Meeresfrüchte von Sklaven

Vier Reporter haben menschenunwürdige Zustände in der Fischindustrie aufgedeckt – und für ihre Recherche nun einen wichtigen Preis erhalten.

Pulitzer-Preis in der Kategorie Dienst an der Öffentlichkeit: Ein versklavter Arbeiter sitzt in Benjina in einer Zelle. (22. November 2014)

Pulitzer-Preis in der Kategorie Dienst an der Öffentlichkeit: Ein versklavter Arbeiter sitzt in Benjina in einer Zelle. (22. November 2014) Bild: Dita Alangkara/Keystone

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Es war ein langer Weg, bis die AP-Texte über massive Sklavenarbeit in der Fischereiindustrie Südostasiens einschlugen. AP-Redakteur Adam Geller hat die Arbeit seiner vier Kolleginnen nachgezeichnet, für die die Nachrichtenagentur nun einen Pulitzer-Preis bekommen hat.

Mit Fotos und Videos dokumentierte das Quartett den Weg der Meeresfrüchte in westliche Kühlschränke, das Leid eingesperrter Arbeiter – und die Erleichterung, als einer von ihnen nach 22 Jahren seine Familie wiedersah. Über 2000 versklavte Fischer und andere Arbeiter erlangten am Ende ihre Freiheit wieder. Während der Recherchen waren Risiken jedoch ständiger Begleiter der Journalistinnen. Dazu gehörte auch die heikle Frage, wie die Ausbeutung aufgedeckt werden könne, ohne das Leben der Geiseln zusätzlich zu gefährden.

Die Reportage-Serie «Seafood from Slaves» (Meeresfrüchte von Sklaven) führte die Reporter Margie Mason, Robin McDowell, Martha Mendoza und Esther Htusan in vier Länder. Dabei konnten sie auf vorangegangenen Berichte über Zwangsarbeit in der Fischereiindustrie aufbauen. Doch sollte ihre Arbeit letztlich über ein Jahr dauern.

Männer in Käfigen

Nach umfangreicher Berichterstattung im Jahr 2014 reisten McDowell und Htusan zur indonesischen Insel Benjina, die rund 3060 Kilometer von der Hauptstadt Jakarta entfernt liegt. Auf dem Eiland stiessen die Reporterinnen auf in Käfigen gehaltene Männer, am Hafen kamen sie mit anderen versklavten Arbeitern ins Gespräch. Im Schutze der Dunkelheit hängten sie sich in einem Boot an einen Fischerdampfer dran, um Gefangene dabei zu filmen, wie sie ihr Leid schilderten. Dabei wären sie vom Schiff eines aufgebrachten Sicherheitsmannes fast gerammt worden, berichteten sie später.

Die Sklaven – arme Männer aus Burma, Kambodscha, Laos und Thailand – erzählten, wie sie in Sklaverei gelockt, eingesperrt, verprügelt und zur Arbeit gezwungen worden seien. Den Reporterinnen zeigten sie zudem einen Friedhof, wo mehr als 60 verstorbene Arbeiter unter falschen Namen begraben worden sein sollen.

Von Benjina aus verliess sich das AP-Team auf Satellitentechnologie, um ein Frachtschiff mit von den Sklaven gefangenen Schrimps an Bord nach Thailand zu verfolgen. Dort beobachteten sie, wie die Fracht abgeladen und per Lastwagen in Kühllageranlagen und Fabriken geschafft wurde. Über Interviews, Überwachung und Transportdokumente vollzogen die Reporterinnen den Weg der verarbeiteten Meeresfrüchte in die USA nach. Die Erkenntnisse übten letztlich mächtig Druck auf Lieferanten, Einzelhandelsfirmen wie Wal-Mart sowie Restaurantketten aus.

Freilassung von Hunderten von Sklaven

Den beteiligten Reporterinnen und ihre Redakteure war klar, dass sie eine explosive Geschichte hatten. Doch rangen sie mit der Frage, ob sie sie sofort veröffentlichen sollten und so womöglich die Sklaven in Gefahr bringen würden. Oder ob sie die Informationen an Behörden weitergeben und warten sollten, bis die Arbeiter in Sicherheit sein würden – und damit zu riskieren, dass ihnen ein anderes Medium mit der Story zuvorkommt. Schliesslich entschied sich die AP für das Letztere.

Die Recherchen führten neben der Freilassung Hunderter Sklaven auf Inseln und Schiffen zu Razzien in thailändischen Anlagen, in denen Zwangsarbeiter im mitunter zarten Alter von 15 Jahren Garnen schälen mussten. Die Regierung Indonesiens leitete bald nach Veröffentlichung der AP-Berichte strafrechtliche Ermittlungen ein. Zudem kam es in der Folge zu zahlreichen Festnahmen und Beschlagnahmungen von Gütern im Millionenwert.

Veränderung erst durch Firmen und Kunden möglich

Reporterin McDowell sagte, die Befriedigung über die Befreiung der Arbeiter sei durch das Wissen gedämpft, dass noch viele weitere in Sklaverei verharrten. Doch habe das AP-Team die Berichterstattung auf eine Weise verfolgt, die den Boden für zusätzliche Reformen bereiten könnte, sagte sie. «Ich denke, unsere Intention war es von Anfang an...soviel Aufmerksamkeit wie möglich auf das Thema zu lenken. Aus diesem Grund wurde das in Verbindung mit dem amerikanischen Esstisch gebracht.» So könnten Regierungen, Menschenrechtsorganisationen und Arbeitnehmergruppen zwar Druck auf Thailand ausüben, doch kämen erst Veränderungen in Gang, wenn amerikanische Firmen oder Kunden dies verlangten, sagte McDowell.

Am Montag wurde die AP für ihre umfangreiche Recherche über die Sklavenarbeit in der Fischerei mit einem Pulitzer-Preis in der Kategorie Dienst an der Öffentlichkeit belohnt. Es war für die Nachrichtenagentur der erste Pulitzer in dieser Sparte. (nag/sda)

Erstellt: 19.04.2016, 08:53 Uhr

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