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Verdammte Axt

Bei Einbrüchen in Museen geht es meist um organisierte Kriminalität – in Dresden hingegen um den Untergang des Abendlandes.

Dresden, am Morgen danach: «Nicht nur die Staatlichen Kunstsammlungen wurden bestohlen, sondern wir Sachsen», sagte Ministerpräsident Michael Kretschmer. (Keystone/Sebastian Kahnert/25. November 2019)
Dresden, am Morgen danach: «Nicht nur die Staatlichen Kunstsammlungen wurden bestohlen, sondern wir Sachsen», sagte Ministerpräsident Michael Kretschmer. (Keystone/Sebastian Kahnert/25. November 2019)

Von all den Einzigartigkeiten, die das Grüne Gewölbe beherbergt, hat eine bislang kaum Beachtung erfahren: der sächsische Audioguide. Neben den üblichen vielsprachigen Varianten können sich Besucher von dem Dresdner Kabarettisten Uwe Steimle akustisch durch die Prunkräume Augusts des Starken führen lassen. Begeisterte Rezensionen auf Touristenportalen zeugen vom Erfolg des Konzepts. Steimle hat auch eine eigene, weniger sachliche Version des Rundgangs durch Sachsens Schatzkammer auf CD pressen lassen. Darin schwelgt er in Kindheitserinnerungen, lästert über die Dresdner «Luftschlösschenbrücke» und landet dann im Juwelenzimmer vor dem berühmten Exponat «Mohr mit Smaragdstufe».

Dieser, spöttelt Steimle, müsse korrekt «Darstellung eines farbigen Menschen mit einer Smaragdstufe heissen». Es folgt eine recht bizarre Passage, in der Steimle in die Rolle einer verzückten Betrachterin schlüpft. So schlimm könne es mit der Sklaverei ja nicht gewesen sein, flötet er. «Der schwarze Kerl» sei schliesslich wie ein König ausstaffiert. Der Titel heisst «Neger mit Köpfen»; und man fragt sich, ob das jetzt Teil dieser sächsischen Identität sein soll, von der immer alle reden.

Video: Erste Aufnahmen der Juwelen-Räuber

Die Polizei veröffentlicht Aufnahmen aus Überwachungskamera. (Video: Polizei Dresden)

Heute würde er das nicht mehr machen, sagt Steimle, aber das Grüne Gewölbe und die Kostbarkeiten darin seien natürlich so etwas wie «die DNA der Sachsen». Viele seiner Landsleute verstünden sich als Nachkommen von August dem Starken: «Die Klunker müssen wieder her, koste es, was es wolle!» Seit Diebe im Nebel des frühen Montagmorgens in das Dresdner Schloss einstiegen und Geschmeide entwendeten, dessen Wert sich nicht in Zahlen, aber in Worten ausdrücken lässt, steht die Stadt einmal mehr im Zentrum einer hoch emotionalen Debatte.

Innenminister Roland Wöller sprach wenige Stunden nach dem Raub von einem «Anschlag auf die kulturelle Identität aller Sachsen». Ministerpräsident Michael Kretschmer entrüstete sich: «Nicht nur die Staatlichen Kunstsammlungen wurden bestohlen, sondern wir Sachsen!» Der Pressesprecher der Jungen Union Sachsens twitterte ein Photoshop-Gemälde, auf dem Kretschmer überlebensgross auf ein kaputtes Dresden blickt wie Godzilla auf New York. Im Netz war vom «Beuteland Deutschland» die Rede.

Dresden – ein überdüngter Acker?

Auch Zeitungsjournalisten werteten den gut geplanten Einbruch als Menetekel: «Denn wer kann schon mit Überzeugung behaupten, dass, wenn schon der Staatsschatz geplündert werden kann, die kritische Infrastruktur des menschlichen Zusammenlebens unverwundbar wäre?», barmte Springers Welt.

Zum Vergleich: Als Diebe in Berlin die «Big Maple Leaf» stahlen, eine Goldmünze so gross wie ein Autoreifen, wurde über organisierte Kriminalität diskutiert, aber nicht über Deutschlands Untergang. Dresden, so erscheint es, ist ein überdüngter Acker. Diskurse werden hier sehr schnell sehr gross. Und manchmal ungeniessbar.

