbingfällen an Urner Schulen pro Jahr.

Eine zweite Erkenntnis der Untersuchung macht ebenfalls stutzig. Den Glarner Fachleuten war bei ihren Gesprächen in Spiringen aufgefallen, dass das Thema «Berg und Dorf» in den Köpfen stark verankert sei. Im Dorf wohnen mehrheitlich Gewerbler und Leute, die zur Arbeit ins Tal hinunterpendeln.

Handys und Internet

Mit «Berg» sind die bäuerlichen Streusiedlungen am Hang des Schächentals gemeint, wo gemäss einem Kenner «eine knorrigere und langsamere Gangart» vorherrsche.Diese beiden Seiten des 900-Seelen-Dorfs, zu dem als Exklave auch der Urnerboden auf der Glarner Seite des Klausenpasses gehört, haben laut Erziehungsrat «unterschiedliche, sogar gegensätzliche Erwartungen an die Schule». Ein Projekt, um die schwierige Klasse für den Umgang mit Konflikten zu sensibilisieren, die vermehrte Einbindung der Eltern und eine externe Analyse der Schulen Schächental sollen das Problem in Spiringen nun lösen.

Für Hermann Blöchlinger, der 2005 als Leiter des Schulpsychologischen Dienstes des Kantons St. Gallen Urner Lehrer in der Krisenarbeit schulte, ist es am wichtigsten, dass Schülerinnen und Schüler – ob als Opfer oder Zeugen – Mobbing melden. Ebenso Eltern, die aus Angst, es könnte für ihr Kind noch schlimmer werden, oftmals schwiegen. Mobbing habe vor allem wegen Handys und Internet stark zugenommen, sagt Blöchlinger: «Es ist einer der häufigsten Gründe für Anfragen bei unserer Interventionsgruppe.»

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