«Wenn meine Frau jünger wäre, hätte ich sie auch draufgestellt»

Sägewerksbesitzer Rüdisühli wirbt im Unterengadin auf einem Plakat für «Holz vor der Hütte». Was hat er sich dabei gedacht?

Man erkennt es nicht gleich, aber hier wird für Holz geworben. (Foto: Annette Ramelsberger)

Man erkennt es nicht gleich, aber hier wird für Holz geworben. (Foto: Annette Ramelsberger)

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Parallelwelten im «Me Too»-Zeitalter: Während sich in der einen Wirklichkeit eine feministisch hoch sensibilisierte Gruppe die Köpfe zerbricht über die Frage, ob man Frauen noch in den Mantel helfen darf, Quoten für die Besetzung von Führungsjobs braucht und das Binnen-I verpflichtend einführen sollte, fungieren in der anderen Wirklichkeit Frauen noch als freizügige Postergirls, mit denen man zum Beispiel Holz verkaufen kann. Ein Anruf bei Rodolfo Rüdisühli, der im Unterengadiner Grenzort Martina ein Sägewerk betreibt.

Herr Rüdisühli, eine Kollegin kam bei einer Radtour nach Meran kürzlich an Ihrem Plakat vorbei und hat mir ein Foto davon geschickt. Sie wissen, von welchem Plakat die Rede ist?
Rodolfo Rüdisühli: Jaja, ich kenn das schon.

Auf dem Plakat sieht man vier auf dem Bauch liegende Frauen im tief ausgeschnittenen Dirndl, der Busen quillt einem praktisch entgegen. Über den Frauen steht: «Wir haben Holz vor der Hütte.» Drunter: «... greifen Sie zu!»
Ja.

Finden Sie das Plakat gelungen?
Wenn ich's nicht gelungen fände, hätte ich's nicht gemacht.

Worauf genau bezieht sich das «Greifen Sie zu»?
Ja gut, wir sind ein Sägewerk, und auf dem Plakat ist Holz zu sehen.

Weil das nämlich nicht ganz klar wird, dass das Holz gemeint ist. Verstehen Sie, was ich meine?
Jaja.

Was haben Brüste mit Holz zu tun?
Das sind ja keine Brüste, sondern das sind Frauen, die lachen. Die haben ein Dirndl an und sind gut gekleidet.

Man guckt ihnen aber direkt in den Ausschnitt.
Ja, wenn man das will, schon. Man kann aber auch aufs Holz schauen.

Sie können sich aber schon vorstellen, warum ich anrufe?
Bis jetzt hab ich nur positive Reaktionen bekommen.

Es hat sich noch niemand beschwert?
Nein, nein, überhaupt nicht.

Kennen Sie die vier Frauen auf dem Plakat?
Ja, die kenne ich alle persönlich, das sind Kolleginnen von mir. Also die arbeiten nicht bei mir im Sägewerk, aber ich kenne sie privat.

Und die haben da gerne mitgemacht?
Die haben mir das offeriert.

Das Motiv war deren Idee?
Ich habe gesagt: Das wär doch eine Werbung. Und dann haben sie gesagt: Ja. Also die haben gerne mitgemacht.

Und der Spruch «Holz vor der Hütte», das war auch Ihre Idee?
Ich meine, wir sind ein Sägewerk. Ein Sägewerk hat Holz vor der Hütte.

Und offenbar auch Brüste.
Also das Dirndl, wenn das nicht okay ist, dann versteh ich das Ganze nicht. Die Frauen sind richtig anständig gekleidet.

Es gibt seit einiger Zeit eine weltweite Debatte unter dem Stichwort «Me Too», haben Sie von der mal gehört?
Nein, hab ich noch nicht.

Bei der Debatte geht es um sexuelle Übergriffe auf Frauen, aber auch um alltäglichen Sexismus. Zum Beispiel um sexistische Darstellung von Frauen in der Öffentlichkeit. Zum Beispiel auf Ihrem Plakat.
Von mir dazu kein Kommentar.

Herr Rüdisühli, haben Sie Familie?
Jaja.

Vielleicht auch eine Tochter?
Ist ja egal, eigentlich.

Sagen wir, eine der vier Frauen über dem «... greifen Sie zu!» wäre Ihre Tochter, wäre Ihnen wohl dabei?
Es geht ja ums Holz und nicht um die Mädchen.

Warum sind sie dann drauf?
Weil wenn ich Holz draufmache, dann schaut niemand hin.

Ach so.
Es geht um das Lachen der Frauen.

Komisch. Mir kommt es so vor, als ginge es eher um die Brüste.
Ich schau doch nicht auf die Brüste.

Sie hätten die Frauen auch hinstellen können.
Und dann sieht man die Beine, ist das besser?

Gegen lachende Frauen im Dirndl hat keiner was. Aber lachende Frauen im Dirndl, denen man zwischen die Brüste fotografiert hat, um dann Holz zu verkaufen, das ist sexistisch.
Man sieht doch keine Brüste! Man sieht vielleicht das Décolleté.

Noch mal die Frage: Wenn Ihre Tochter da liegen würde, das wäre in Ordnung?
Wieso sollte sie nicht mitmachen? Ja sicher, da sehe ich kein Problem. Wenn meine Frau ein bisschen jünger wäre, hätte ich sie auch noch draufgestellt.

Aber nur, wenn sie jünger wäre.
Also es muss ja auch noch gut aussehen.

Halten wir fest: Sie finden das Plakat gelungen, Beschwerden gab es nicht, die Frauen haben gerne mitgemacht, und darum bleibt das Plakat, wo es ist.
So ist es.

Wenn ich Ihnen jetzt mitteile: Mich als Frau stört es – was sagen Sie dazu?
Was soll ich dazu sagen? Das ist dann halt Ihre Meinung.

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Wie finden Sie das Plakat des Engadiner Sägewerks?




Erstellt: 16.06.2019, 19:15 Uhr

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