Wer hat noch ein Postauto? 

Auf den Parkflächen stehen nur noch Gerippe, die Hälfte der Flotte ist zerstört – Besuch im verwüsteten Churer Busdepot.

Ein Drohnenvideo zeigt das Ausmass der Zerstörung in Chur. (17. Januar 2018) Video: SDA

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«Sieht man etwas?» In der Daleustrasse in Chur stehen Passanten an den Fenstern der Postgarage, gucken vom Trottoir in die Halle, die Sonne spiegelt, mit den Händen wird abgeschirmt. «Oje, nur noch Schrott da drin.»

Ob es stimme, dass in der Nacht ein brennendes Postauto noch über den Hof gefahren sei, will eine ältere Dame wissen. Eben doch nicht, schon gedacht. Die Rauchwolken aber habe sie selber gesehen. Kinder kommen von der Schule heim, es ist Mittag, sie suchen einen Weg aufs abgesperrte Areal. Sie wohnen nebenan, haben in der Nacht die Flammen züngeln sehen. Vielleicht durch die Tiefgarage? Der Reporter rät gewissenhaft ab. Zu gefährlich, immer noch.

Die Zerstörung hinter der Absperrung ist eindrücklich. Die Garage ist verwüstet, herabgestürzte Metallträger und vom Feuer verkrümmte Dachbleche liegen herum, auf den Parkflächen stehen Fahrzeugreste wie Gerippe und Kadaver. 20 Postautos sind ausgebrannt, Totalschaden, drei weitere können vielleicht repariert werden, sagt Urs Bloch, Mediensprecher von Postauto. «Ein Problem wird der Brandgeruch sein.» Nicht mehr zu retten sind auch mehrere Privatautos von Postauto-Chauffeuren, die hier abgestellt waren.

Bilder: Postauto-Garage in Flammen

Die Feuerwehr ist immer noch da, Brandwache. Zehn Mann aus Churwalden haben die erschöpften Einsatzkräfte abgelöst, welche die ganze Nacht hindurch gelöscht haben. Nun ersticken sie bei Tageslicht die letzten Glutnester. Wie sie da behelmt und in Schutzanzügen in den Metallsplittern stehen, erinnern sie unweigerlich an Bilder des 11. September 2001 – Helden auf Trümmern. Ihr Job ist gefährlich, es bestehe Einsturzgefahr, sagt René Schuhmacher.

Der Mediensprecher der Kantonspolizei Graubünden ist seit vielen Stunden hier im Einsatz, seine Augen sind gerötet, bald will er sich hinlegen. Erst wenn die Statiker die Einstellhalle freigeben, sagt er, dürfen die Brandermittler kommen. Die Ermittlung der Brandursache ist Sache von Kantonspolizei und Staatsanwaltschaft, spekuliert wird nicht.

Gewiss ist, dass niemand verletzt wurde. Der Churer Stadtpolizist, der in der Nacht auf Donnerstag mit Atembeschwerden ins Spital musste, konnte wieder entlassen werden. «Wir sind sehr froh», sagt René Schuhmacher, der Kantonspolizist. Man sieht ihm die Erleichterung an. Den Schaden an den Fahrzeugen schätzt die Postauto AG auf 7,5 Millionen Franken. Einer Passantin vor der Garage tut es leid für die Firma: «Erst die Sache mit der Buchhaltung, nun der Brand: Sie haben es nicht leicht.» Die Fahrzeuge waren versichert, wie die Postauto AG bestätigt.

Rund 50 Anwohner evakuiert

Der Anruf bei der Kantonspolizei ging am Mittwochabend kurz nach 20.45 Uhr ein: Feuer in der Postgarage. Die Gesamtfeuerwehr Chur und die Feuerwehr Domat/Ems-Felsberg rückten aus, die Betriebsfeuerwehr der Ems-Chemie half ebenfalls, insgesamt eine Hundertschaft. «Als ich ankam, stand die ganze Halle voller Flammen, unheimlich», sagt Kantonspolizist René Schuhmacher. Die Feuerwehrleute kesselten den Brand von mehreren Seiten ein und bekamen ihn so unter Kontrolle. Besonders intensiv kümmerten sie sich um die Tankstelle, die in die Garage integriert ist: Die Zapfsäule wurde ständig mit Löschwasser gekühlt und blieb so weitgehend heil.

Die Polizei hatte als Erstes die Anwohner zu sichern. Die Garage ist an ein Wohn- und Gewerbehaus angebaut, Wohnungen blicken auf die Halle herab, das Garagendach diente dem unteren Stockwerk als Gartenvorplatz. Dass das Feuer übergreife, diese Gefahr habe nie wirklich bestanden, sagt Schuhmacher, dafür habe der viele Beton des Wohnhauses gesorgt. Dennoch wurden rund 50 Anwohner evakuiert. «Sicherzustellen, dass wir alle haben, das ging bis Mitternacht und war anspruchsvoll», sagt Schuhmacher. Die Polizisten trugen Atemschutzgeräte.

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Sammelplatz war beim Sunshine Pub. Die allermeisten Evakuierten hätten sich selber einen Ort für die Nacht organisieren können, so die Polizei. Am Donnerstag um sechs Uhr früh durfte in die Wohnung zurück, wer wollte – trotz Glutnestern und trotz dem Riss in der bahnhofseitigen Aussenmauer.

Parforce-Leistung in der Nacht

Schon in der Nacht zu rotieren begann Walter Schwizer, der Leiter Betrieb des Gebiets Ost bei der Postauto AG. Er setzte sich in St. Gallen ins Auto und war kurz vor 23 Uhr in Chur. 23 zerstörte Fahrzeuge, das entspreche knapp der Hälfte der gesamten Postautoflotte, die jeden Tag ab Chur im Einsatz sei. Ersatz musste her.

Die Kollegen in Chur hatten schon im Engadin angerufen, und gegen 00.30 Uhr kamen zwei Postautos von dort in Chur an. «Alle halfen mit, jeder fragte: Wo steht noch ein Auto in der Werkstatt?» Bis zum Morgen waren neun Extra-Postautos beisammen, der Fahrplan wurde eingehalten. «Ich darf stolz sein, mit einem solchen Team arbeiten zu dürfen», sagt Schwizer. Von einer «Parforce-Leistung» der Kollegen spricht die Firmenzentrale. Unter der schneebedeckten Glaskuppel des Churer Postautobahnhofes herrschte am Donnerstag Normalbetrieb. Flims/Laax, Tschiertschen, Lenzerheide, alles rollt.

Die Solidarität gehe über den Konzern hinaus, sagt Schwizer. Auch Konkurrenten meldeten sich, böten Hilfe und Wagen oder die Benützung von Waschanlagen an. Am Wochenende werden Postautos aus der ganzen Ostschweiz ab Chur zum Einsatz kommen. So werde das Ski-Wochenende gemeistert. Bis die verbrannten Autos durch neue ersetzt sind, werde es aber acht bis zehn Monate dauern. Postautos gibt es nicht ab Stange.

Erstellt: 17.01.2019, 19:45 Uhr

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