Zum Hauptinhalt springen

Kopf des Tages: Stanislaw DziwiszPapstvertrauter bringt die polnische Kirche ins Wanken

Der Krakauer Kardinal und Ziehsohn von Johannes Paul II. steht unter Vertuschungsverdacht.

Soll pädophile Geistliche gedeckt haben: Kardinal Stanislaw Dziwisz.
Soll pädophile Geistliche gedeckt haben: Kardinal Stanislaw Dziwisz.
Foto: Keystone

Allen Warnungen zum Trotz sprach Papst Franziskus 2014 seinen Vorvorgänger Johannes Paul II. heilig. Jetzt fallen die faulen Früchte aus dem polnischen Pontifikat in Franziskus’ Garten: Ein Kardinal nach dem anderen aus der Wojtyla-Ära gerät wegen Missbrauchs oder Vertuschung ins Straucheln. Aktuell trifft es die Säule des polnischen Katholizismus: den 81-jährigen Kardinal Stanislaw Dziwisz, Krakauer Erzbischof von 2005 bis 2016 und zuvor der engste Vertraute, ja Ziehsohn von Papst Johannes Paul II.

Letzte Woche zeigte der Privatsender TVN24 die Reportage «Don Stanislao. Das andere Gesicht von Kardinal Dziwisz». Die Vorwürfe sind happig: Als Erzbischof von Krakau soll er Missbrauchspriester versetzt, als Privatsekretär von Johannes Paul II. gar die berüchtigsten pädophilen Geistlichen gedeckt haben: allen voran den Gründer der Legionäre Christi, Marcial Maciel, der in seinen Seminaren Jungs zu Hunderten missbraucht haben soll. Einige von ihnen waren schon in den 90er-Jahren bei Dziwisz vorstellig geworden. Doch der unternahm nichts. Selbst der Vorwurf der Bestechung steht im Raum: Maciel soll Dziwisz viel Geld gegeben haben, um seinen Getreuen Zugang zum Papst zu verschaffen.

Die Vorwürfe gegen Kardinal Dziwisz beschädigen genauso das Bild von Johannes Paul II.

Auch dem US-Kardinal Theodore McCarrick soll Dziwisz zu Diensten gewesen sein. Wegen Übergriffen auf Kinder und Seminaristen hat ihn Franziskus letztes Jahr aus dem Klerikerstand entlassen. Johannes Paul II. hatte ihn im Jahr 2000 zum Erzbischof von New York gemacht, obwohl er von den Vorwürfen wusste. Letzte Woche veröffentlichte der Vatikan einen Untersuchungsbericht zum Fall McCarrick (TA vom Dienstag). Dziwisz wird darin 45-mal genannt. In der TV-Doku berichten Opfer McCarricks, sie hätten Dziwisz bereits vor Jahrzehnten über den Missbrauch informiert.

Nach Ausstrahlung der Doku meinte der polnische Jesuit Jacek Prusak, jetzt werde die Büchse der Pandora geöffnet. Tatsächlich bringt der Film die unter den Teppich gekehrten Altlasten des Wojtyla-Pontifikats zum Vorschein. Als prominenteste noch lebende Figur jener Ära beschleunigt Dziwisz den Niedergang der polnischen Kirche, die seit Jahren von Pädo-Skandalen erschüttert wird. Letztes Jahr deckten zwei Dokumentarfilme das systematische Vertuschen von Kindesmissbrauch durch Geistliche auf. Ein Jahr zuvor avancierte der Film «Klerus» gar zum meistgesehenen Kinofilm in Polen. Gerade musste der Vatikan den 97-jährigen polnischen Kardinal Henryk Gulbinovicz wegen sexuellen Missbrauchs abstrafen.

Die unheilige Allianz von Kirche und Staat hat gerade das Verfassungsgericht mit seinem faktischen Abtreibungsverbot sichtbar gemacht.

Die Vorwürfe gegen Kardinal Dziwisz beschädigen genauso das Bild von Johannes Paul II. Der Nationalheilige war die Galionsfigur einer gegen den kommunistischen Staat opponierenden Kirche. Längst kein Hort der Freiheit mehr, ist diese heute am Gängelband der staatstragenden Partei Recht und Gerechtigkeit. Die unheilige Allianz von Kirche und Staat hat gerade das Verfassungsgericht mit seinem faktischen Abtreibungsverbot sichtbar gemacht.

Für Dziwisz wird es ungemütlich. Letzte Woche wurde sein Haus von Demonstranten umzingelt. Sogar die polnische Kirchenspitze verlangt eine unabhängige Untersuchung. Dziwisz selber will nur eine vatikanische akzeptieren. Die Anschuldigungen bestreitet er, mochte aber im Film nicht Red und Antwort stehen.

11 Kommentare
    Carmen Siegrist

    Wie lange will die röm. kath. Kirche noch an ihrem Patriarchat halten? Es heisst doch in der Schöpfungsgeschichte, dass Gott den Menschen nach seinem Ebenbild geschaffen hat. Und da heute ja niemand leugnen kann, dass es auch Frauen auf dieser Welt gibt, fehlt im Gottesbild einfach der Anteil des Weiblichen. Nun Eva als Sünderin betrachten und Maria durch eine unbefleckte Empfängnis verehren ist ein Nährboden für faule Äpfel am Baum des Lebens. Wer will die heute denn noch essen? Diese röm. kath. Kirche muss von innen her und zwar von Grund auf erneuert werden.