Werden in Genf junge Jihadisten ausgebildet?

Ein Genfer konvertiert zum Islam und zieht nach Syrien in den Heiligen Krieg. Bevor er verschwand, besuchte er häufig die Moschee Petit-Saconnex. Die Polizei ermittelt.

Junge Menschen aus allen Nationen konvertieren zum Islam:  Petit-Saconnex in Genf (Archivbild)

Junge Menschen aus allen Nationen konvertieren zum Islam: Petit-Saconnex in Genf (Archivbild) Bild: Dominic Favre

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«Mein Sohn rief mich an, als ich mit Freunden unterwegs war, um mir mitzuteilen, dass er für zwei Wochen nach Marokko in die Ferien fliegt. Ich solle mir keine Sorgen machen, er würde mich am selben Abend noch einmal anrufen», sagt die Mutter. Seit diesem Telefonat sind nun vier Monate vergangen. Der junge Schweizer konvertierte vor gut zwei Jahren vom Katholizismus zum Islam. Er soll mit einem älteren Extremisten unterwegs sein – durch eine vertrauliche Information der französischen Polizei vom 18. August befinden sich zwei seiner Imame in Frankreich. Die Kriminalpolizei schlägt Alarm und leitet Ermittlungen ein, wie «24 heures» berichtet.

Die Mutter ist überzeugt, seine Abreise im April war mehr spontan als geplant. Es wirkt, als sei er in Eile aufgebrochen. Ohne Kleidung, ohne Zahnbürste und ohne seinen kostbaren Gebetsteppich. Sogar seine Korane blieben in der Schreibtischschublade zurück. «Ich machte mir nicht sofort Sorgen, da er schon öfter Reisen in letzter Minute unternommen hatte», sagt die Mutter verzweifelt. Mehrere Kontaktversuche blieben unbeantwortet. Nach einigen Recherchen finden die Eltern heraus, dass ihr Sohn nicht nach Marokko, sondern nach Istanbul gereist sein muss und von da aus direkt nach Syrien.

Nach drei Monaten der erste Anruf. «Seine Stimme war tot», sagt die Mutter. Der junge Schweizer versucht, seine Eltern zu besänftigen, seine Telefonnummer hält er unterdrückt, seinen Aufenthaltsort verrät er nicht. Warum sollte er freiwillig nach Syrien in den Heiligen Krieg? Der Genfer hasste Waffen und «richtige Muslime tun keiner Fliege etwas zu Leide», wie er stets betonte. Rückblickend geben die Eltern aber zu, dass er sich im letzten Jahr stark verändert habe. Der Genfer lernte Arabisch und ging bis zu dreimal am Tag in die Moschee, um zu beten.

Was passiert hinter den weissen Mauern der Moschee?

Der Genfer, der hier als Abdullah bekannt ist, gilt als «starke Schulter» in der religiösen Gemeinschaft. Junge Menschen, die unter sozialen oder familiären Problemen leiden, haben sich eine kleine Welt geschaffen. Der Kern der Truppe besteht aus jungen, diskreten und vorsichtigen Leuten, die extremistische Ideen verfolgen. Das sorgt vor allem bei den älteren Mitgliedern für Stirnrunzeln. «Sie sind in Not und wollen Ungläubige beseitigen. Dieses Unrecht gegenüber dem Islam tut weh und stört vor allem uns Gläubige», klagt ein 28-jähriges Mitglied. Aus den verschiedensten Nationen würden Leute zum Islam konvertieren: Tunesier, Schweizer und Leute aus dem Balkan. Alle mit der Ideologie, Ungläubige müsste man bestrafen. Vor ein paar Monaten hätten einige Mitglieder gesehen, wie die Jungen mit Jihadisten in Syrien per Whatsapp Kontakt aufnahmen und diesen dann pflegten.

Im Gebetsraum treffen sich die Jungen für ihre Sitzungen. Der Raum befindet sich im Untergeschoss – mit einem separaten Eingang. Verantwortlicher dieses Vereins ist ein Imam mit dem Pseudonym J.A. Sechs Jahre studierte er in Medina die Schriften des Korans, bis er dann 2012 anfing, in der Moschee Petite-Saconnex zu arbeiten. Der Imam ist kein Unbekannter: Sein Name wird in Verbindung mit einem siebenfachen Mord im Auftrag von Allah im Jahr 2012 gebracht. Weiter wurden Skizzen eines praktizierenden Imams gefunden, in denen er seine extremistischen Vorstellungen aufzeigt.

Die Moschee in Genf scheint ein Magnet für Extremisten zu sein. Im vergangenen Jahr hätte ein junger Tunesier am Place du Molard Korane verteilt und vor allem junge Passanten aufgefordert, in den Jihad zu ziehen. Getragen habe er ein T-Shirt mit einer Pistole darauf, das teilte eine Zeugin mit. Kurze Zeit später wurden zwei Afrikaner geschnappt, die ebenfalls auf diesem Platz Korane verteilt hatten und dann mit dem Flugzeug in die Türkei reisen wollten.

Die Moschee gerät in Verdacht

Die Situation ist ernst, die französische Polizei schreitet ein. Es wird versucht, die Bevölkerung in Genf und Frankreich auf Extremisten zu sensibilisieren, die Direktion Dienststellen für Grenzpolizei (DDPAF) verteilt ein Memo mit Informationen zum muslimischen Gottesdienst. Die Polizei sammelt Beweise und Informationen über den Verbleib der ausgerissenen Gotteskrieger. Weiter heisst es, dass J.A einer der Schlüsselfiguren in der Branche sei. Er rekrutiere junge Menschen und bilde sie zu Jihadisten aus.

Über den Verbleib des jungen Genfers ist weiter nichts bekannt, er befinde sich in einem Lager im Süden Tunesiens. Für die DDPAF ist klar: das Hauptproblem ist die Moschee Petit-Saconnex.

Unterstützt die Moschee den Extremismus? Oder noch schlimmer, werden junge Menschen extra dafür ausgebildet? Der Generaldirektor der FCIG (Fondation du Centre International de Genève), Beyari Ahmed, dementiert die Vorwürfe. Und verteidigt zwei Imame der Kirche in Genf. «Wir können nicht Hunderte von Islamisten kontrollieren, ihnen in die Köpfe schauen. Natürlich unterstützen wir keine Extremisten, beeinflussen können wir unseren Besuch in den Moscheen aber nur bedingt.» (nab)

Erstellt: 28.08.2015, 11:29 Uhr

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