«Vieles deutet auf Sadismus hin»

Der Forensiker Bernd Borchard ist überzeugt, dass die finanziellen und sexuellen Motive kaum zur Erklärung des Vierfachmords von Rupperswil ausreichen.

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Sie haben die Medienkonferenz über die Ergreifung des Täters von Rupperswil verfolgt. Was ist Ihnen aufgefallen?
Besonders beeindruckt auch Fachleute wie mich die extreme Skrupellosigkeit, Gewaltbereitschaft und Kontrolle, die der Täter ausgeübt hat. Das ist furchtbar, aber ein sehr seltenes Ereignis. Eine solche Kombination von Persönlichkeitseigenschaften kommt bei einem Täter sehr selten vor. Selbst bei den Fällen, die ich aus der Justizvollzugsanstalt Pöschwies und von anderswo kenne, sind 99 Prozent anders.

Laut den Ermittlern liegen im Fall Rupperswil sexuelle und finanzielle Motive vor. Ist eine solche Kombination häufig?
Es gibt vermutlich zwei, vielleicht sogar noch mehr Motive. Neben der sexuellen Lustbefriedigung und der finanziellen Bereicherung könnte es auch noch um die Lust am Töten gegangen sein. Diese Kombination wäre extrem selten.

Wo sehen Sie denn bei den wenigen Fakten, die bislang publik wurden, Anhaltspunkte für eine Lust am Töten?
Es gibt die Hypothese, dass alle vier Opfer getötet wurden, damit alle Zeugen verschwinden. Es kann aber auch sein, dass das Töten für den Täter ein zusätzliches Motiv war, weil es für ihn positiv besetzt war. Vieles am gesamten Deliktszenario, wie es nun von Polizei und Staatsanwaltschaft dargestellt wurde, deutet auf eine hohe Kontrolle, hohe Dominanz und auf Sadismus hin. Aber das sind Hypothesen, die nun geprüft werden müssten.

Inwiefern passt es in Ihr Bild, dass in der Wohnung des Täters ein Rucksack sichergestellt wurde mit Kabelbindern, Klebeband, einer Pistole und Seilen, die bereits zum Fesseln präpariert waren?
Sowohl diese Funde als auch erste Aussagen des Verhafteten lassen darauf schliessen, dass er zumindest ein weiteres ähnliches Delikt plante. Das überrascht überhaupt nicht. Wenn sich jemand mit solchen Persönlichkeitseigenschaften über einen längeren Zeitraum mit einer solchen Tat beschäftigt, dann verschwindet das in der Regel nicht einfach – auch nicht mit einer ersten Umsetzung der Fantasien.

Der Täter hat sich gemäss den Ermittlern am 13-jährigen Opfer auch sexuell vergangen. Deutet das für Sie auf Pädophilie hin?
Trotz des Übergriffs kann man das aufgrund der öffentlich bekannten Informationen nicht sagen. Es ist natürlich ein Hinweis auf eine pädosexuelle Tat, und ein solches Motiv ist wahrscheinlich. Aber es kann auch sein, dass er sich wahllos an einem seiner Opfer sexuell verging.

Erste Recherchen deuten darauf hin, dass der Täter in einem Fussballclub für die Junioren zuständig war. Zufall? Immer wieder werden Trainer als Pädophile straffällig.
Unabhängig vom Einzelfall suchen pädophile Männer häufiger Beschäftigungen mit Kontakt zu Knaben oder Mädchen. Umgekehrt kann es auch sein, dass sich Täter erst durch eine solche Arbeit oder ein Hobby zu Kindern hingezogen fühlen. Im konkreten Fall war aber das sexuelle Motiv wohl nicht das einzige. Der Täter plant kaum so einen grossen Aufwand, um sich an einem Jungen sexuell zu vergehen. Auch die lange Tatdauer und das Töten von vier Opfern deutet auf andere Motive hin. Aber selbstverständlich muss jetzt die Sexualität des Verhafteten unter die Lupe genommen werden.

Der 33-Jährige ist bislang der Polizei nicht aufgefallen, und er ist laut den Justizbehörden insbesondere nicht vorbestraft. Wie kann jemand mit einer solchen Persönlichkeit so lange unauffällig unter uns leben und dann auf einmal seine Fantasien auf so grausame Art ausleben?
Wir wissen noch nicht, wie lange sich der Täter innerlich mit diesen Fantasien und mit diesem Deliktszenario beschäftigt hat. Eine der ersten interessanten Fragen wäre: Ging das viele Jahre lang? Bei der kleinen Gruppe ähnlicher Täter, die wir kennen, begannen alle nicht erst im mittleren Erwachsenenalter damit. Fantasien gab es schon viel länger. Wir haben im Fall Rupperswil Hinweise, dass sich der Täter längere Zeit irgendwie noch unter Kontrolle hatte. Das heisst auch: Wir haben bislang keine Hinweise, dass sich die Störungen in vielen seiner Lebensbereiche manifestierten.

Staatsanwältin Barbara Loppacher äussert sich zum Täter und Tathergang.

Der Mann aus Rupperswil besass eine Pistole, aber brachte seine Opfer um, indem er ihnen mit einem Messer die Kehle durchschnitt. Muss man da eine höhere Hemmschwelle überwinden?
Für jemanden aus der Normalbevölkerung wäre es schwieriger, jemanden mit einem Messer zu töten als mit einer Schusswaffe. Hier haben wir es aber mit jemand anderem zu tun. Für den Täter könnte das Töten mit dem Messer unter Umständen Teil eines positiv empfunden Szenarios sein. Aber auch in diesem Bereich haben wir bislang noch wenige Hinweise.

Viele Leute, gerade in Rupperswil, schockiert es, dass Täter und Opfer im selben Ort wohnten. Ist das eine häufige Konstellation? Wenn man nicht überführt werden will, müsste man seine Opfer an einem anderen Ort aussuchen.
Da die Fallzahl in der Gruppe dieser Täter sehr klein ist, lassen sich kaum Muster ableiten. Auffällig und befremdlich ist, dass der Täter noch unter hohem Kommunikations- und Fahndungsdruck in der Gegend verblieb. Eine Frage drängt sich auf: Was braucht es für eine Persönlichkeit, um das im Alltag auszuhalten?

Kennen Sie Fälle mit deutlichen Parallelen?
Das ist eine so kleine Gruppe von Taten. Jede hat ihre eigene Typologie. Zum Glück sind Taten von Psychopathen in solcher Brutalität, Hemmungslosigkeit und Kaltblütigkeit äusserst selten.

Erstellt: 13.05.2016, 21:55 Uhr

Bernd Borchard


Der Psychologe leitet den Bereich Risiko- und Interventions­abklärungen im Psychiatrisch-Psychologischen Dienst im Justizvollzug des Kantons Zürich.

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