Warum vererbt ein rechter Millionär sein Geld an Flüchtlinge?

Ein reicher Mann vermacht sein Vermögen einem Verein für Flüchtlinge. Obwohl er sie nicht mochte. Was ist da los?

Was, wenn das Testament voller Widersprüche steckt? Das muss das Gericht entscheiden. Foto: Keystone

Was, wenn das Testament voller Widersprüche steckt? Das muss das Gericht entscheiden. Foto: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Dieser Artikel gehört zu den meistgelesenen Texten der letzten Wochen. Er erschien erstmals am 9. Juni 2019.

An einem grauen Nachmittag fährt Carsten E. zu dem Haus, in dem dieser Krimi begann. Er parkt seinen Sportwagen direkt davor, in einer Strasse mit Villen und Bürgerhäusern.

Die Wohnung seines Onkels liegt in der besten Gegend von Hildesheim in Niedersachsen, am alten Festungsgraben. Weiss und Klinker, halbrunde Fenster, grüne Tür. Am Briefkasten stehen die Namen des Onkels und seiner Lebensgefährtin. Die beiden sind seit zwei Jahren tot.

Carsten E. schaut durchs Fenster, hinein kann er nicht. Man sieht zwischen den Gardinen eine goldglänzende Pendeluhr, hinten das Wohnzimmer. Gediegen. Aufgeräumt. Als kämen die Bewohner gleich wieder. Carsten E. trägt eine Daunenjacke, unter seinem Arm klemmt ein voller Aktenordner. Darin sammelt er alles, was er über seinen toten Onkel Klaus-Dieter E. und dessen Erbschaft findet. «Es gibt so viele Indizien und Widersprüche», sagt er. «Das Testament ist der Hohn.»

Die Geschichte seines Onkels ist die Geschichte von einem alten, kranken und offenbar stramm rechten Multimillionär, der an der Garage neben diesem Haus versehentlich seine Lebensgefährtin tödlich verletzt hat und wenige Wochen danach eines natürlichen Todes starb. In der Zeit dazwischen entstand dieses Testament. In dem steht, dass sein gesamter Besitz an «JU are welcome Hildesheim e. V.» gehen soll – einen winzigen Flüchtlingshilfeverein, zu dem Mitglieder von CDU, JU und der Familie seines Notars gehören. Obwohl Klaus-Dieter E. Flüchtlinge laut mehreren Zeugenaussagen nicht mochte. Eine Kopie des Testaments hat Carsten E. zwischen all den Papieren abgeheftet.

Kann das wirklich sein?

Carsten E. hält das Testament seines Onkels für so seltsam, dass er seinem Vater dabei hilft, dagegen vor Gericht zu ziehen. So wurde dieser Fall auch seine Geschichte, sein Beruf kommt ihm dabei entgegen: Carsten E., 50, ist nicht nur der Neffe des Erblassers Klaus-Dieter E. – er ist seit 28 Jahren Privatdetektiv, derzeit vor allem in eigener Sache.

Gegen Flüchtlingshilfe hat Carsten E. nichts, im Gegenteil. Er glaubt nur nicht, dass der Inhalt dieses Testaments dem Willen seines Onkels entspricht.

Der Onkel fuhr im Jaguar durch Hildesheim, röhrender Motor, trotz seines Schlaganfalls.

Endet dieser Erbstreit so, wie Carsten E. und sein Vater Manfred E. es für rechtens halten, dann erben sie als engste Verwandte des Toten die Eigentumswohnung mit 170 Quadratmetern Fläche, zwei Autos der Marke Jaguar, einen Mercedes Coupé, ein Pferd, Edelsteine, Goldmünzen und vor allem Konten in Deutschland, der Schweiz und Liechtenstein, dem Vernehmen nach sind auch die Auslandskonten deklariert. Es geht um mindestens fünf Millionen Euro, laut Carsten E. noch deutlich mehr, bei ihnen abzüglich Erbschaftsteuer. Geht das Verfahren dagegen so aus, wie es das Testament vorsieht, landet das komplette Vermögen des Onkels bei JU are welcome Hildesheim e. V.

Entscheiden muss das Amtsgericht Hildesheim in einem nicht öffentlichen Erbscheinverfahren. Welche Fallhöhe dieses Duell hat, zeigt folgender Vergleich: Die CDU Deutschland kassierte 2018 Grossspenden in Höhe von 850'000 Euro. Greenpeace Deutschland hat 2017 insgesamt 5,1 Millionen Euro geerbt. JU are welcome Hildesheim e. V., inzwischen Welcome Hildesheim e. V. genannt, bekäme auf einen Schlag mehr.

