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Kolumne zum Thema AusgangParty auf der Bühne

Am heftigsten feiern Theaterleute nach der letzten Vorstellung – wenn der ganze Stress einer Produktion von ihnen abfällt.

Auf der Theaterbühne tanzt man besser als im Club.
Auf der Theaterbühne tanzt man besser als im Club.
Bild: Kyle Head/unsplash

Als Teenager war ich schön brav und hab mir nie viel aus Partys oder Ausgang gemacht. Meine wilden Zeiten fingen erst an, als ich fürs Studium nach Zürich kam und einem Studierendentheater beitrat. Da gingen wir regelmässig nach der Probe zusammen in die nächste Beiz oder luden uns gegenseitig zu WG-Festen ein.

Gruppenpflege ist das, und das ist gut für das Abbauen von Hemmungen beim Spielen. Am Anfang muss man sich immer überwinden, um sich zum Beispiel in einer dramatischen Szene gegenseitig anzu­schreien. Das geht gleich viel besser, wenn man schon zusammen ein Bier getrunken hat.

Besonders gut sind mir die Dernière-Partys in Erinnerung geblieben. Nach der letzten Vorstellung fällt der ganze Stress von einem ab, der sich während einer Produktion aufbaut. Fast ein Jahr lang sucht man Leute, einigt sich auf ein Stück, probt, schreibt Sponsoren an oder organisiert Helferinnen und Helfer für die Bar. Vom Lampenfieber auf der Bühne ganz zu schweigen.

Meine wilden Zeiten fingen im Studierendentheater an.

Ich habe keine Produktion erlebt, bei der es bei allem Spass nicht auch lauter Probleme gab. Einmal schrieben wir selbst ein Stück, das in einem Tram auf dem Weg zur Hölle spielt. Die VBZ waren so freundlich, uns dafür ausgediente Tramsitze zur Verfügung zu stellen – doch blöderweise standen die nicht von selber, weil die Füsse ungleich lang waren. Einen ganzen Tag verwendeten wir darauf, um Holzlatten und Bretter zur Stabilisierung zu befestigen. Ein Haufen Studierende ohne Talent fürs Handwerkliche, es war zum Verzweifeln. Der Wutanfall, den ich an dem Tag hatte, war noch Jahre später ein Running Gag. Irgendwie hat das mit den Sitzen dann doch noch geklappt.

Aber nach der Dernière ist das alles vergessen. Wir schminken uns ein letztes Mal ab, verstauen die Kostüme und Requisiten im Lager, räumen das Bühnenbild ab. Der Regisseur bestellt Pizza für alle, und wir trinken das Bier und den Wein, die von der Bar übrig geblieben sind. Nachdem die Pizza­kartons entsorgt sind, schliesst jemand sein Handy an die Soundanlage an und lässt Musik laufen. Alle tanzen zu irgend­welchen Indiebands auf der leeren Bühne. Einige gehen danach noch in die Stadt, ins Gonzo oder ins Bagatelle, aber keine Tanzfläche ist jemals so cool wie die Bühnenbretter.

Gregor Schenker schreibt für den «Züritipp» und den «Tages-Anzeiger» über Film und Kino.