Wer sich nach Sachlichkeit sehnt, ist bei Eva-Maria Stange richtig. An den Wänden ihres Büros hängen die strengen Formen des Dresdner Malers und Bildhauers Dietmar Gubsch und ein Werk mit dem Titel «Das Lied der Deutschen». Der syrische Künstler Wael Al Wareeth hat die deutsche Nationalhymne in Kufi übertragen, eine der ältesten kalligrafischen Formen der arabischen Schrift. Stange ist Sozialdemokratin und Ministerin für Wissenschaft und Kunst – noch, muss man sagen. Dem neuen Kabinett wird sie nicht angehören. 25 Jahre in der Politik seien genug, sagt Stange. Nun hat sie es wenige Tage vor dem Ruhestand mit einem Jahrhundert-Coup zu tun und mit Menschen, die auf Facebook ihren Rücktritt fordern.

Was verheimlichen die Medien noch?

Sie habe durch einen Anruf von dem Einbruch erfahren, sagt Stange, aber erst am Tatort das volle Ausmass begriffen. «Es erschüttert mich, dass es Menschen gibt, die nicht achten, was in diesen Vitrinen liegt. Es schockiert mich, dass so etwas überhaupt bei uns passieren kann.»

1958 zog Stanges Familie aus dem Westen in die DDR, seit 45 Jahren lebt sie in Sachsen. Stange kennt Dresden noch kriegsversehrt, hat den Aufbau des Residenzschlosses miterlebt, die Eröffnung des Historischen und des Neuen Grünen Gewölbes. «Dieser Reichtum, darauf weise ich gern hin, ist in den Silbergruben des Erzgebirges erwirtschaftet worden, also von Menschen, die früher meist nie in den Genuss des Gewölbes gekommen sind.» Und doch spricht die Ministerin lieber von Identifikation statt von Identität. Das Wort «Anschlag», sagt Stange, hätte sie nicht gewählt. Es impliziere, dass Menschen körperlich zu Schaden gekommen sind. Das sei, ohne den kunst- und kulturhistorischen Verlust kleinzureden, nicht der Fall.

Stange hat als Lehrerin gearbeitet, war Bundesvorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft. Sie weiss um die Wirkung von Worten und Zwischentönen. Dass die AfD sich seit dem Raub lautstark zu Wort meldet, personelle Konsequenzen fordert, überrascht sie nicht. Der Landesregierung wirft die Partei vor, beim «umfassenden Schutz der sächsischen Bevölkerung» versagt zu haben. Das Grüne Gewölbe, so AfD-Landeschef Jörg Urban, sei Teil des «wiedererwachten Selbstbewusstseins» Dresdens.

Es sei auffällig, wie oft inzwischen reflexhaft nach dem Staat gerufen werde, sagt Stange, ein Zeichen der Zeit, unabhängig vom Gegenstand und der Stadt. In Dresden werde seit dem Aufkommen von Pegida zwar viel miteinander geredet. «Was mich stört, ist, dass es selten eine sachliche Debatte gibt, sondern jeder glaubt, im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein.»

Nach dem Einbruch im Gewölbe stieg die Zahl der deutschen Sicherheitsexperten sprunghaft an. Aus den Timelines tropfte die übliche Brühe aus Häme und Verschwörungstheorien: Jeder Serverraum sei besser gesichert, das Wachpersonal sei unfähig, der Miri-Clan stecke hinter dem Einbruch, die Wahrheit werde mal wieder von «den Medien» verheimlicht.