Kann das sein? Der Fall E. wirkt wie eine bizarre Überhöhung von Tausenden anderen Fällen, bei denen zwei Parteien um ein Erbe zanken. In letzter Instanz geht es dabei um die Frage: Wie sollen Richter in einem Erbstreit urteilen, wenn der Erblasser tot ist und nur noch ein Notar die Echtheit eines umstrittenen Testaments bezeugen kann?

Die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen fahrlässiger Tötung, reine Routine, es war ein Unfall.

Der Tote, Klaus-Dieter E., Jahrgang 1937, war zu Geld gekommen, sein Vater hatte nach dem Krieg in Hildesheim Häuser gekauft. Im Zentrum führte er ein grosses Schuhgeschäft, jeder in der Stadt kannte es. Ein altes Foto zeigt den erleuchteten Laden mit dem geschwungenen Namen. Später vermietete Klaus-Dieter E. das Gebäude und hatte hohe Einnahmen, dann verkaufte er es für mehrere Millionen Euro. Ein Bekannter schildert, wie der Patriarch im weissen Jaguar in die Fussgängerzone rollte. Röhrender Motor. Kaiser-Wilhelm-Bart, gut gekleidet: «Very british.» Klaus-Dieter E. und seine Partnerin verbrachten viel Zeit in Irland und Südafrika. Sie liebten Reisen, Pferde, Edelsteine. Kinder hatten sie nicht. Seit einem Schlaganfall 2009 war sein rechter Arm taub und seine Sprache gestört, sie betreute ihn. Bis zu jenem Tag.

Am Haus führt eine gepflasterte Rampe hinab zur Garage. Carsten E. steht nun davor, raucht eine Zigarette. Es war der 31. März 2017. Klaus-Dieter E., fast 80, wollte seinen blauen Jaguar einparken. Er hatte wegen seiner Krankheit Probleme mit solchen Manövern, er wurde schnell nervös. So beschreiben ihn Leute, die ihm nahestanden. Seine Lebensgefährtin wollte ihn in der Garage einweisen. Er gab Gas, statt zu bremsen. Sie stürzte so unglücklich, dass sie ihren Verletzungen erlag.

Die Staatsanwaltschaft ermittelte wegen fahrlässiger Tötung, reine Routine, es war ein Unfall. Klaus-Dieter E. wurde mit einem schweren Schock für ein paar Tage in die Psychiatrie eingewiesen. Er hatte seine Partnerin verloren, seine Helferin, seine Erbin. Nach weiteren Krankenhausaufenthalten starb er am 24. Mai 2017 daheim, nur eine Stunde zuvor hatte er die Klinik verlassen. Wer würde ihn beerben?

Fünf Zeilen, handgeschrieben

Neffe Carsten E. sitzt jetzt in einem Hildesheimer Lokal und erzählt. Ein Nachbar von Klaus-Dieter E. kommt dazu. «Irre Geschichte, man könnte ein Buch darüber schreiben», sagt der Nachbar. «Es ist schreiendes Unrecht, was hier abläuft.» Man hat das Gefühl, dass der Unterhaltung auch Gäste am Nebentisch lauschen, der Fall E. gehört zum Hildesheimer Stadtgespräch.

Mit Carsten E. kam die Sache ins Rollen, obwohl er kaum Kontakt zum Onkel und keine Hoffnung auf ein Erbe gehabt hatte. Sein Vater Manfred E., 73 Jahre alt und lange alkoholkrank, war mit seinem Bruder Klaus-Dieter E. zerstritten und schon aus einem älteren Testament gestrichen worden. Kurz vor seinem Tod näherten sich die Brüder wieder an, doch Manfred E. und sein Sohn Carsten wurden dann nicht mal informiert, als eine kleine Trauergemeinde die Urne von Klaus-Dieter E. in einem Friedwald beisetzte und gleichzeitig auch die seiner Lebensgefährtin. Danach, im Juni 2017, schickte ihnen das Amtsgericht Hildesheim das neue Testament zu.

Strasse und Hausnummer des Vereins sind identisch mit denen des Notarbüros – laut Testament.

Sie staunten. Da steht unter dem Punkt «Erbeinsetzung», zu seinem Erben berufe Klaus-Dieter E. «den gemeinnützigen Verein JU are welcome e. V. mit Sitz in Hildesheim», es folgt dessen Adresse. Fünf Zeilen, handgeschrieben auf einem Vordruck.

