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«Wenn jemand das Gespräch verweigert, sollte man sich sorgen»

Der Täter von Flums fiel mit Gewaltfantasien auf. Was tun, wenn ein Jugendlicher plötzlich auffällig wird – Antworten von einem Experten.

Zweiter Tatort: Ein 17-Jähriger hat vor der Agrola-Tankstelle und auf dem Postplatz in Flums mehrere Personen mit einer Axt angegriffen.
Zweiter Tatort: Ein 17-Jähriger hat vor der Agrola-Tankstelle und auf dem Postplatz in Flums mehrere Personen mit einer Axt angegriffen.
Eddy Risch, Keystone

In Flums hat ein Lehrling mehrere Menschen mit einer Axt angegriffen und verletzt. Vor vier Monaten war der 17-Jährige wegen Gewaltfantasien der Jugendsozialarbeit aufgefallen, eine Drittgefährdung war nach Abklärungen durch ein Kriseninterventionsteam des Schulpsychologischen Dienstes St. Gallen und der Staatsanwaltschaft aber ausgeschlossen worden. Welche Möglichkeiten die Zürcher Behörden in solchen Fällen haben, erklärt Jürg Forster, Leiter des Schulpsychologischen Dienstes der Stadt Zürich.

Was passiert, wenn ein Schüler auffällig wird?

Im schulischen Umfeld reden wir mit Bezugspersonen und klären ab, ob ein unmittelbarer Handlungsbedarf besteht. Wir sind ein Beratungsdienst und keine ermittelnde Behörde. Wenn eine akute Bedrohung besteht, schaltet in der Regel die Schule die Polizei ein. Ein Kriseninterventionsteam für Schulen gibt es im Kanton Zürich noch nicht wie im Kanton St. Gallen. Die Bildungsdirektion ist aber daran, eine psychologische Nothilfe bei Gewalt im schulischen Umfeld aufzubauen.

Wie gehen Sie konkret vor?

Oft sprechen wir als Erstes mit dem Jugendlichen selbst. In der Beratung versuchen wir seine Sichtweise zu verstehen und ihm Wege aufzuzeigen, wie er Konflikte ohne Gewalt lösen kann. Wir können auch einen Besuch in der Klasse machen, den Schüler beobachten und mit den Eltern reden. Im Gespräch mit dem Jugendlichen und seinen Bezugspersonen versuchen wir einzuschätzen, wie ernst die Situation ist und ob eine Fremd- oder Selbstgefährdung vorliegt.

Welche weiteren Möglichkeiten hat der Schulpsychologische Dienst?

Wenn es einem Jugendlichen in seinem familiären Umfeld schlecht geht, ist die Zusammenarbeit mit den Eltern wichtig. Manchmal kann der Einbezug der Kindesschutzbehörde nötig werden, was meist die Schulbehörde übernimmt. Wir können uns zudem an den Jugenddienst der Stadtpolizei Zürich wenden, der uns beratend unterstützt. Viele potenzielle Täter sind auch Opfer, etwa von Mobbing.

Wie sieht die rechtliche Situation aus?

Es gab vor acht Jahren den Fall von Schülern aus Küsnacht, die während eines mehrtägigen Ausflugs in München mehrere Menschen brutal verprügelt und teilweise schwer verletzt haben. Die Schule wies danach darauf hin, dass sie Vorkehrungen hätte treffen können, wenn ihr die Vorstrafen der damals 16-jährigen Jungen bekannt gewesen wären. In der Zwischenzeit ist im Kanton Zürich die Gesetzgebung angepasst worden. Der Austausch von Daten wurde im Rahmen der Kinder- und Jugendhilfe für Strafverfolgungsbehörden, Kinder- und Jugendpsychiatrische Dienste, Spitäler, Schulen und weitere involvierte Stellen erleichtert. Das ist sicher ein Fortschritt.

Was können Eltern tun?

Sie können das Gespräch mit ihrem Kind suchen, ihre Sorge über sein Verhalten ausdrücken und den Jugendlichen bitten, zu erklären, was er getan oder gesagt hat. Ausserdem können sie sich an andere Bezugspersonen wenden: die Lehrerin, den Lehrmeister, andere Jugendliche oder deren Eltern, und sich mit diesen absprechen. Es kommt auch vor, dass Eltern sich direkt an psychiatrische Dienste, an eine Beratungsstelle oder an die Polizei wenden, wenn sie befürchten, dass ihr Sohn oder ihre Tochter sich oder andern etwas antut.

Welche Anzeichen gibt es?

Wenn jemand seine Persönlichkeit stark verändert und sich jedem Gespräch entzieht, sollte man sich Sorgen machen und etwas unternehmen.

Viele fragen sich, ob man eine solche Tat wie in Flums hätte verhindern können.

Bei einem jungen Menschen, der mit einer Axt auf Fremde losgeht, kann es sein, dass er unter Wahnvorstellungen leidet. Psychotische Schübe sind oft nicht vorhersehbar. Anders ist es bei einem Racheakt oder bei einem Streit, der gewalttätig ausartet. Wir wissen nicht, aus welchen Motiven der Jugendliche das getan hat. Darum kann ich mich zu dieser Frage nicht äussern.

Video – Jugendanwalt Stephan Ramseyer zum Fall Flums

Stephan Ramseyer, Leitender Jugendanwalt, erklärt, was über den Täter von Flums bekannt ist. (Video: Tamedia/Lea Koch)

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