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Vater der Terrorverdächtigen reist nach Boston

In den USA kritisieren Abgeordnete das FBI. Nicht zum ersten Mal sei ein mutmasslicher Attentäter zuvor unter Beobachtung gestanden. Der Vater der Brüder packt derweil in Russland seine Sachen.

In diesem Spital in Boston liegt der schwer verletzte Dzhokhar Tsarnaev, nachdem ihn die Polizei nach stundenlanger Jagd festnehmen konnte. (19. April 2013)
In diesem Spital in Boston liegt der schwer verletzte Dzhokhar Tsarnaev, nachdem ihn die Polizei nach stundenlanger Jagd festnehmen konnte. (19. April 2013)
Keystone
Wiesen eine Mitverantwortung von sich: Rebellen im Kaukasus. Auf diesem Bild mit Doku Umarow (Mitte), ehemaliger tschetschenischer Präsident, der heute als Anführer der Widerstandskämpfer gegen Russland gilt. (Archivbild)
Wiesen eine Mitverantwortung von sich: Rebellen im Kaukasus. Auf diesem Bild mit Doku Umarow (Mitte), ehemaliger tschetschenischer Präsident, der heute als Anführer der Widerstandskämpfer gegen Russland gilt. (Archivbild)
AFP
Einsatzbereit: Polizisten sichern die Strassen des Bostoner Vororts, auch gepanzerte Fahrzeuge wurden in Stellung gebracht. (19. April 2013)
Einsatzbereit: Polizisten sichern die Strassen des Bostoner Vororts, auch gepanzerte Fahrzeuge wurden in Stellung gebracht. (19. April 2013)
AFP
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Eine Woche nach dem Attentat beim Marathon von Boston ist das Motiv der Tat weiterhin unklar. Während der Überlebende der beiden mutmasslichen Attentäter offenbar schriftlich vom FBI befragt wird, ist die Vorgeschichte des Attentats bisher nur sehr lückenhaft bekannt. Unklar bleibt, was die beiden Brüder zum Terrorismus getrieben haben soll – und wieso das FBI den Anschlag nicht verhindern konnte.

In die Kritik geraten ist die US-Bundespolizei, weil sie den am Freitag getöteten älteren Bruder nach eigenen Angaben im Jahr 2011 überprüft hatte und es dennoch zu den Anschlägen kam. Zwei republikanische Abgeordnete, Michael McCaul und Peter T. King, haben einen Brief an das FBI, das Heimatschutzministerium und den Chef der Nationalen Nachrichtendienste verfasst. Wie die «New York Times» und «USA Today» berichten, schreiben die beiden darin von einem «geheimdienstlichen Versagen». McCaul ist der Vorsitzende des Ausschusses für Heimatschutz im US-Repräsentantenhaus und hat Zugang zu Geheimdienstinformationen. Auch King ist Terrorismusexperte.

Fünf Fälle

Der Fall werfe ernsthafte Fragen über die Wirksamkeit der Terrorismusbekämpfung in den USA auf, schreiben die beiden weiter. Der getötete mutmassliche Attentäter Tamerlan Tsarnaev sei bereits der fünfte Verdächtige seit den Anschlägen vom 11. September 2001, dem Verstrickungen in einen terroristischen Angriff vorgeworfen worden seien, während er unter FBI-Beobachtung gestanden habe, hiess es. Das FBI hatte Tamerlan als «radikalen Islamisten» im Visier und auf Wunsch einer ausländischen Regierung überprüft. Laut US-Medien bestätigte die Behörde inzwischen, dass es sich dabei um Russland gehandelt habe. FBI-Agenten hatten Tamerlan und Familienangehörige verhört. Die für die innere Sicherheit zuständige Bundespolizei nahm ihre Untersuchungen aber nicht wieder auf, als Tamerlan im Sommer 2012 von einer sechsmonatigen Reise nach Dagestan und Tschetschenien in die USA zurückkehrte, wie Mitarbeiter einräumten.

Laut einem Bericht des «Wall Street Journal» vollzog sich die Hinwendung Tamerlans zum Islam in den vergangenen Jahren unter dem Eindruck einer Familienkrise. Die Ehe der Eltern sei zerbrochen, die Mutter, Zubeidat Tsarnaeva, habe sich mit ihrem älteren Sohn verstärkt den muslimischen Gebräuchen unterworfen und verschleiert. Nach Informationen der «New York Times» hatte er sich nach seiner Rückkehr radikalisiert.

Den Angaben des FBI widersprechen derweil Familienmitglieder. Wie der britische «Guardian» berichtet, sagte Zubeidat Tsarnaeva, die Mutter der beiden, das FBI habe regelmässig mit der Familie gesprochen. «Sie sagten mir, Tamerlan sei ein Extremistenführer und würde von ihnen als gefährlich eingestuft.» Weiter soll sie gesagt haben, die Polizei hätte «jeden Schritt» ihres Sohnes überwacht. Gemäss «Russia Today» sagte die Mutter zudem, die Überwachung habe mehrere Jahre gedauert.

