Was der «Lozärner» von den Chinesen hält

In der Stadt der Kapellbrücke und des Löwendenkmals wächst der Unmut über 25'000 Besucher pro Tag.

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Stau auf der Kapellbrücke, morgens um zehn. Touristen aus aller Welt nehmen das Wahrzeichen Luzerns in Beschlag: Die einen posieren, die anderen drücken ab. Dazwischen schweben gefährlich die Selfiesticks. Nähme man zu viel Rücksicht auf die Hobbyfotografen, man käme nicht vom Fleck.

25'000 Touristen besuchen täglich die Stadt mit ihren 81'000 Einwohnern. Die Grenze des Erträglichen sei definitiv erreicht, finden viele Luzernerinnen und Luzerner. Von der weltberühmten Holzbrücke, dem meistfotografierten Bauwerk der Schweiz, halten sie sich fern, lieber machen sie einen Umweg. Manche Luzerner meiden die Altstadt an schönen Sommertagen, und sie bedauern, dass «ihre» pittoresken Gassen und geschichtsträchtigen Gebäude zur touristischen Kulisse verkommen. Und die Bewohner des historischen Quartiers? Eine ältere Frau, die seit Jahrzehnten am Kornmarkt lebt, sagt stellvertretend für viele: «Ich fühle mich fremd in der eigenen Stadt.»

Es sind vor allem die Chinesinnen und Chinesen, die stören. Im vergangenen Jahr besuchten zwar mehr US-Amerikaner als Chinesen die Leuchtenstadt. Aber über die Amis beschwert sich niemand – weil sie nicht auffallen, weil sie sind wie wir. Die Chinesen hingegen würden in Gruppen in die kleine Stadt einfallen. Sie haben nicht den besten Ruf. Es heisst: Chinesen drängeln vor, sind rücksichtslos und furchtbar laut.

Auffallend viele tragen den Rucksack vor dem Bauch

Am Nachmittag am Schwanenplatz: Alle paar Minuten entlädt ein Car seine Ladung. Von Mai bis September stoppen hier im Schnitt täglich 200 Reisebusse, über 250 an Spitzentagen. Ein Mann mit Velo muss warten, bis der Securitas den Car eingewiesen hat. Der Velofahrer ist genervt: «Wir haben die Schnauze voll. Das ist unsere Stadt, wir wollen auf direktem Weg ans Ziel.»

Eine weitere Gruppe asiatischer Touristen steigt aus dem Bus – auffallend viele tragen den Rucksack vor dem Bauch. Luzern ist das Schweizer Lieblingsziel der Chinesen. Die Kombination von See, Ausflugsbergen und Shopping spricht sie besonders an. «Grundsätzlich verbringt der Chinese zwei bis drei Stunden in unserer Stadt», sagt der Luzerner Tourismusdirektor Marcel Perren. In dieser Zeit besucht er die Altstadt, fotografiert die Kapellbrücke, das Löwendenkmal und die Schwäne auf dem See, es folgt eine einstündige Schiffsfahrt – dann wird eingekauft. «Po­wershopping», nennt es Perren.

«Distanz zu halten, ist den Chinesen fremd»

Geschlossen betritt die Gruppe den Bucherer am Schwanenplatz. In der Rolex-Abteilung stehen sie dicht an dicht. Die Dame hinter der Vitrine spricht Mandarin – alles ist bestens organisiert. Die Beratung dauert nur kurz. Die Kunden wissen genau, welche Uhr sie wollen. Oft kaufen sie gleich mehrere. 380 Franken gibt der Tagesbesucher aus dem Reich der Mitte aus. Zum Vergleich: Der Ausflügler aus der Schweiz lässt 60 Franken liegen. Nach dem Uhrenkauf schlurfen sie die Altstadt hoch, sie wirken erschöpft, nutzen jede Sitzgelegenheit für einen Powernap.

12'000 chinesische Touristen in vier Tagen im Mai. Was ihnen gefällt an der Schweiz. (Video: Tamedia).

Seit 2004 dürfen Chinesen ohne staatliche Ausreisegenehmigung in die Schweiz reisen. «Wir wurden von der Masse überrumpelt», sagt ein Bewohner. Und er fügt an, der «Lozärner» möge es halt gemächlich und brauche eine gewisse Distanz. Abstand zu halten, scheint den Chinesen fremd zu sein. Sie haben keine Angst vor Menschenmengen und Gedränge. Das «Rudelverhalten» ist es, was die meisten Einheimischen vor allem kritisieren. Oder dass die Chinesen bei schlechtem Wetter die Bus-Wartehäuschen besetzen oder in der Migros unterstehen – eine Verkäuferin sagt, «sie fassen alles an, kaufen aber höchstens eine Erdbeere».

