Waldmensch, Nomade, Waffennarr

Wer ist der Angreifer von Schaffhausen? So erlebten Nachbarn und Vermieter den umherziehenden Franz W. vor dessen Kettensägen-Attacke.

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Am Tag nach der Kettensägen-Attacke in Schaffhausen mit einem Schwerverletzten wird immer mehr über das Leben des Angreifers bekannt, der sich immer noch auf der Flucht befindet. Der 51-jährige Mann lebte gemäss Polizeiangaben in der Zeit vor der Tat hauptsächlich im Wald, war also ein Waldmensch, der sich weitgehend von der Zivilisation abschottete. Wie verschiedene Medienberichte zeigen, war er zudem ein Umherziehender. In den letzten vier Jahren wechselte er unzählige Male seinen Wohnort.

Ein Nomade: Franz W. wohnte in den vergangenen vier Jahren an mindestens fünf verschiedenen Orten. (TA-Grafik: lm, Kartenmaterial: Google)

Bis 2013 wohnt Franz W., der laut «Blick» einen Basler Dialekt hat, in Lustmühle im Kanton Appenzell Ausserrhoden. «Er war ein Einzelgänger, der immer laut mit sich selbst gesprochen hat», erinnert sich eine Nachbarin gegenüber der Zeitung. Auch sein ehemaliger Vermieter im luzernischen Beromünster beschreibt ihn als introvertiert. Dort lebte Franz W. von 2014 bis 2016 allein in einer 1½-Zimmer-Wohnung. «Anfangs war er immer erfreut, wenn ich mit ihm sprach. Gegen Ende des Mietverhältnisses wurde er allerdings immer komischer», erzählt der Vermieter.

Der Mann ist fast täglich in der Natur, wie eine Nachbarin beobachtet. «Morgens ging er mit seinem Rucksack und seinem grünen T-Shirt raus, am Abend kam er heim. Er kam mir gfürchig vor», sagte sie zu «20 Minuten». Gemäss den Angaben des Vermieters hatte Franz W. wegen eines Autounfalls ein Trauma und war IV-Bezüger. Zudem scheint er ein Waffennarr gewesen zu sein: 2016 wird er im Kanton Luzern wegen Widerhandlungen gegen das Waffengesetz verurteilt – zum zweiten Mal. Schon 2014 begeht er im Kanton Bern das gleiche Delikt.

Die Polizei hielt den Mann nicht für gefährlich

Der Vorbestrafte verlässt die Wohnung in Beromünster von einem auf den anderen Tag, lässt seinen ganzen Hausrat zurück. Er geht in den Kanton Graubünden, wo er zuletzt gemeldet war. Vor rund drei Monaten checkt Franz W. in Laax in einem Backpacker-Hotel ein, wo er ebenfalls als seltsamer Typ wahrgenommen wird. «Er wollte für einen ganzen Monat bleiben und erklärte, dass er Abstand von der Aussenwelt brauche», erinnert sich der Vermieter. Mit einem VW Caddy habe er in die Berge fahren wollen, einfach weit weg von den Menschen. Doch Franz W. macht sich nach nur einer Nacht bereits wieder aus dem Staub – mit dem Postauto und ohne zu bezahlen.

Danach verliert sich seine Spur, bis er vor zwei oder drei Monaten in Feuerthalen im Kanton Zürich wieder auftaucht, einer Nachbargemeinde von Schaffhausen. Er campiert auf einem abgelegenen Parkplatz im Wald und fällt auch hier negativ auf. «Er hat mich sowie meinen Lebenspartner zweimal aufs Heftigste verbal attackiert und uns grundlos angeschrien und beleidigt», sagte eine Augenzeugin zu «20 Minuten». Sie habe darum die Polizei informiert. Diese hielt den Mann aber nicht für gefährlich.

Aussichtsturm beim Uhwieser Hörnli: Hier wurde der Täter in den vergangenen Wochen mehrmals gesehen. (TA-Grafik: lm, Kartenmaterial: Google)

Franz W. wechselt daraufhin ein weiteres Mal seinen Standort. Vor ein paar Wochen zieht er ein paar Kilometer weiter in ein Waldstück in der Zürcher Gemeinde Uhwiesen, die ebenfalls in der Nähe Schaffhausens liegt. Seinen weissen VW Caddy, den er sich mittlerweile angeschafft hat, stellt er auf einem Parkplatz am Waldrand ab. Eine Matratze im Auto dient als Bett, eine Plastikblache neben dem VW als Materiallager.

Der Gemeindepräsident von Uhwiesen wohnte nur 300 Meter entfernt und lief jeden Tag mit dem Hund am Auto vorbei. Einmal habe seine Frau den 51-Jährigen angesprochen und gefragt, ob er ein Wanderer sei. «Dann hat er zum Hund gesagt, dass er eine tolle Frise habe und redete danach wirre Sachen über Gott», erzählte der Gemeindepräsident dem «Blick». Eine 18-jährige Anwohnerin und ihr Freund werden im Bus von Franz W. bedroht. «Ihr solltet besser Angst haben, ihr müsst lernen, was Angst ist», soll dieser gesagt haben.

Mehrere Dorfbewohner haben den fremden und sonderbaren Mann laut dem Gemeindepräsidenten der Polizei gemeldet. Diese stattete ihm einen Besuch ab, nahm die Autonummer mit und hinterliess eine Visitenkarte mit dem Vermerk, dass er sich melden soll. Weil die Polizei weiter nichts unternimmt, glauben die Anwohner, dass Franz W. ungefährlich ist – ein Trugschluss, wie sich nun herausgestellt hat. (wig.)

Erstellt: 25.07.2017, 11:47 Uhr

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