Zum Hauptinhalt springen

Weltrekord: allzu unglaublich

Usain Bolts phänomenale Rekorde werfen Fragen auf. In der Leichtathletik hat die Unschuldsvermutung ihre Unschuld längst verloren. Stattdessen müssen transparente Doping-Grenzwerte her.

Tage, nachdem er den 100-m-Rekord pulverisiert hatte, brach Usain Bolt auch die zwölfjährige 200-m-Bestmarke von Michael Johnson. Auch wenn er dem amerikanischen Jahrhundertläufer über die halbe Bahnlänge nur gerade zwei Hundertstel abgenommen hat, trügt der Vergleich mit der bisherigen Bestleistung. Bolts Zeit kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, ist sie doch mehr als drei Zehntel schneller als die drittbeste je gelaufene Zeit.

Der zum zweiten grossen Star dieser Spiele avancierte junge Jamaikaner hat damit die Liste der Bestzeiten im Sprint um weitere Zeilen erweitert. Immer zahlreicher werden aber auch die «*», die dem Leser dann unten in der Fusszeile erklären, dass diese Zeit nachträglich wegen Doping-Missbrauchs gestrichen worden sei.

Nicht auf Papier, aber vor dem geistigen Auge muss manch anderem Rekord auch ein «?» angefügt werden. Zahlreiche Skandale haben die Wahrhaftigkeit von Zeiten, Höhen, Weiten in Zweifel gezogen. Athleten wie Carl Lewis wurden nie unmittelbar nach einem Rennen positiv getestet. Allgemein bekannt ist aber, dass auch viele nie Überführte zu den einschlägigen Kunden jener Ärzte gehören, die den Eid des Hippokrates so weit dehnen, dass nicht nur die Kranken, sondern auch die Ehrgeizigen von ihren Künsten profitieren.

ZDF-Reporter Wolf-Dieter Poschmann hat für Bolts Demonstration die passenden Worte gefunden: Rekorde sind wie Lottozahlen. Ohne Gewähr. Die Rekordjagd gerät damit zur Farce, klar quantifizierbare Leistungen sind längst relativ geworden.

Vielleicht werden Bolts Leistungen jene Begeisterung für die Leichtathletik wieder wecken, die im Doping-Sumpf gestorben ist. Möglich aber auch, dass allzu bald Indizien auftauchen, die die Sauberkeit des karibischen Wundersprinters in Frage stellen und dem Sport weiteren Schaden zufügen. Die Erfahrung der letzten Jahre und die Unglaublichkeit der gezeigten Leistungen lässt beim skeptischen Beobachter eher Letzteres vermuten.

Klar ist: Die Leichtathletik kann nicht frei von Doping gehalten werden. Umso mehr tut ein entkrampftes Verhältnis gegenüber leistungssteigernden Substanzen Not. Statt die offensichtlich nicht durchsetzbare Null-Toleranz-Politik weiterzuführen, wäre es praktikabler, die Unschuldsvermutung für die Athleten aufzuheben. Im Gegenzug könnten transparente Grenzwerte eingeführt werden, bei deren Überschreiten der potenzielle Sünder automatisch disqualifiziert würde. Ob ein hoher Hämatokritwert im Blut durch Höhentraining oder dank EPO erreicht wird, ist irrelevant. Ob der Muskelaufbau durch exzessives (und mitunter genauso schädliches) Krafttraining oder mittels Anabolika geschieht, könnte den Athleten überlassen werden, die für die Folgen ihres Tuns letztlich auch die Verantwortung tragen müssen.

Ein liberaler Umgang mit Doping würde das unwürdige Katz-und-Maus-Spiel zwischen Kontrolleuren und Athleten beenden und der Leichtathletik jene Glaubwürdigkeit zurückgeben, ohne die sie nicht mehr Leistungsschau, sondern nur noch Zirkus-Spektakel ist.

Dieser Artikel wurde automatisch aus unserem alten Redaktionssystem auf unsere neue Website importiert. Falls Sie auf Darstellungsfehler stossen, bitten wir um Verständnis und einen Hinweis: community-feedback@tamedia.ch