Wie Weinsteins Privatdetektive Zeuginnen austricksen wollten

Israelische Ex-Agenten, «Raubtier»-Vorwürfe – und ein Richter, dem alles zu bunt wurde: Das war Tag eins im Prozess gegen Weinstein.

Der einstige Starproduzent scheint gesundheitlich schwer angeschlagen zu sein. (Video: AP)

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Hollywood-Filmpreisverleihungen haben seit einiger Zeit ein Must-have abseits von glitzernden Roben und blankpolierten Schuhen. Sie müssen politisch sein, zumindest alibimässig.

Das war bei den 77. Golden Globe Awards am Sonntagabend im kalifornischen Beverly Hills nicht anders. So gab es auf der Bühne Spendenaufrufe für die Opfer der Buschbrände in Australien. Patricia Arquette holte sich ihre Statue als beste Nebendarstellerin in der True-Crime-Serie «The Act» ab und erinnerte daran, dass sich Amerika am Rande eines neuen Nahost-Krieges befindet. Und Schauspielkollegin Michelle Williams, wenig später ausgezeichnet als beste Hauptdarstellerin im achtteiligen Drama «Fosse/Verdon», würdigte ihrerseits das Selbstbestimmungsrecht der Frau und appellierte an alle Amerikanerinnen, bei der Wahl im November die richtige Entscheidung zu treffen.

Der Saal mit der Nummer 99

Ein Thema schienen die Geladenen allerdings geflissentlich auszusparen: den nur einen Tag später startenden Prozess in New York gegen Harvey Weinstein – jenen Mann, der vor nicht allzu langer Zeit noch zu den einflussreichsten Figuren der Filmbranche zählte. Immerhin eine Spitze schoss Moderator Ricky Gervais am Vorabend in den Festsaal des Beverly Hilton Hotels: Es sässen eine Menge Produzenten im Raum, die alle eines gemeinsam hätten – «sie haben Angst vor Ronan Farrow», spottete der britische Comedian (hier gehts zum Bericht über Gervais' provozierende Moderation). Farrow war einer der Journalis­ten, die die Vorwürfe gegen Weinstein im Oktober 2017 öffentlich gemacht und mit ihrer Berichterstattung die weltweite #MeToo-Bewegung ins Rollen gebracht hatten.

Während am Montag auch die Staatsanwaltschaft in Los Angeles Anklage gegen Weinstein erhebt, wird es für ihn vor der Strafkammer des New York State Supreme Courts bereits ernst. Dort muss sich der 67-Jährige in den kommenden Wochen wegen Nötigung und Vergewaltigung verantworten.

Bilder: Prozess gegen Harvey Weinstein in New York

Es ist das erste Mal, dass sich einer jener Männer der US-Strafjustiz stellen muss, die ihre Stellung ausgenutzt haben sollen, um systematisch Frauen und seltener Männer sexuell auszubeuten. Mehr als 80 Frauen werfen Weinstein bis heute schweres Fehlverhal­ten vor. Stellvertretend für Hunderte, ja Tausen­de ähnliche Schicksale in aller Welt werden im holzgetäfelten Saal mit der Nummer 99 die mutmasslichen Leidensgeschichten von zwei Frauen verhandelt werden.

Immerhin der Aufwand, den die Presse am Morgen des Prozessstarts betreibt, scheint der Tragweite dieses Verfahrens angemessen. Das Gericht öffnet seine Türen regulär um acht Uhr – aber bereits um 6.30 Uhr hat sich eine Schlange vor dem Gebäude gebildet. Wobei, so ist unter den Anstehenden zu vernehmen, weit weniger Kollegen da seien als beim letzten medienträchtigen Verfahren, das New York erlebt hat: dem Prozess gegen Mexikos Drogenbaron «El Chapo».

Die enorme mediale Aufmerksamkeit dürfte eine der grössten Herausforderungen für die Strafkammer unter Vorsitz von Richter James Burke werden. «In God we trust» steht über dem Richterstuhl, und der Beistand höherer Mächte wird wohl schon in den kommenden zwei Wochen nötig sein, wenn es um die Auswahl der zwölf Jury-Mitglieder geht. Staatsanwaltschaft wie Verteidigung wollen ein voreingenommenes Gremium verhindern. Aber ist das überhaupt möglich, bei allem, was bereits über Harvey Weinstein gesagt und geschrieben wurde?

