Wir müssen bescheidener und zugleich grosszügiger leben

Um der Klimakatastrophe zu begegnen, muss die Menschheit ihre Lebensweise radikal ändern.

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Angesichts der Globalisierung, der verzerrten Verteilung von Macht und Vermögen, die die Armen immer ärmer macht, ist es dringend notwendig, zu menschlicheren Werten zurückzukehren. Unser mangelndes Einfühlungsvermögen gegenüber den Schwächsten ist der Beleg dafür, dass wir uns von uns selbst abgeschnitten haben. Wir haben gelernt, uns von unseren Mitmenschen abzuwenden, so wie wir uns auch von der Natur und ihren Bedürfnissen abgeschnitten haben.

Unsere moderne Welt und das Wirtschaftswachstum vor allem der westlichen Länder haben katastrophale Folgen für den Planeten. Wir tun weiterhin so, als wäre nichts und als ob uns dieses Unglück nicht betreffen würde. Wir haben den inneren Faden verloren, den Faden, der uns verbindet, den Faden wohlwollender Freundlichkeit und des Respekts. Wir haben uns mitreissen lassen, sind dem Spass von Haben und Sein erlegen und haben dabei jegliches geistige und menschliche Bewusstsein aufgegeben.

Die Wissenschaft hat die Führung übernommen. Deren Begrifflichkeit diktiert, was die Politik tun muss und wie wir leben müssen. Wir werden von Kameras, Computern, Telefonen und Chips aller Art kontrolliert, haben jegliches Vertrauen verloren, während das eigensüchtige Vorgehen der grossen Finanzgruppen seine Rechte einfordert, ohne dass irgendjemand sie dabei aufhalten könnte. Wie können wir dieses System verlassen, das uns einsperrt und diejenigen tarnt, die über diese Welt herrschen?

Es geht um eine radikale Wende. Wir müssen unsere Ängste über Bord werfen. Ängste, die uns unsere Erziehung, unsere Fernsehsendungen, unsere Zeitungen oder unsere Werbung mitunter einreden. Aber leben, etwas aufbauen, eine innere Wende wagen, das bedeutet: eine individuelle Rebellion auszulösen, eine neue Art des Wahrnehmens, Hörens und Sehens zu erschaffen. Ohne das Herz bleiben die Gedanken kalt. Dieser Umsturz kann nur spirituell sein. Wir müssen Gewohnheiten hinter uns lassen, die Gewohnheit, «viel» zu produzieren, «viel» zu haben.

Die finanziell Gierigen sollten sich auf etwas gefasst machen, alle anderen müssen nichts fürchten, denn in ihnen stecken alle Möglichkeiten. Sie können ihre wahre Freiheit wählen, nämlich diejenige, nicht an dieser egoistischen Welt teilzunehmen: «viel» zu verlassen und sich auf «weniger», «kleiner», «ausreichend» zuzubewegen. Entflechten und sich unabhängig machen, das ist es, was den Menschen wieder mit seinem Element versöhnt, was ihn verantwortungsbewusst macht und ihm das Gefühl gibt, nützlich zu sein.

Die Politik von morgen kann nur Wachstumsrückgang und Nachhaltigkeit sein: bescheidener und zugleich grosszügiger leben. Vielleicht ist die Klimakatastrophe, die sich abzeichnet, ein Glücksfall, unsere eigentliche Chance, eine verantwortungsbewusste und schöne Menschengesellschaft zu schaffen. Aber die Zeit drängt. Wir müssen diese Krise bewältigen, wir müssen erwachsen werden und diese machohafte Teenagerhaltung ablegen, die das Weibliche erdrückt. Die Natur ist unterdrückt worden, genauso wie die Frauen seit Jahrhunderten an den Rand gedrängt wurden. Was schwach erscheint, muss wieder zu seinem Recht kommen. Ohne Weiblichkeit und Natur wird es keine Harmonie geben.

Junge Menschen, Schüler stehen bereits vor der Tür, sie klopfen bereits an am Innersten unseres Gewissens, und einige von ihnen werden sich nicht unterkriegen lassen. Wir müssen uns jetzt innerlich vorbereiten auf einen Sprung ins Ungewisse, denn die Brücke, die wir jetzt bauen müssen, führt ins Unbekannte, was tausendmal spannender ist als unsere vergangene Geschichte. Wir müssen uns verwandeln und uns aus dem Käfig befreien, der bereits nicht mehr so golden ist. Oder unsere Kinder werden es tun, wenn es uns nicht gelingt. Entweder werden wir von unserer Vergangenheit verbrannt oder wir schaffen furchtlos etwas Neues. Wir sind nur auf der Durchreise, deshalb lasst uns mutig sein.

Erstellt: 05.05.2019, 18:24 Uhr

Juliette Binoche ist eine französische Schauspielerin und Oscar-Preisträgerin. Aus dem Französischen übersetzt von Martina Meister. Foto: Hayoung Jeon (Keystone)

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