Klaus-Dieter E. habe dies «dem Notar mündlich zur Niederschrift» erklärt, liest man auf dem Formular, eine Kopie liegt der «Süddeutschen Zeitung» vor. «Ich verlange keine Zuziehung von Zeugen.» Und: «Der Notar überzeugte sich durch die Verhandlung von der erforderlichen Geschäftsfähigkeit des Erblassers.» Am Ende zwei Unterschriften. Die des Erblassers ist, anders als die des Notars, nicht zu entziffern. Datum: 6. April 2017. Sechs Tage nach dem von Klaus-Dieter E. verschuldeten Unfalltod seiner Lebensgefährtin, nach dem er so schockiert und verwirrt war, dass ihn die Polizei erst mal nicht verhören konnte.

JU are welcome?

Strasse und Hausnummer des Vereins sind im Testament identisch mit denen des Notarbüros, unter dem Briefkasten der Kanzlei findet sich an einem schmucklosen Gebäude in der Nähe des Hildesheimer Bahnhofs ein Briefkasten, auf dem mindestens bis zuletzt «JU are welcome» zu lesen war. Im Vereinsregister wird als Vereinsanschrift die Privatadresse der Notarfamilie genannt. Die Söhne von Notar und Notarin sind im Vereinsvorstand, das Notar-Ehepaar zählt zu den Vereinsgründern.

Ins Leben gerufen wurde JU are welcome Ende 2015, mehrere Gründer gehören zur CDU, zur Jungen Union und der Notarfamilie. Wenige Monate zuvor hatte der stellvertretende Vorsitzende der Hildesheimer CDU, der dann zwischenzeitlich auch Vize des Vereins wurde, Abschiebegegner «eitle Gockel» und «Gutmenschen» genannt. «JU are Heuchler», spottete die Hildesheimer Linksjugend, als die Vereinsgründung publik wurde. Der Notar ist Schatzmeister der CDU Hildesheim, ein Sohn Schatzmeister von JU are welcome, ein anderer Sohn Vorsitzender. «Da gehen bei dir alle Lampen an, total normal», sagt Carsten E., der Neffe des Erblassers, der Detektiv.

Flüchtlinge? JU? «Völlig ausgeschlossen»

Er leitet eine Detektei in Dortmund, sein Motto stammt von Bertolt Brecht: «Wenn die Wahrheit zu schwach ist, sich zu verteidigen, muss sie zum Angriff übergehen.» Früher hatte Carsten E. viel mit Markenpiraterie zu tun. Und mit Scheidungen. Einmal engagierte ihn eine Mandantin, deren Mann immer mit denselben Zahlen Lotto spielte. Es war die Telefonnummer seiner Geliebten, die in einem Wohnwagen im Wald Freier empfing. Oft bewachen er und seine Mitarbeiter Supermärkte wegen der Ladendiebe. «Mein interessantester Fall ist leider dieser», sagt er: Der Fall E.

Er kann sich nach seinen privaten Ermittlungen nicht vorstellen, dass sein Onkel willens und gesundheitlich in der Lage war, seinen Millionenbesitz JU are welcome Hildesheim e. V. zu hinterlassen. Doch wer ausser ihm hätte reagieren sollen? Sein Vater, der frühere Alkoholiker, der Bruder des Onkels, würde eh nicht nachfragen, so erschien es. Mit ihm, dem Neffen und Detektiv, habe keiner gerechnet. «Niemand hätte angefangen zu wühlen», sagt er: «Ich bin das Risiko, das sie nicht kannten.»

Familie gegen Hilfsverein, das klingt zunächst eher nach einem Zweikampf zwischen Angehörigen und Wohltätern. Carsten E. weiss, was man denken könnte: «Das ist doch alles zusammengesponnen von einer popligen Familie, die ans Erbe will.»

Auf der Website des Vereins passiert nichts

Er tut auch nicht so, als würden ihn die Millionen nicht reizen. «Wenn ich sagen würde, Geld interessiert mich nicht, dann würde ich lügen.» Doch er sagt, es gehe ihm ausser ums Geld mittlerweile ums Prinzip. «Wir sagen von Anfang an die Wahrheit. Wir haben nichts erfunden.» Und er entdeckt immer mehr Eingeweihte, die seinen Eindruck stützen, «sonst hätte ich doch gar nicht weitergemacht».

Hier das Testament. Dort Zweifel, Zeugen und Indizien. Dazwischen das Gericht.

