«Walfang wird bald Geschichte sein»

Alex Cornelissen ist Chef von Sea Shepherd. Seine Organisation machte mit der Jagd auf japanische Walfangschiffe weltweit Schlagzeilen.

Herr über 14 Schiffe: Alex Cornelissens Flotte unterstützt Staaten beim Schutz ihrer Fischereigewässer. Foto: Urs Jaudas

Herr über 14 Schiffe: Alex Cornelissens Flotte unterstützt Staaten beim Schutz ihrer Fischereigewässer. Foto: Urs Jaudas

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Viel gutes Gewissen kumuliert sich an diesem nasskalten Abend in einem ­vegetarischen Restaurant in der Stadt Zürich. Während sich oben Menschen Fleischloses vom Buffet auf die Teller schaufeln, haben sich im Souterrain rund 60 Aktivisten vor einer Leinwand versammelt. Gezeigt wird das neueste Abenteuer aus dem Hause Sea Shepherd. Der Film dokumentiert die Verfolgung eines illegalen Fischtrawlers in der Antarktis. Wie die Jagd der Aktivisten enden wird, wissen alle hier. Denn die Kampagne ist in Tierschutzkreisen legendär.

Der junge Sea-Shepherd-Kapitän aus dem Film ist vor Ort und wird von den auffallend vielen jungen Frauen ­gefeiert. In diesem Trubel geht Alex ­Cornelissen etwas unter. Dabei ist der Holländer der Ranghöchste im Raum, CEO einer globalen Organisation, die von Paul Watson, Greenpeace-Gründungsmitglied, ins Leben gerufen wurde. Dessen Ziel war es, Natur und Tiere noch radikaler zu schützen.

Herr Cornelissen, Sea Shepherd sorgte regelmässig mit spektakulären ­Aktionen gegen japanische Walfänger für Schlagzeilen. In den letzten Jahren ist es ruhiger geworden. Warum?
Wir sind alles andere als untätig, aktiv wie nie zuvor. Unsere 14 Schiffe sind unterwegs und bekämpfen die illegale Fischerei in den Weltmeeren. Und wir machen mit diversen Aktionen auf die grossen Probleme aufmerksam: Plastikmüll, Klimawandel.

«Fische schützen ist nun mal weniger spektakulär als Wale retten. Das ist ein Problem für uns.»

Mit Verlaub: Das sind wichtige Themen, aber nicht unbedingt dafür gemacht, Schlagzeilen zu machen. Denn genau dafür war Ihre ­Organisation ja so bekannt. Sie lieferte Bilder, die um die Welt gingen.
Fische schützen ist nun mal weniger spektakulär als Wale retten. Das ist ­leider so. Und das ist ein Problem für uns.

Sie haben von Ihrem früheren Image sehr profitiert. Die dramaturgisch stringent erzählte Dokureihe «Whale Wars» auf Discovery Channel hat Sea Shepherd einen enormen Popularitätsboost verpasst und ­entsprechend viele Spendengelder generiert.
Korrekt. Aber wir sind längst nicht mehr diese Walfangschiff-Rammer.

Warum nicht?
Weil wir uns auf das bedrohlichere ­Problem der Überfischung fokussieren wollen. 15 bis 40 Prozent der Fische, die auf unserem Teller landen, sind illegal aus den Meeren geholt worden.

Deswegen hätten Sie dieses ­wunderbare Marketingtool namens Walschutz ja nicht komplett ­aufgeben müssen: Gut und Böse sind da noch klar, die grossen ­Meeressäuger ­Sympathieträger, die japanischen Walfänger der ­perfekte Bösewicht.
Es ist komplexer.

Erklären Sie es uns.
Zuerst war da ihre Änderung der Manövertaktik. Sie begannen, uns auszuweichen. Sie fuhren drauflos, bis uns der Diesel auszugehen drohte. Denn neben einem riesigen Fabrikschiff und meist drei Harpunenjägern ist stets auch ein Tanker mit Dieselvorräten Teil ihrer Flotte. Da konnten wir auf lange Sicht nicht mithalten. Wir hatten einmal eine Verfolgung aufgenommen, waren mit vier Schiffen neun Monate unterwegs. All unser Geld ging in diese Kampagne und fehlte so für Einsätze in anderen Erdteilen. Zudem glaubten wir im Jahr 2014, dass der Walfang bald beendet sein würde.

