Hintergrund

Wie die Wettmafia im Schweizer Fussball grosse Kasse machte

Auch das Bundesstrafgericht in Bellinzona befasste sich 2009 mit dem Wettskandal. Die Anklageschrift zeigt die Funktionsweise der Wettmafia.

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Ante Sapina und Marijo Cvrtak waren Paten der Wettmafia, die im Frühjahr 2008 begann, Fussballspiele der europäischen Ligen zu manipulieren. Dabei stützten sie sich auf ein weitverzweigtes Netz von Mittelsmännern, die für ihre Betrügereien Spieler bestochen hatten. Ins Visier der Wettmafia gerieten auch Spiele der Schweizer Challenge League. In den Saisons 2008/2009 und 2009/2010 soll es bei 22 Meisterschaftsspielen sowie sechs Testpartien zu Manipulationen von Matchergebnissen gekommen sein. Die Wettpaten aus Deutschland konnten in der Schweiz auf zwei Statthalter zählen – in Gossau und in Thun.

Wiederholungstäter Sapina und Cvrtak sind im Mai des letzten Jahres vom Landgericht Bochum wegen gewerbsmässigen Betrugs zu je fünf Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt worden. Der vermutlich grösste Wettskandal Europas wird nun auch in der Schweiz gerichtlich aufgearbeitet. Vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona müssen sich zwei Spieler und zwei Drahtzieher verantworten.

Zum Beispiel der 7:0-Sieg von Lugano über Gossau

Die Anklageschriften zum Wettmafia-Prozess, der am Donnerstag beginnt, listen einen Teil der in der Challenge League manipulierten Spiele auf. Zu den geschobenen Spielen gehört zum Beispiel der 7:0-Sieg von Lugano über Gossau am 26. September 2009. Das Resultat entsprach weitgehend den Wünschen der Wettmafia, die auf eine Kanterniederlage von Gossau gesetzt hatte, wobei zwei Tore in der zweiten Halbzeit fallen sollten. Tatsächlich fielen aber vier Tore nach der Pause. Beim asiatischen Wettanbieter MSN gewannen die Betrüger 41'400 Euro.

Der mutmassliche Drahtzieher in diesem Fall war Darko Damjanovic vom FC Gossau, der vom Wettpaten Cvartak rekrutiert worden war. Damjanovic, der zunächst Goalie von Gossau war, übernahm die Aufgabe, Teamkollegen für Spielmanipulationen anzuwerben, wie es in der Anklageschrift heisst. Für den Match gegen Lugano liessen sich drei Gossau-Spieler auf das Angebot der Wettbetrüger ein: Torhüter Christian Leite liess auffallend viele Gegentore zu, die Feldspieler Marc Lütolf und Mario Bigoni zeigten wenig Angriffslust und kaum Gegenwehr. Die Belohnung von über 15'000 Euro erhielten die drei Gossau-Spieler wenige Tage nach dem Match auf einer Autobahnraststätte in Deutschland. Auch Damjanovic bekam mehrere Tausend Euro.

Die einstigen Gossau-Spieler Damjanovic, Leite, Lütolf und Bigoni sind Namen, die in den Gerichtsakten auch bei anderen geschobenen Spielen der Challenge League auftauchen. Dazu kommen Eldar Ikanovic und Papa Omar Faye, beide damals beim FC Thun, sowie Anto Franjic, der für Wil und Vaduz spielte, Gudelj Boze, der in Freiburg tätig war, und David Blumer (Thun und Wil). Die betroffenen Clubs suspendierten die unter Verdacht stehenden Spieler oder entliessen sie bei klarer Beweislage. Ausserdem verhängte der Schweizerische Fussballverband (SFV) teilweise mehrjährige Spielsperren.

Fünf Strafbefehle und ein Todesfall

Gegen neun Spieler von Clubs der Challenge League hat die Bundesanwaltschaft Strafverfahren geführt und teilweise mit Strafbefehlen erledigt. So wurden Lütolf, Ikanovic, Boze, Faye und Franjic bereits im letzten Winter wegen Gehilfenschaft zu gewerbsmässigem Betrug zu bedingten Geldstrafen zwischen 90 Tagessätzen à 100 Franken und 60 Tagessätzen à 10 Franken verurteilt. Bigoni verstarb im Oktober 2011 unter nicht restlos geklärten Umständen, seine Leiche wurde im Alten Rhein bei Rheineck gefunden.

Die anderen Spieler – Leite, Blumer und Damjanovic, der auch Drahtzieher gewesen sein soll – sowie der Mittelsmann Mate B. beteuern ihre Unschuld. Weil sie die Strafbefehle der Bundesanwaltschaft nicht akzeptierten, stehen sie ab Donnerstag in Bellinzona vor dem Bundesstrafgericht. Im Fall von Mate B. kommt es zu einem abgekürzten Verfahren: Die Anklage beantragt eine bedingte Gefängnisstrafe von 13 Monaten. In den anderen Fällen wird die Bundesanwaltschaft ihre Anträge in der Verhandlung bekannt geben.

Die Anklageschriften zum Prozess werfen ein Schlaglicht auf die Funktionsweise der Wettmafia, die in der Schweiz Wettgewinne von mehreren Zehntausend Euro pro Spiel realisierte. Dagegen kassierten die bestochenen Spieler vierstellige oder tiefe fünfstellige Beträge. In Einzelfällen heimsten die Betrüger sogar über 100'000 Euro ein – der Fall war dies bei Testspielen des bosnischen Clubs NV Travnik in der Schweiz. Das Total der Wettgewinne bei Spielen in der Schweiz dürfte einen hohen sechsstelligen Betrag erreichen.

Wetten über Mittelsmänner in Europa und Asien

Der in Nürnberg wohnende Marijo Cvrtak war der für die Schweizer Spiele zuständige Mann der deutsch-kroatischen Wettmafia. Wie aus der Anklageschrift hervorgeht, reiste Cvrtak regelmässig in die Schweiz, um mit Mittelsmännern oder Spielern die Möglichkeit von Manipulationen zu besprechen. Er bot ihnen ein Entgelt oder eine Beteiligung an den Wetten an. Seine Wetteinsätze übermittelte Cvartak telefonisch oder per SMS an einen Komplizen, der ein Wettkonto bei dem auf Malta registrierten Anbieter Bet-at-home besass. Andere Wetten sollen über einen Wettmakler in London bei asiatischen Wettanbietern wie SBO, MSN oder IBC gesetzt worden sein.

Cvrtak oder seine Komplizen sahen sich immer die Challenge-League-Spiele an, auf die sie gewettet hatten, einerseits um die bestochenen Spieler zu beobachten, andererseits um – je nach Spielverlauf – Live-Wetten zu platzieren. Vor drei Jahren flog die Wettmafia auf – und mit ihr auch Cvrtak.

Der Wettmafia-Prozess in Bellinzona beginnt am Donnerstag und wird am Montag fortgesetzt. Die Urteile sollen am Dienstag eröffnet werden.

Erstellt: 06.11.2012, 14:34 Uhr

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