Carsten E. beobachtet, was JU are welcome tut. Wenig. Die Website steht bis zuletzt still («besucht uns gerne auf Facebook»). Auf Facebook hatte JU are welcome zuletzt 103 Follower. Letzte Aktion demnach vor Drucklegung dieses Textes: 27. Dezember 2018, Geschenke für die «Sprachlernklasse der Grundschule Nord». Mal wurden Pakete verteilt, auch mal von der Frau des Notars, Vereinsmitgründerin und Notarin in der gemeinsamen Kanzlei. Mal fuhr ein Sohn des Notarpaars Schulranzen zum «EFES Clearingcentrum in Drispenstedt». Seit Ende Januar 2019 heisst JU are welcome Hildesheim e. V. laut Vereinsregister Welcome Hildesheim e. V. Erst an diesem Montag, Mitte Mai 2019, wurden Name und Logo auf Facebook geändert.

Der Anwalt des Vereins warf Carsten E. vor, Märchen zu erfinden.

Was soll Welcome Hildesheim e. V., vormals JU are welcome Hildesheim e. V. mit fünf bis zehn Millionen Euro? Auf Fragen antwortet der Vereinsvorstand, dass er sich auch angesichts von Berichterstattung und Verfahren «jeglichen Kommentars enthält». Der Sohn des Notars und Vorsitzende von JU are welcome sagte dem Gericht allerdings, er habe den Verstorbenen als Erwachsener nur einmal 2015 in der Kanzlei seiner Eltern begrüsst und nie mit ihm über den Verein gesprochen.

Seit Juli 2017 ficht Manfred E. das Testament seines verstorbenen Bruders Klaus-Dieter E. an, die Arbeit machen sein Sohn Carsten und ein Anwalt. Das Amtsgericht Hildesheim hat Ende Januar 2019 ein Gutachten zur Testierfähigkeit des Erblassers in Auftrag gegeben, posthum. Auch soll ein Sachverständiger die Unterschrift von Klaus-Dieter E. prüfen und der Notar erneut als Zeuge gehört werden.

Der Notar hatte einem Richter bei einem ersten Termin 2018 versichert, Klaus-Dieter E. habe nach mehreren Gesprächen den Verein einsetzen lassen wollen. Auf Anfrage der «Süddeutschen Zeitung» verweist er «auf meine Verschwiegenheitsverpflichtung als Notar». Einem Vertrauten von Klaus-Dieter E., der seine Zweifel äussert, liess er einen Brief zustellen, darin dies: «Ich mache Sie nur hiermit darauf aufmerksam, dass ich mir geschäftsschädigende und unrichtige Behauptungen über meine Person als Notar nicht gefallen lasse.» Auch ein Journalist bekam so einen Brief.

Der Anwalt des Vereins warf Carsten E. vor, Märchen zu erfinden. Carsten E. allerdings macht mehrere Menschen ausfindig, die seinem Onkel sehr nahestanden. Die «Süddeutsche Zeitung» hat sie angerufen oder getroffen. Nachbar, Helferin, Freund, Berater, Bevollmächtigter. Keiner von ihnen kann sich vorstellen, dass Klaus-Dieter E. seinen Reichtum dem Flüchtlingshilfeverein überlassen wollte.

Der Neffe tut gar nicht erst so, als würden ihn die Millionen nicht reizen. Aber mittlerweile gehe es ihm ausser ums Geld auch ums Prinzip, sagt er. Illustration: Alper Özer

Sie bestätigen, dass Klaus-Dieter E. erzkonservativ bis weit rechts war. In seinem Regal stünden Bücher wie «Die stille Islamisierung» und «So lügen Journalisten», sagt einer, der noch an seinem Totenbett gestanden hatte. Flüchtlinge? JU? «Völlig ausgeschlossen. Ich wüsste keinen, bei dem ich es mehr ausschliessen könnte.»

Auch eine Frau, die seit seinem Schlaganfall jahrelang mit ihm Sprechen geübt hatte, hat Herrn E. nie über diesen Verein reden gehört. Er habe auf Flüchtlinge und Angela Merkel geschimpft. Er habe wegen der Flüchtlinge seine Wohnung absichern lassen. JU are welcome? «Macht hinten und vorne keinen Sinn», sagt sie. «Es sind alle einer Meinung, dass es da nicht mit rechten Dingen zugeht.» Er habe auch kaum mehr schreiben und ganze Sätze sprechen können. Sie ging zur Polizei und gab ihre Aussage zu Protokoll, weil ihr das Testament so komisch vorkommt.