Bilder: Einbruch in Dresdens Schatzkammer

Befindet sich zurzeit in New York und entging dem Milliarden-Raub: Der «Grüne Diamant» aus der Schatzkammer Grünes Gewölbe.
Befindet sich zurzeit in New York und entging dem Milliarden-Raub: Der «Grüne Diamant» aus der Schatzkammer Grünes Gewölbe.
Keystone
Der Raub scheint nebulös: Das Reiterstandbild August des Starken, auch «Goldener Reiter» genannt, steht vor der berühmten Schatzkammer im Nebel und wird von einer Leuchte angestrahlt.
Der Raub scheint nebulös: Das Reiterstandbild August des Starken, auch «Goldener Reiter» genannt, steht vor der berühmten Schatzkammer im Nebel und wird von einer Leuchte angestrahlt.
dpa/Robert Michael, Keystone
Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit den Ermittlungsbehörden: Ackermann zeigt auf eine sternartige Abbildung in einem Buch. Das Ausstellungsstück gehört nicht zu den gestohlenen Gegenständen. (26. November 2019)
Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden bei einer gemeinsamen Pressekonferenz mit den Ermittlungsbehörden: Ackermann zeigt auf eine sternartige Abbildung in einem Buch. Das Ausstellungsstück gehört nicht zu den gestohlenen Gegenständen. (26. November 2019)
Keystone
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Gewöhnlich helfen Pressekonferenzen, um solche Spekulationen zu beenden. Aber was ist schon gewöhnlich an diesem Fall. Am Tag danach treten die Verantwortlichen im kleinen Schlosshof vor die Journalisten. Es gibt gute Nachrichten: Die Perlenketten der Königin, mit Süsswasserperlen aus dem Vogtland, sind noch da. Ebenso der «wunderbare, grossartige» Hofdegen. Der grosse Ordensstern wurde gefunden, leicht verbeult. Die Vitrine sei «ein Kampffeld» gewesen, sagt Museumsdirektor Dirk Syndram. Eine Axt haben die Täter in das Sicherheitsglas getrieben, als wäre es ein morscher Stamm. Feuerlöschpulver versprüht, um Spuren zu verwischen, zuvor wohl einen Stromverteilerkasten in Brand gesetzt, so für den Ausfall der angrenzenden Strassenbeleuchtung gesorgt.

Die Diebe hätten offensichtlich eine «tiefe Kenntnis» der Örtlichkeiten gehabt, sagt Marion Ackermann, Generaldirektorin der Staatlichen Kunstsammlungen. Wie aber konnten sie das massive Fenstergitter bezwingen? Warum haben die Sicherheitsleute nicht eingegriffen oder wenigstens das Licht eingeschaltet? Auf den Kamerabildern sind Berserkerhiebe und die Lichtkegel der Taschenlampen zu erkennen, aber keine Gesichter. Die Liste der Fragen ist lang, nicht alle werden an diesem Tag beantwortet; die Ermittlungen laufen. Die Sondereinheit «Epaulette» ist auf 40 Beamte aufgestockt, die ausgelobte Belohnung: 500'000 Euro.

Neben der Generaldirektorin steht Michael John, ein kräftiger Mann mit runder Brille und schwarzer Strickjacke. Er spricht, wie sich eine gute Bedienungsanleitung liest: verständlich, ohne Pathos. Seit den Neunzigern ist John der Sicherheitschef der Staatlichen Kunstsammlungen. Wenn ihn jemand nach seinem Lieblingsstück fragt, sagt er: «Ein Vater hat keine Lieblingskinder.» Die Fassade des Dresdner Schlosses nennt er «Aussenhaut», als wäre es ein lebendiges Wesen. Er weiss um den ewigen Konflikt seiner Profession: Für Sicherheit sorgen, aber möglichst ohne die Sichtbarkeit der Kunst einzuschränken.

«Das Erdgeschoss ist immer am schwersten zu sichern», sagt John. Im vorliegenden Fall seien die daumendicken Gitterstäbe «mit einem speziellen Verfahren» durchtrennt worden. Anschliessend hätten die Täter das Fensterglas entfernt, ohne dass dieses zu Bruch gegangen sei. Ob gesägt, geflext, gestemmt, gesprengt oder gar vereist wurde? John muss vage bleiben. «Die waren sicher nicht mit einem einfachen Schraubenzieher zugange.»

Als die Wachleute auf den Monitoren sahen, mit welcher Brutalität die Täter vorgingen, hätten sie entschieden, nicht einzugreifen, sagt John. Auch für das Alarmieren der Polizei oder das Einschalten des Lichtes gebe es keinen Automatismus, aber es gebe das Ermessen des Sicherheitspersonals. Die Vitrinen im Juwelenzimmer verfügten über eine «starke Widerstandsklasse». Autonom klimatisiert, dreifach alarmgesichert. Aber bei derart roher Gewalt versage irgendwann jedes Glas. Dass es schon nach wenigen Sekunden splitterte, hat auch ihn überrascht. «Vielleicht gibt es die 100 Prozent nicht», sagt John.

