Wellenschlag des Lebens

Die Deutsche Alex Hai erstritt sich das Recht, erste Gondoliera von Venedig zu werden. Nun hat ihre Geschichte eine überraschende Wendung genommen.

Die erste lizenzierte Gondoliera: Alex Hai 2007. Foto: Aurora, Alamy

Die erste lizenzierte Gondoliera: Alex Hai 2007. Foto: Aurora, Alamy

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Es ist nicht immer leicht, ein Held zu sein. Für Alex Hai fühlte sich das eigene Heldentum immer fürchterlich falsch an, unfair auch. Von Alex Hai aus Hamburg hat die Welt, und zwar die ganze Welt, vor zehn Jahren zum ersten Mal gehört. Damals brauchten die Medien noch den ganzen Vornamen: Alexandra, sie war 40.

Es war die Geschichte eines Tabubruchs aus Venedig, eines Risses in einer jahrtausendealten Tradition. Alexandra erstritt sich vor den Gerichten das Recht, eine offizielle «Gondoliera» zu sein, die erste Frau, die Gondelpassagiere durch Venedigs Kanäle ruderte. Gegen alle Widerstände der männlichen, machohaften Zunft.

Eine unerwartete Story

Die Feministinnen feierten Alexandra Hai als eine Ikone ihres Kampfes, eine Pionierin. Alle Schlagzeilen nahmen dieses Motiv auf. Und Alexandra Hai lebte damit. «Es war ein Markenzeichen», sagt sie.

Nun, zehn Jahre später, erhält diese heroische Geschichte einen feinen, unerwarteten Twist. Zwei Reporter von Radiolab, einer Radiostation aus New York, fuhren nach Venedig, um die Heldin zu treffen. Sie dachten, sie würden die bekannte Story nacherzählen. Doch Hai bat sie, sich eine Woche Zeit zu nehmen. Man sollte lernen, sich zu vertrauen.

Hai lud zu einer Fahrt auf ihrer Gondel Pegaso ein, die sie einst vor der Zerstörung gerettet und restauriert hatte. Sie trafen sich beim Opernhaus La Fenice, dem üblichen Treffpunkt von Hais Touren. Sie ruderte die ­Reporter durch die Kanäle der Lagunenstadt und zurück an die Anfänge ihres Lebens.

Schon in sehr jungen Jahren, erzählt Alex Hai, habe sie gemerkt, dass sie zwar in einem weiblichen Körper steckte, sich aber wie ein Bub fühlte. Als Kind habe sie gebetet, dass sie einen Penis bekommen würde. Ihre ­Eltern, beide Ärzte, sollen nur wenig Verständnis gehabt haben für ihre Zweifel und Kämpfe.

Mit 15 Jahren riss sie von zu Hause aus und landete im Hamburger Rotlichtviertel St. Pauli. Sie lernte dort Menschen kennen, die sie ernst nahmen. Dann zog sie nach San Francisco, fand ins Filmgeschäft. Es war für einen Film, dass sie zum ersten Mal nach Venedig kam, mit 29. Sie verliebte sich in die Stadt, war gefangen in ihrem Zauber. Und sie war fasziniert von den Gondolieri, die da mit ihren Holzbooten elegant durch die ­Kanäle glitten, singend und ­warnend an jeder Kehre.

Sie nahm Ruderlektionen und wurde schnell gut. Das «brutale und krude» Ambiente der Gondolieri, wie sie es beschreibt, belächelte die Fremde, man respektierte aber ihr Können. Als sie sich für den Eignungstest anmeldete, schlug die Stimmung um. Noch nie hatte sich eine Frau um eine Lizenz beworben. Sie fiel durch, nahm sich einen Anwalt, und der machte aus dem Fall eine «Geschlechterfrage». Sie habe das nicht kommen sehen, sagt Alex Hai. Der Anwalt hatte das Narrativ festgelegt. Für eine Korrektur war es bald zu spät.

Eine Reise zu sich selbst

«Dann ging das los mit dem Feminismus», sagt sie. Doch so falsch es sich auch anfühlte: Es war eine Chance, sich beruflich durchzusetzen. Auf ihrer ersten Website warb sie für sich als «erste Gondoliera der Geschichte».

Sie sei müde, sagt sie jetzt. Das habe viel zu lange gedauert. Unlängst schloss Alex die alte Website und schrieb dazu: «Ich verändere nicht, was ich bin. Ich werde, wer ich bin.» Vor einigen Monaten fuhr sie nach Kalifornien, um sich operieren zu lassen. Er wisse nicht, was das nun mit ihm anstelle, mit seiner Stimme zum Beispiel. Als ihn die Reporter fragten, ob er die Reaktionen fürchte, sagte Alex: «Nein, ich bin ein Krieger.» Und dann sagte er noch: «Gondoliere? Für Frauen ist das ein schwieriger Job, weil das Ambiente grausam und sehr hart ist.»

Erstellt: 19.06.2017, 21:48 Uhr

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