Sie sprechen vom Entscheid des ­Internationalen Gerichtshofs. Japan wurde die Jagd auch aus wissenschaftlichen Gründen untersagt.
Ja. Den Haag schloss damals dieses ­juristische Schlupfloch. Wir haben geglaubt, mit diesem Entscheid sei der Walfang beerdigt. Aber die Japaner machten einfach weiter.

Vor ein paar Wochen wurde bekannt, dass Japan die Internationale Walfangkommission (IWC) verlassen wird. In vielen Medien stand, das sei schlecht für die Wale. Einverstanden?
Nein. Wir sehen das anders.

Wie das?
Japans Austritt führt zum Beispiel dazu, dass ihre Jagd in der Antarktis aus angeblich wissenschaftlichen Gründen enden wird. Dieses Land wird künftig nur noch im Nordpazifik unterwegs sein. Auch wird die IWC beweglicher, da ­Japan die Beschlüsse nicht mehr blockieren kann. Der Walfang wird bald Geschichte sein – spätestens in zehn Jahren.

Ihr Fokus liegt nun auf der Überfischung. Wo sind Sie aktiv?
Vor allem in den geschützten Meereszonen, dort, wo die Jungfische leben. Zum Beispiel vor den Galapagosinseln. Industrieller Fischfang ist dort verboten. Trotzdem kommen grosse Trawler und fischen in einer einzigen Nacht dieselbe Menge wie lokale Fischer in einem ganzen Jahr.

Akut ist die Lage vor Afrikas Küsten.
Länder wie Liberia, Gabun oder Tansania haben keine oder nur eine äusserst rudimentär ausgestattete Küstenwache. Das sind gute Voraussetzungen für die modernen Fischfangflotten der Spanier, Indonesier oder auch Chinesen. Ein Beispiel: Jüngst haben wir vor Liberia mehrere chinesische Fabrikschiffe festgesetzt. Diese haben in einem einzigen Jahr über 500 000 Haie geschlachtet. Sie wollen die Tiere wegen der Flossen, wegen der Leber – sie ist auf dem chinesischen Markt offenbar ein wichtiger Nahrungsmittelzusatz.

Sie haben Schiffe festgesetzt, als private Organisation. Ist das legal?
Solche Aktionen laufen stets zusammen mit den entsprechenden Behörden. Die Zusammenarbeit ist entscheidend, viele dieser Staaten hätten allein gar nicht die Ressourcen und technischen Möglichkeiten, um gegen diese grossen Schiffe vorzugehen.

Sea Shepherd aufseiten der Behörden. Die einstigen Outlaws mit Piratenlogo haben sich gewandelt.
Ich habe kein Problem damit. Wir helfen vielerorts nur, die bestehenden ­Gesetze gegen die illegale Fischerei durchzusetzen. Dafür arbeiten wir seit drei Jahren intensiv mit den lokalen ­Behörden zusammen.

Unzählige andere Schiffe gehen aber ungestört ihren Geschäften nach. Es wird nicht aufhören. Ist das nicht frustrierend?
Doch. Vor allem weil das Ausmass wirklich schockierende Dimensionen angenommen hat. Wir reden da von kilometerlangen Schleppnetzen, die alles, aber wirklich alles mitreissen. Das meiste ist Beifang, stirbt und wird tot zurück ins Meer gekippt.

Warum machen Sie trotzdem weiter?
Weil es auch Momente gibt, die Mut machen. Weil ich sehe, dass wir eben doch einen Unterschied machen können.

Das mag jetzt etwas zynisch klingen: Aber hören wir da das naive Lied der ­Weltverbesserer?
Dann lassen wir Zahlen sprechen: Wir konnten beispielsweise in Afrika bereits 27 Schiffe festsetzen.

Sie sind Herr über 14 Schiffe, leiten von der Zentrale in Amsterdam aus globale Kampagnen, geben an ­Hunderte Aktivisten Befehle durch. Hätten Sie früher geglaubt, dass Sie einmal die Aufgabe eines Admirals ausführen würden?
(grinst) Nein. Ich war ja ein Grafik­designer ohne besondere Beziehung zu Schiffen.