Seit Montag ist klar: Das Grüne Gewölbe ist also nicht das sächsische Fort Knox. Das Sicherheitssystem hat versagt. Als die Räuber in die Herzkammer seiner Heimatstadt vordrangen, war Michael John auf dem Weg zu einem Netzwerktreffen in London. Thema: Sicherheit in Museen. Seit er zurück ist, hat er kaum geschlafen und wähnt sich doch in einem Albtraum: «Das sind die furchtbarsten Tage meines Berufs- und Privatlebens.»

Als die Diebe kamen, war der Sicherheitschef in London

2002 hat Michael John das Jahrhunderthochwasser erlebt. Das Wasser der Elbe und der Weisseritz drohte unzählige Kunstwerke zu zerstören, viele konnten nur in letzter Sekunde gerettet werden. Die Staatlichen Kunstsammlungen haben nach der Flut eine «Arche» gebaut, ein hochwassersicheres Depot im Dach des Albertinums. Michael John erhielt das Verdienstkreuz am Bande.

Der Raubzug ist nicht nur eine kulturhistorische, sondern auch seine persönliche Katastrophe. Wie wird er damit umgehen? Michael John schweigt, er sieht schlicht erschüttert aus. Wie ein Mensch, dem die Nachricht vom Tod eines lieben Menschen überbracht worden ist. Der Satz, den er schliesslich hervorbringt, lautet so: «Das ist eine schwierige Frage.»

Am Mittwochvormittag können Passanten einen Eindruck davon bekommen, wie das ausgesehen haben mag, als die Diebe sich Zugang verschafften. Zwei Männer machen sich an einem der Fenstergitter zu schaffen. Funken fliegen, es riecht verschmort. Das Loch, durch das sich die Diebe zwängten, wird gerade wieder zugeschweisst.

Der Glanz des Grünen Gewölbes dringt bei Dunkelheit hinaus bis auf die Strasse. Jeder Besucher muss durch eine Staubschleuse, bevor er den ersten der acht Räume betritt: Bernsteinkabinett, Elfenbeinzimmer, Weisssilberzimmer, Silbervergoldetes Zimmer, Pretiosensaal mit Eckkabinett, Wappenzimmer, Juwelenzimmer, Bronzezimmer. Gegen das Historische Grüne Gewölbe ist Dagobert Ducks Geldspeicher eine leere Hosentasche. Nun ist es auf unbestimmte Zeit geschlossen, der Rest des Residenzschlosses aber ist regulär geöffnet. Im Hof warten Schüler des Gymnasiums Tolkewitz neben einer Ausflugsgruppe der sächsischen Apotheker-Senioren. Der Besucherandrang, versichert das Personal, sei «absolut durchschnittlich».

In einer Vitrine des Museumsshops liegen Nachbildungen vom Schmuck der Königinnen. Eine Frau beugt sich über das Glas, macht ein Handyfoto: «Es sticht einem schon ein bissel das Herz.» Anders als Michael John kann hier fast jeder ein Lieblingsstück aus dem Grünen Gewölbe nennen: den Kirschkern natürlich, oder die grosse Brustschleife der sächsischen Kurfürstin Amalie Auguste – mehr als 600 Brillanten, ein halbes Kilo. Vielleicht ist sie für immer verloren.

Das Sicherheitskonzept muss grundlegend überarbeitet werden, der sächsische Audioguide wohl auch. Doch die Touristen machen weiter, als wäre nichts gewesen. Gegenüber, im Café Schinkelwache, trinken sie schon wieder Sekt zum Mandelstollen. Und wie geht es den Dresdnern?