Und Chinesen fotografieren ungefragt, besonders gern Frauen mit blauen Augen. Es werde ihr öfter in die blonden Haare gefasst, berichtet eine Luzernerin. Und sie spucken! Mehr noch, sie rotzen: Ziehen den Schleim geräuschvoll hoch und schleudern ihn dann vehement zu Boden. In China gilt Spucken als reinigend. Besonders bei der älteren Generation ist der Brauch nach wie vor verbreitet. Nicht nur Männer, auch Frauen tun es. Auf dem Schwanenplatz müsse man aufpassen, dass man nicht in einen «Choder» trete, sagt ein Altstadtbewohner. Man sehe die ekligen, grünlich-gelben Pfützen vor allem, wenn der Asphalt nass sei.

«Sie gehen einem nie aus dem Weg, wenn ich nicht ausweiche, pflügen sie mich um.»Altstadtbewohner

Der Rentner muss es wissen, er ist am Grendel daheim, «zmetzt inne», auch er möchte nicht mit Namen in der Zeitung stehen. Weil er glücklicher Mieter einer begehrten Altstadtwohnung ist und weil er das gute Verhältnis zu den Geschäftsinhabern in der Nachbarschaft nicht gefährden möchte. Aber er will reden, denn auch er hat genug. Kürzlich habe er über einen «Choder» direkt vor der Haustür steigen müssen. Das Speuzen sei sicher das «Gruusigste», als schlimmer jedoch empfindet er, dass die Chinesen offenbar ihre Umwelt nicht wahrnehmen würden. «Null Blickkontakt, kein Austausch von Worten», ärgert er sich, «und sie gehen einem nie aus dem Weg, wenn ich nicht ausweiche, pflügen sie mich um.»

Da wird ihn auch das Büchlein mit den Gutscheinen nicht besänftigen, welches die «IG Weltoffenes Luzern» (sie vertritt die Interessen des Gastgewerbes, der Detailhändler und der Tourismusverbände) diese Woche an 49'000 Haushalte verschickt hat. Mit den Bons für Süssigkeiten, Freikarten für Spiele des FC Luzern sowie allerlei Vergünstigungen wolle man den Bewohnern Danke sagen, so die IG, vor allem für deren Geduld mit den Touristen.

Charmeoffensive soll die Gemüter besänftigen

Natürlich haben die Luzerner nichts gegen die Chinesen an sich. Genauso wenig wie gegen Amerikaner, Inder, Araber und Europäer. Es seien einfach zu viele. Bald würden Zustände wie in Venedig herrschen, wo der Tagesbesucher ab September drei Euro Eintritt bezahlen muss. Die Bewohner der Altstadt bedauern das Lädelisterben, sie stören sich am Einheitsbrei der Geschäfte. Es mangle an öffentlichen WC. Tagsüber Rambazamba, und abends sei die Innenstadt tot.

Wie viele Touristen verträgt eine Stadt? Darüber wird in Luzern seit Jahren heftig diskutiert. Der Österreicher Vladimir Preveden, der eine aktuelle Studie zum Thema Overtourism verfasst hat, kommt zum Schluss: Luzern ist an einem Wendepunkt der touristischen Entwicklung angelangt. Noch könne man von einer guten Position aus selber bestimmen, in welche Richtung es weitergehen solle. Die Luzerner Stadträtin Franziska Bitzi Staub sagt, bei der Stadtverwaltung würden sich nur wenige Bürger melden, die sich am Tourismus in der Altstadt störten. «Wir sind uns aber bewusst, dass die Stadtbevölkerung die Entwicklung der Touristenbesuche in unserer schönen Stadt aufmerksam beobachtet und dass es auch kritische Stimmen gibt.» Im Rahmen der «Vision Tourismus Luzern 2030» wolle die Stadt klären, welchen Tourismus Luzern zukünftig haben möchte. Mittels Befragungen und Workshops wolle man die Bevölkerung in den Prozess mit einbeziehen.

Dass nur wenige Geschäfte vom Tourismus profitieren, allen voran die Uhrenbranche, der Souvenirladen Casa Grande oder die Confiserie Bachmann, die auch abends und sonntags geöffnet sind, ärgert viele Einheimische. Auch, weil die Ladenöffnungszeiten im katholischen Kanton ansonsten strikt sind, am Sonntag selbstverständlich geruht wird. Die Finanzdirektorin sagt: Seit Jahrzehnten erteile die Stadt auf Gesuch hin Sondergenehmigungen an Geschäfte, die über 50 Prozent des Jahresumsatzes aus Verkäufen an Touristen erzielen. Etwa 40 Geschäfte würden zurzeit über eine solche Bewilligung verfügen.

Man geht davon aus, dass in zehn Jahren bereits 400 Millionen Chinesen ins Ausland reisen.

