Pariser auf Wanderschaft

Wenn Schatten auf Röntgenbildern für Lacher sorgen.

Durch den Mund auf die Lunge: Die Patientin hatte versehentlich ein Kondom inhaliert. Bild: Flickr/ icethim

Durch den Mund auf die Lunge: Die Patientin hatte versehentlich ein Kondom inhaliert. Bild: Flickr/ icethim

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Husten, Auswurf, Fieber – seit sechs Monaten ging das nun schon so. Die 27-jährige Inderin war ratlos. Alle Laborwerte im Blut waren normal. Und im Auswurf fanden die Mikrobiologen auch keine Erreger, die hätten schuld sein können an ihrer Erkrankung. Dennoch verordneten ihr mehrere Ärzte versuchsweise Antibiotika, sogar eine viermonatige Behandlung gegen Tuberkulose hatte sie auf Anraten der Ärzte probiert. Aber es besserte sich trotzdem nicht. Im Oberlappen der rechten Lunge spielte sich irgendetwas ab, das zeigten Schatten auf mehreren Röntgenbildern, die von Mal zu Mal stärker wurden. Schliesslich suchte die junge Lehrerin Hilfe in einem Spital in Delhi.

Die Ärzte dort schlugen ihr eine Lungenspiegelung vor – und fanden die Ursache für die Beschwerden: Etwas Gummiartiges ragte aus dem Bronchus, in dem normalerweise Luft in und aus dem rechten Oberlappen strömt. So etwas hatten die Ärzte noch nie gesehen.

Ähnlich grosse Augen machten auch Chirurgen an einem Gesundheitszentrum in Kamerun, die eine 26-jährige mit Bauchschmerzen vor sich hatten. Sie war gekommen, weil sie seit einer Woche zunehmend stärker an Unterbauchschmerzen litt, die sich immer mehr nach rechts unten verlagerten. Übelkeit und Appetitlosigkeit kamen hinzu. Die Ärzte hielten eine Blinddarmentzündung für wahrscheinlich, und damit lagen sie richtig. In einer Operation entfernten sie den etwa fingerlangen, entzündeten Wurmfortsatz. Eigentlich wäre die Sache damit erledigt gewesen. Aber dieser Wurmfortsatz fühlte sich komisch an.

Deshalb schnitten die Chirurgen das kleine Teil der Länge nach auf – und staunten: Etwas Gummiartiges kam zum Vorschein. Nun war klar, weshalb sich der Wurmfortsatz, der umgangssprachlich «Blinddarm» genannt wird, entzündet hatte.

Nadeln, Schrauben, Schlüssel

Die «Appendix vermiformis», wie der Wurmfortsatz unter Medizinern heisst, liegt am Anfang des Dickdarms. Sie kann infolge von Infektionen schmerzen, zum Beispiel wenn sich Kot darin ansammelt. Sehr selten entzündet sie sich auch, weil irgendein verschluckter Fremdkörper ausgerechnet im Wurmfortsatz landet und nicht mehr herausfindet. Schätzungen zufolge wird etwa eine von 20'000 bis 200'000 Blinddarmentzündungen durch einen Gegenstand verursacht.

Nadeln, Schrauben, Schlüssel, Gallensteine, Zungenpiercings, Zähne, Eierschalen und anderes mehr haben Chirurgen schon in Wurmfortsätzen gefunden. Die junge Patientin auf dem Operationstisch aber hatte das Seltene vom Seltenen in ihrer Appendix.

Nach der Operation mit dem ungewöhnlichen Fund konfrontiert, erinnerte sie sich: Ja, sie habe Sex gehabt mit ihrem Freund, vierzehn Tage bevor die Bauchschmerzen begannen. Dabei habe sich das Kondom gelöst, das sie versehentlich verschluckt habe, berichtete sie. Weil sie aber Stücke davon fünf Tage später im WC entdeckt habe, nahm die Patientin an, dass sie das Kondom ausgeschieden habe. Deshalb sah sie auch keine Veranlassung, den Ärzten von der Episode zu berichten.

Auch die Patientin in Delhi hatte ein Kondom intus – versehentlich inhaliert beim oralen Sex. Es hatte sich genau in einem Moment gelöst, als die Patientin husten musste. So war der Gummi bei ihr in die Luftwege geraten. Weder sie noch ihr Ehemann hatten den Ärzten gegenüber etwas erwähnt, sei es aus Scham oder weil sie keinen Zusammenhang mit der Erkrankung vermuteten. Nachdem die Mediziner das Kondom mit einer kleinen Zange aus der Lunge entfernt hatten, genas die Patientin auf wundersame Weise.


Quellen:

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Erstellt: 08.07.2016, 17:26 Uhr

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