Indiziensuche in Dagestan

Verschiedene Reporter haben derweil in Dagestan nach Spuren der mutmasslichen Radikalisierung von Tamerlan Tsarnaev gesucht. In der russischen Republik im Nordkaukasus gibt es seit den 90er-Jahren Aufständische, wovon ein Teil militanten islamistischen Gruppierungen zuzurechnen ist. Terroristen aus Dagestan sollen für die Anschläge in der U-Bahn von Moskau im Jahr 2010 verantwortlich sein.

Im Januar 2012 reiste Tamerlan Tsarnaev für sechs Monate nach Dagestan. Laut der «New York Times» soll er damals keinen Alkohol mehr getrunken, einen Bart getragen und fünfmal täglich gebetet haben. In Dagestan angekommen, muss Tamerlan verschiedentlich Gewalt miterlebt haben. Zwei oder drei tödliche Bombenattentate im Monat seien in dieser Zeit die Regel gewesen. Die russische Bundespolizei habe zudem Dutzende Menschen getötet, die sie als muslimische Aufständische bezeichnete.

Die Reporter der «New York Times» fanden allerdings vor Ort bisher keine Hinweise darauf, dass sich Tamerlan während seines Aufenthalts radikalisiert hätte. Gemäss Angehörigen, Nachbarn und Freunden hätte er nicht wie ein Mann mit einer Mission gewirkt. Ihre Tante, Patimat Suleimanova, sagte der «New York Times», die beiden Brüder seien niemals zu so einer Tat fähig.

Vater hält Söhne für unschuldig

Geäussert hat sich derweil auch der Vater der Brüder, Anzor Tsarnaev. Er ist von der Unschuld seiner Söhne überzeugt. Sein Sohn Tamerlan «hätte das, was ihm vorgeworfen wird, niemals tun können», sagte Tsarnaev der russischen Tageszeitung «Komsomolskaja Prawda». Der 26-Jährige, der auf der Flucht vor der Polizei getötet wurde, sei «ein guter Muslim» gewesen. Nach seiner Hochzeit sei Tamerlan «sehr religiös» geworden und jeden Freitag in die Moschee gegangen.

Zuletzt habe er mehrere Monate lang keine Arbeit gehabt und sich zu Hause um sein dreijähriges Kind gekümmert. Tamerlan habe vorgehabt, nach Russland zu ziehen, sagte der Vater. Auch seinen Sohn Dzhokhar, der schwer verletzt im Krankenhaus liegt, verteidigte der Vater. Der 19-Jährige habe «grosse Pläne» gehabt: Dzhokhar habe Arzt werden und eine Praxis eröffnen wollen. «Jetzt ist die Rede von Bombenanschlägen. Wie ist das möglich?», fragte Anzor Tsarnaev.

Er bezeichnete die Ermittlungen gegen seine Söhne als «politischen Auftrag» und als «Hollywood-Show». Tamerlan sei in den vergangenen zwei Jahren ständig von der US-Bundespolizei überwacht worden. Die Sicherheitsbehörden hätten Tamerlan eine Falle stellen wollen. Dzhokhar sei lediglich «zur falschen Zeit am falschen Ort» gewesen.

Anzor Tsarnaev will nun noch in dieser Woche in die USA reisen. Er habe «viele Fragen an die Polizei» und wolle dort vieles aufklären, sagte Ansor Zarnajew der Nachrichtenagentur AP in Russland. Seine Frau Subeidat Zarnajewa sagte vor Journalisten, ihr Mann werde am Mittwoch in die USA aufbrechen. Die Familie werde versuchen, den Leichnam des älteren Sohnes Tamerlan nach Russland zurückzubringen.

«Kopie des Koran»

Die Brüder Dzhokhar und Tamerlan Tsarnaev sollen am 15. April einen Doppelanschlag mit Sprengsätzen auf den Marathonlauf in Boston verübt haben, bei dem drei Menschen getötet und etwa 180 weitere verletzt wurden. Auf ihrer Flucht sollen sie einen Polizisten erschossen und einen weiteren Beamten schwer verletzt haben. Tamerlan Tsarnaev starb bei der Verfolgungsjagd in der Nacht zum Freitag, sein jüngerer Bruder wurde einen Tag später schwer verletzt festgenommen.

Ein früherer Nachbar Tamerlans sagte im US-Fernsehen, der junge Mann habe die Bibel als «Kopie des Koran» bezeichnet. Vor etwa drei Monaten habe Tamerlan Tsarnaev dies zu ihm gesagt, berichtete Ammon im Sender CBS laut vorab veröffentlichten Interviewausschnitten. Zudem habe Tsarnaev erklärt, die Bibel werde von der US-Regierung als Rechtfertigung für eine Invasion fremder Länder benutzt.

sda/AFP/AP/mw

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