Carsten E. fragt, googelt, kombiniert

«Er hätte sich nie und nimmer an Hilfe für Asylanten beteiligt», sagt ein Freund von Klaus-Dieter E. Sie kannten sich seit Schulzeiten, hatten ein Flugzeug. «Das Ganze stinkt zum Himmel.» Den Satz hört man öfter. Hätte man ihm berichtet, dass sein Onkel den Verein und Flüchtlingshilfe schätzte, «dann wäre das Thema durch gewesen», sagt Carsten E. Oder wenn sein Onkel einen Pferdehof bedacht hätte, davon hatte der Pferdefreund Klaus-Dieter E. wohl gesprochen. Oder SOS-Kinderdorf, Rotes Kreuz, Hildesheimer Bürgerstiftung. Oder, seiner Meinung nach ganz wichtig: wenn zumindest ein zweiter, unabhängiger Zeuge bei der Unterzeichnung des Testaments dabei gewesen wäre.

Carsten E. fragt, googelt, kombiniert, durchforstet Dokumente. Er bekommt eine Aufnahme aus den letzten Wochen von Klaus-Dieter E. auf einem Anrufbeantworter. «Ja, E., Hildesheim», hört man, dann wird die Stimme des Schlaganfallpatienten unverständlich, ehe er grammatikalisch schief sagt: «Ich möchte Ihnen noch sprechen. Bitte. Danke.» Aufgelegt.

Die meisten Leute hätten wohl aufgegeben, sagt der Neffe. Aber er ist eben auch Detektiv.

Wenn man in all den Monaten mit dem Neffen und Ermittler Carsten E. spricht, dann ist er mal euphorisch, mal frustriert. Eines Abends meldet er, dass er den blauen Jaguar seines Onkels, das Unfallauto, bei einem Händler aufgespürt habe, und eine Frau, die das Pferd der Verstorbenen pflegt. Eines Morgens berichtet er, auch ein Vize von Verein und Hildesheimer CDU habe den Erbschein beantragt, inzwischen ist der Politiker nicht mehr Vereinsvize.

An einem Nachmittag schimpft Carsten E., dass kein Nachlassverwalter eingesetzt worden sei und JU are welcome sogar Zugriff auf ein Konto seines Onkels habe sowie Schlüssel zur Wohnung besitze. Dabei sei der rechtliche Stand doch der: Erbe unbekannt. An einem Vormittag ist er genervt, weil alles so lange dauert und nun auch noch der Gutachter gewechselt wurde. «Langsam regt mich das auf», sagt er. Erbfälle können lange dauern, die Erben des Arag-Konzerns zum Beispiel haben 35 Jahre lang gegeneinander prozessiert.

Carsten E. kennt Namen, Verbindungen, Daten. Selbst ein Hildesheimer Polizist ist beeindruckt: «Holla, die Waldfee», sagt er. «Ich hoffe, dass das gerecht ausgeht. Ein wirklich brisantes Thema.» Der Beamte untersucht die Causa E. nur deshalb, weil nach dem Tod von Klaus-Dieter E. in dessen Wohnung eingebrochen wurde. Die Täter? Unbekannt. Ein Zusammenhang mit der Erbangelegenheit? Unklar.

Der Nachbar bremst Carsten E. am Tisch im Hildesheimer Lokal ein bisschen: «Man kann nur das Puzzle zusammensetzen, aus Einzelteilen.» Er ahnt, wie schwer der Beweis fällt. Die meisten Leute hätten längst aufgegeben, glaubt Carsten E., der Neffe und Privatdetektiv. «Einen Detektiv», sagt er, «kannst du so lange ja gar nicht bezahlen.»

Erstellt: 22.07.2019, 13:37 Uhr

Artikel zum Thema

So stellen Sie das Erbe Ihrer Enkel sicher

Geldblog Geld auf dem Jugendsparkonto wird dem Kindesvermögen zugeordnet und ist so vor fremden Zugriffen geschützt. Zum Blog

Skandal bedroht finanzielles Erbe von Michael Jackson

Die neuen Vorwürfe des Kindsmissbrauchs drücken auf das Nachlass-Geschäft des King of Pop. Auch für seine Ranch finden sich keine Käufer. Mehr...

So vererben Sie Ihren digitalen Nachlass

Recht & Konsum Anders als Briefe und Tagebücher gehören E-Mails in der Schweiz nicht automatisch zum Erbe. Wie Sie Angehörigen dennoch Zugang verschaffen. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sie wollen täglich die besten Beiträge aus der Redaktion?
Dann abonnieren Sie jetzt unseren Newsletter «Der Morgen».

Die Welt in Bildern

Die grosse Vorbereitung: Eine Woche vor Beginn des eidgenössischen Schwing- und Älplerfests in Zug wird ein Schwingplatz mit Sägemehl ausgelegt. (16. August 2019)
(Bild: Alexandra Wey) Mehr...