Overtourism? Nein, dafür sehe er keine Anzeichen, sagt der Luzerner Tourismusdirektor Perren. Er betont jedoch, dass man nicht die Masse, sondern Qualität anstrebe. Touristen, die länger in Luzern bleiben, statt Tagesgäste. Schon heute sei ein Drittel der Chinesen in Kleingruppen unterwegs. Eine Entwicklung, die auch Christa Augsburger, Leiterin der Schweizerischen Hotelfachschule Luzern (SHL), beobachtet: «Junge, gebildete Menschen, die Englisch sprechen. Die sich mehrere Tage Zeit nehmen, das Land zu erkunden.» Schweiz Tourismus täte gut daran, sich auf diesen exklusiven chinesischen Markt zu konzentrieren.

Augsburger fragt: «Wie wird es erst sein, wenn die Mehrheit der chinesischen Bevölkerung reisen wird? Noch besitzen erst 15 Prozent der rund 1,4 Milliarden Einwohner einen Reisepass, das sind 210 Millionen Touristen. Man geht davon aus, dass in zehn Jahren bereits 400 Millionen Chinesen ins Ausland reisen: der Markt der Zukunft. Die Direktorin lädt regelmässig Referenten an die SHL ein, welche den Studierenden die fremde Kultur und Mentalität näherbringen. Im Juni war Josef Mondl, China-Spezialist aus Österreich, zu Gast. Er sagt: «Es werden noch mehr kommen.» Der Vorteil für die Schweiz: Die Mehrheit der Chinesen wolle nicht in die Schweiz, sondern nur durch die Schweiz. Die Chinesen seien nämlich verrückt nach der ganz grossen Kultur, «ihr Ziel ist Frankreich oder Italien», alle anderen Länder bezeichnet Mondl als «Durchlauferhitzer».

Der Hotelier nimmt die Kunden aus China mit Handkuss

Die meisten Chinesen buchen eine durchgetaktete Europareise. Vor einigen Jahren besuchten sie sechs, sieben Länder in zehn Tagen, heute sind Dreiländertouren, Italien, Frankreich und die Schweiz, besonders gefragt. Ziel ist, die wichtigsten Sehenswürdigkeiten fotografiert zu haben. Der Wert einer Reise werde gemessen am Bild, erklärt Mondl. «Nur wer zu Hause Fotos von der Kapellbrücke vorweisen kann, war auch tatsächlich da.» Mondl sagt, Chinesen seien «einfach gestrickt»: Sie trinken und essen alles. Sie wollen kein Wellness, keinen Roomservice – «sehr pflegeleicht». Infos auf Papier brauchen sie sowieso keine: Alles läuft übers Smartphone. Aber: «Stellen Sie heisses Wasser bereit!» Denn der Chinese halte es kaum einen Tag ohne Nudelsuppe aus.

Im Grand Hotel Europe, vier Sterne, an bester Lage am See, steht die Wasserstation «Hot Water» gleich neben der Réception. Die Kunden aus China werden gepflegt. Sie bleiben zwar höchstens eine Nacht, weniger lang als alle anderen Touristen, dafür kommen sie das ganze Jahr. «Angenehme Gäste», bestätigt Hoteldirektor Conrad Meier. Was er aber nicht akzeptiert, ist, wenn sie mit heissem Wasser durchs Haus gehen. Und natürlich seien die Asiaten laut. Besonders nachts, wenn sie auf dem Balkon in die Heimat telefonieren. Aber, relativiert Meier: «Nicht einmal habe ich wegen eines Chinesen die Polizei rufen müssen.» Er jedenfalls nehme sie weiterhin mit Handkuss.

«Ding Jinhao war hier» – im Tempel von Luxor

In China ist man sich übrigens sehr wohl bewusst, dass man sich im Ausland passend verhalten soll. «Ein zivilisierter Tourist zu sein, ist jedes Bürgers Pflicht», lautet der Grundsatz des ersten Tourismusgesetzes des Landes, das 2013 in Kraft getreten ist. Auslöser dafür waren mehrere Ereignisse, die im Ausland für Empörung sorgten. Ein Teenager, der im Tempel von Luxor «Ding Jinhao war hier» in die Wand ritzte; eine chinesische Mutter, deren Kleinkind in der Abflughalle in Taiwan sein Geschäft auf einer Zeitung verrichtete; die chinesische Reisegruppe, die sich an Bord von Singapore Airlines geschlossen weigerte, das feine Besteck zurückzugeben.

Noch besteht Handlungsbedarf: «Wir müssen unsere Kunden auf die einheimischen Gepflogenheiten aufmerksam machen», sagt Han, einer der rot gekleideten Tourguides, die am Schwanenplatz mit nummerierten Schildern auf ihre Gruppen warten. «Nicht spucken, nicht drängeln, nicht zu laut reden», das sage er immer, bevor sich die Türen des Reisecars öffnen.



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Erstellt: 06.07.2019, 20:45 Uhr

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