Katastrophentourismus

Holger Heidrich ist 77 Jahre alt und im Besitz einer Jahreskarte für die Staatlichen Kunstsammlungen. Am Tag, als das Residenzschloss wieder öffnet, bleibt er lieber daheim. «Katastrophentourismus ist nicht mein Ding.» Heidrich hat seinen eigenen Pretiosensaal. In den Vitrinen seines Arbeitszimmers drängt sich eine Legion von Räuchermännchen und Holzminiaturen, feinste erzgebirgische Schnitzkunst, Schornsteinfeger, Polizisten und natürlich August der Starke. Der «Türke aus Trier» ist sein Favorit, ein pfeffermühlengrosses Exponat mit Turban und Pfeife. Auch Heidrich kann nicht beziffern, welche Werte er in seiner Wohnung unweit des Goldenen Reiters hütet. Wenn er Staub wischen will, pflückt er noch die kleinste Figur einzeln vom Glasboden, behutsam, wie ein Mann, der ein Vogeljunges füttert.

Holger Heidrich ist gelernter Zootierpfleger und hat lange in der Zierfischbranche gearbeitet. Mindestens einmal die Woche besucht er eine Ausstellung oder ein Konzert. «Stadt gucken» nennt er das. Dass für die wiedereröffneten Paraderäume Augusts des Starken mit einem englischen Slogan geworben wird, findet er ärgerlich. In Deutschland sei so etwas doch unnötig. «King Size» übersetzt er mit Königssitz.

Als er am Montag das Flatterband um das Dresdner Schloss bemerkte, stieg Heidrich vom Fahrrad und wurde sofort von Journalisten eingekreist, die nach seinem Befinden fragten. «Natürlich berührt mich das», sagt Heidrich. Das Herz Dresdens – er hält das keineswegs für übertrieben. Mehr noch sorgt ihn, wie seine Heimatstadt nun dasteht. Die Diebe seien ungestört rein und wieder raus. Die Unverfrorenheit, die Respektlosigkeit – das nimmt er persönlich.

Seit 1983 hält der Dresdner sein Leben fest, jeden Termin, jede Mahlzeit im Restaurant, jeden Museumsbesuch. Chronik, nennt er das, «auf keinen Fall Tagebuch». Die Ordner füllen ein halbes Regal. Heidrichs Handschrift ist elegant, keine Kleckse, keine Korrekturen. Es ist, als schriebe er Grusskarten an sich selbst.

Im Museum «diese Leute» noch nie gesehen

Holger Heidrich holt den Ordner aus dem Jahr 1986 hervor, blättert zu einem Ensemble von Schwarz-Weiss-Fotos. Seine Frau steht in den Ruinen des Dresdner Schlosses. Damals noch Mitglied im Semper-Club, half das Paar beim Aufbau, räumte an jenem Tag Schutt aus einem ehemaligen Fahrstuhl. «Ein richtiger Dresdner ist stolz auf seine Stadt», sagt Heidrich: «Er übernimmt aber auch Verantwortung.» Viel habe seine Heimat verkraften müssen, den Verlust des Weltkulturerbe-Status durch den Bau der Waldschlösschenbrücke, den «Nazinotstand» – und Pegida natürlich. Er habe sich das ein paar Mal auf Abstand angeschaut, sagt Heidrich: «Die Reden sind zum Davonlaufen.»

Die Dresdner, sagt Heidrich, sind konservativ, kritisch auch. Über jedes Treppengeländer werde diskutiert. Pegida? «Diese Leute habe ich im Museum noch nie gesehen.» Er muss sich jetzt entschuldigen, die hochbetagte Nachbarin braucht seine Hilfe beim Aufhängen der frisch gewaschenen Gardinen. Später will er noch in die Kreuzkirche.

Einmal im Jahr treffen sich die Dresdner vor Eröffnung des berühmten Striezelmarktes zu einem ökumenischen Gottesdienst. Schon eine Stunde vor Beginn stehen sie Schlange vor den Kirchentüren. Drinnen auf den Bänken rücken sie ganz dicht zusammen. «Zur Not nehmen wir noch wen auf den Schoss.» Der Kreuzchor nimmt Aufstellung, die Orgel lässt das Gewölbe erzittern. 3000 Menschen singen: «O wohl dem Land, o wohl der Stadt, so diesen König bei sich hat.» Gemeint ist ausnahmsweise mal nicht August der Starke, sondern der liebe Gott. Vielleicht schlägt das Herz Dresdens ja ganz woanders. Und ziemlich kräftig.

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