«In diesem grossartigen Land gilt ein Mann so lange als unschuldig, bis seine Schuld bewiesen wurde.»Donna Rotunno, Weinsteins Anwältin 

Weinsteins Hauptanwältin Donna Rotunno, eine ausgewiesene Spezialistin für die Verteidigung von Sexualstraftaten, wird später vor der Presse an einen juristischen Grundsatz erinnern: «In diesem grossartigen Land gilt ein Mann so lange als unschuldig, bis seine Schuld bewiesen wurde.» Doch auch vor Staatsanwältin Joan Illuzzi liegt keine einfache Aufgabe. Denn so sehr die Betroffenen diesem Verfahren entgegengefiebert haben, es gibt auch Amerikaner, die der #MeToo-Debatte inzwischen überdrüssig sind.

Dieses Verfahren, es wird wohl einmal mehr ein Glaubenskampf werden – das macht bereits der erste Tag deutlich, an dem es vorrangig um Formalia geht. Illuzzi wehrt einen Antrag der Verteidigung ab, die darauf dringt, verschriftlichte Zeugenaussagen und E-Mails ungeschwärzt zu bekommen. Sämtliche relevanten Informationen seien übermittelt worden, aber es gehe hier nicht zuletzt auch um Opferschutz: Die Zeuginnen hätten sich schliesslich zu sensibelsten Dingen eingelassen.

Worauf die Staatsanwältin abzielt, wird kurz darauf klar: Die Verteidigung, so Illuzzis Vorwurf, habe über eine angeheuerte Privatdetektei bereits Kontakt zu einer Zeugin gesucht. Ein Mitarbeiter von «Black Cube» – einer Firma, die sich auf die Informationsbeschaffung in Rechtsstreitigkeiten spezialisiert hat – versuchte demnach, der Frau unter Vorspiegelung falscher Tatsachen Details zu ihrer Aussage vor Gericht zu entlocken. Gegründet wurde «Black Cube» von zwei ehemaligen Mitarbeitern des israelischen Geheimdienstes.

«Zeuginnen schon genug Schaden zugefügt»

Nicht die einzige Beschwerde, die die Staatsanwältin vor dem Richter vorbringt: Illuzzi stört sich ausserdem an Interviews von Verteidigerin Donna Rotunno. Diese habe sich gegenüber der Presse wiederholt auf herabwürdigende Art über jene Frauen geäussert, mit deren Hilfe die Staatsanwaltschaft Weinstein hinter Gitter bringen will. Zu ihnen zählt Mimi Haleyi, eine ehemalige Produktionsassistentin der Weinstein Company: Sie gibt an, 2006 von Weinstein in dessen New Yorker Appartement zum Oralsex gezwungen worden zu sein. Eine zweite, bislang unbekannte Frau, bezichtigt den ehemaligen Studioboss der Vergewaltigung. Ausserdem sollen weitere Frauen als Zeuginnen gehört werden, deren Vorwürfe nicht Teil der Anklage sind. «Diesen Zeuginnen wurde schon genug Schaden zugefügt», appelliert Illuzzi.

Weinsteins Verteidigerin bestreitet den Vorwurf. Sie habe sich stets professionell und respektvoll verhalten, sagt Rotunno – im Gegensatz zur Staatsanwältin, die Weinstein als «Raubtier» bezeichne, noch bevor der Prozess richtig begonnen habe.

Der Zeitplan ist «ambitioniert»

Richter Burke hört zu, gibt mal der einen, mal der anderen Seite recht und geht hart dazwischen, wenn es ihm zu bunt wird. Auf sechs bis acht Wochen ist das Verfahren vorerst angesetzt. Ein Zeitplan, den Burke selbst als «ein bisschen ambitioniert» bezeichnet – «aber irgendwo müssen wir anfangen».

Den einfachsten Job hat vielleicht noch der Angeklagte selbst: Als Richter Burke um 9.25 Uhr überpünktlich die Verhandlung eröffnet, bedeutet ein Justizwachtmeister dem Beschuldigten aufzustehen. Harvey Weinstein, im dunklen Anzug mit schwarzer Krawatte, hat den Saal auf einen Rollator gestützt betreten. Seit einem Autounfall im Sommer leidet der 67-Jährige unter Rückenproblemen, kurz vor Weihnachten wurde er noch operiert. Mehr als seine Anwesenheit bestätigen muss er an diesem Morgen nicht. «Harvey Weinstein», sagt Harvey Weinstein. Dann darf er sich wieder setzen.

Erstellt: 06.01.2020, 23:23 Uhr

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