Wer aufschiebt, wirft sein Leben weg

Es ist ein Übel: Unwichtige Dinge werden erledigt, wichtige schiebt man vor sich her. Doch Prokrastination ist heilbar — mithilfe von Selbstmanagement.

Zettel können helfen: Selbstmanagement ist anstrengend und wenig lässig, wirkt aber. Foto: iStock

Zettel können helfen: Selbstmanagement ist anstrengend und wenig lässig, wirkt aber. Foto: iStock

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Schön, dass Sie gerade meine Kolumne lesen. Ich hoffe, die Lektüre ist für Sie unterhaltsam und informativ. Aber ich hoffe auch, dass Sie damit nicht ­etwas anderes aufschieben. Etwas Wichtigeres, Schwierigeres und Unangenehmeres, das Sie sich eigentlich vorgenommen hatten. Doch? Dann sollten Sie jetzt erst recht weiterlesen.

Prokrastination ist, wenn man ein Vorhaben aufschiebt, obwohl man weiss, dass das negative Folgen haben wird: Facebook statt für die Prüfung lernen, Kaffeepause statt Präsentation vorbereiten. Fast jeder prokrastiniert gelegentlich, aber für manche ist Aufschieben ein Lebensstil. Darunter leiden nicht nur sie selber, sondern auch ihre Kolleginnen, Mitarbeiter, Chefinnen, Partner. Prokrastination ist ein Übel. Ihretwegen kassieren wir schlechte Noten, sprengen Budgets, reichen die Steuererklärung zu spät ein, verlauern unsere Altersvorsorge. Prokrastination ist perfid: Aufgeschoben werden fast nur die wichtigen Dinge. Stattdessen werden unwichtige erledigt.

Prokrastination ist überall. Rund ein Drittel der Berufstätigen bekundet problematisches Aufschiebeverhalten, bei Studierenden gar die Hälfte. Tendenz steigend, denn die Bedingungen fürs Aufschieben waren nie besser. Erstens verfolgen uns digitale Gerätschaften auf Schritt und Tritt. Nicht mal das Essen, das Schlafen oder der Toilettengang bleiben davon verschont. Zweitens hat sich die Arbeit verändert. Zu Zeiten der industriellen Produktion war klar, was zu tun war. Heute arbeiten wir viel freier – haben aber Mühe, die Freiheit produktiv zu gestalten. Drittens wird heute anders geführt. Früher wurden wir gemanagt, heute müssen wir uns selber managen. Doch sogar erfahrenen Führungskräften fehlen oft die Leadership-Skills, die es für die Selbstführung braucht. Prokrastination beunruhigt. Wir wissen, dass wir uns damit schaden – und tun es trotzdem.

Wir schieben auf, um negative Emotionen zu übertünchen.

Warum nur? Die tieferliegende Ursache ist, dass sich unsere stammesgeschichtlichen Prägungen mit den heutigen Lebensumständen reiben. Wir sind von Natur aus anfällig auf Ablenkung, präferieren momentanen Lustgewinn gegenüber langfristigem Wohlergehen, fürchten uns vor sozialer Ablehnung. Vor diesem Hintergrund lassen sich die näherliegenden Gründe des ­Aufschiebens verstehen.

Wir schieben auf, weil wir uns einer Fülle verlockender Möglichkeiten gegenübersehen: Smartphone, E-Mail, Web, Kollegen buhlen um unsere Aufmerksamkeit. Wir schieben auf, um negative Emotionen zu übertünchen. Die Angst etwa, die viele beim Lernen auf eine Prüfung verspüren. Die Wohnung zu putzen, lindert die Angst. Wir schieben auch auf, wenn wir müde sind. Und wir sind oft müde, denn sogar das Zubettgehen schieben wir auf. Und wir schieben auf, was wir nicht gerne tun. Dadurch machen wir es aber noch weniger gern.

Selbstmanagement ist anstrengend und wenig lässig, wirkt aber. Und es wirkt noch mehr, wenn es mit Emotionsarbeit kombiniert wird.

Prokrastination ist heilbar. Nicht mit noch einer neuen Fokus-App und auch nicht mit komplizierten Morgenritualen. Sondern durch diszipliniertes Einüben der wissenschaftlich überprüften Regeln des Selbstmanagements, wie sie z.B. die Arbeits- und Organisationspsychologen Martin Kleinmann und Cornelius König in ihrem Buch «Selbst- und Zeitmanagement» beschreiben: Arbeitsplatz aufräumen, Ablenkungen vermeiden, Pausen machen. Ziele definieren, Zeitaufwand realistisch schätzen, Pufferzeiten planen. Aufgabenlisten führen, Aufgaben in den Kalender eintragen, Termine mit sich selber vereinbaren. Sich gegenüber anderen verpflichten, Gewohnheiten entwickeln, sich bei Zielerreichung belohnen. Und sich in Selbstbeobachtung üben. Selbstmanagement ist anstrengend und wenig lässig, wirkt aber. Und es wirkt noch mehr, wenn es mit Emotionsarbeit kombiniert wird: sich das schöne Gefühl vorzustellen, das sich nach Erledigung der Aufgabe einstellt, und auf die Aufschieberitis nicht mit Selbstvorwürfen zu reagieren, sondern mit Verständnis – damit nicht negative Gefühle entstehen, die das Aufschieben wieder begünstigen.

Was aber, wenn Sie schon Selbst­management-Jedi sind, aber immer noch aufschieben? Dann sollten Sie nicht länger rumdoktern. Aufschieben ist ein ernsthafter Befund – für den es seriöse Behandlungsmöglichkeiten gibt (zu finden über die Website Psychologie.ch). Denn wer sein Aufschieben nicht in den Griff bekommt, wirft sein Leben weg.

Kalaidos Gesammelte Kolumnen: wip.tagesanzeiger.ch (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 02.06.2019, 23:02 Uhr

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