Was passierte dann?
Ich hörte einen Vortrag von Paul Watson. Danach kündigte ich den Job, nahm ein Sabbatical, verkaufte das Haus und heuerte bei Sea Shepherd an. Sie brauchten noch einen Koch. Also stand ich bei meiner ersten Fahrt durch die Antarktis in der Kombüse.

Nicht sehr heroisch.
Mag sein, aber diese erste Zeit auf hoher See war magisch. Wir fuhren in einer Nacht durch fluoreszierendes Wasser, begleitet von Delfinen. Es klingt kitschig, ich weiss. Aber es war so.

«Für mich ist ­Veganismus keine Last, nur eine ­konsequente Lebensweise.»

Sie wurden Kapitän, steuerten durch die Weltmeere mit vielen ­unerfahrenen Freiwilligen an Bord. Wie schwierig war es, die Disziplin auf Deck aufrechtzuerhalten?
Disziplin ist auch auf solchen Schiffen sehr wichtig. Es muss für alle klar sein, wie die Hierarchie ist und wer welche Aufgaben hat. Wenn man durch Packeis oder mit 15 Knoten durch einen Sturm fährt, kann man die Dinge nicht basisdemokratisch ausdiskutieren.

Sie haben vor vier Jahren die Leitung von Sea-Shepherd-Gründer Paul Watson übernommen. Von Ihrem Vorgänger, der weltberühmten ­Galionsfigur des Meeresschutzes, hört man kaum mehr etwas.
Paul ist noch immer für Sea Shepherd tätig. Er lebt in Kalifornien und Oregon und leitet die US-Kampagnen. Das ist die beste Lösung . . .

. . . weil Paul Watson auf Bestreben der japanischen Walfangindustrie hin wegen Sachbeschädigung auf einer roten Liste von Interpol gelandet ist.
Ja. Reisen in andere Länder sind für Paul kompliziert geworden. Und mit Trump an der Macht ist es nicht einfacher geworden. Wenn das anders wäre, würde Paul hier bei uns sein.

Sie sind beseelt von Ihrer Mission. An Bord gilt auch das Verbot von Zigaretten und Alkohol. Gegessen wird vegan. Muss man so strikt sein, um ein guter Aktivist zu sein?
Ich war schon immer Vegetarier, seit vielen Jahren ernähre ich mich nun vegan. Für mich ist das keine Last, nur eine konsequente Lebensweise.

Sie haben Ihr Leben dem Schutz des Meeres verschrieben. Ist es das alles denn wert?
Ja, es geht meiner Meinung nach um Gerechtigkeit. Ich bin ein Aktivist mit Leib und Seele.

Im Souterrain des Vegi-Restaurants geht mittlerweile ein Schiff unter. Es ist das dramatische Ende des Films. 60 Aktivisten schauen gebannt auf die Leinwand und sehen, wie der illegale Fischtrawler, der zuvor wochenlang vom Sea-Shepherd-Schiff verfolgt worden ist, im Meer verschwindet.

Der Film suggeriert, die Bösewichte hätten ihren Untergang selbst gewählt und zählten auf hoher See auf die Hilfe der Aktivisten. Der Spanisch sprechende Kapitän wollte so wohl einer Kontrolle der Behörden entgehen. Wieso er gleich zu einem solch drastischen Mittel griff, bleibt unklar. Dem Publikum ist es egal. «Hauptsache, einer weniger», sagt einer und kauft anschliessend beim Merchandisingstand eine Tasse und einen Kapuzenpulli mit dem typischen Piratenlogo. Der Erlös kommt vollumfänglich Sea Shepherd zugute. Die Welt soll auf diese Weise etwas besser werden.

Erstellt: 25.01.2019, 18:30 Uhr

Vom Grafikdesigner zum Schiffskoch zum Admiral

Seit 2014 ist der Holländer Alex Corne­lissen CEO von Sea Shepherd Global. Die Umweltschutzorganisation hat sich dem Kampf gegen den Walfang, die Robbenjagd und die unverhältnismässige Fischerei verschrieben. Sie hatte sich 1977 nach einem Streit über den Einsatz von Gewalt von Greenpeace abgespalten und galt als militant. Der einstige Grafik­designer Cornelissen heuerte als Koch bei Sea Shepherd an, wurde Kapitän, bis er schliesslich die Leitung von Gründer Paul Watson übernahm. Alex Cornelissen lebt mit Frau und Kind in Amsterdam. (red)

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