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Sie lügen, sie lügen nicht, sie lügen...

Ausserirdische sind verdächtig. Kann einer, der die weltbesten Sprinter wie Jogger aussehen lässt, sauber sein? Kann ein anderer acht Goldmedaillen gewinnen, ohne in die Kiste der verbotenen Wundermittel zu greifen?

Leichtathletik und Schwimmen gehören nicht zu meinen Kernsportarten. Wenn Usain Bolt rennt und Michael Phelps schwimmt, bin ich nicht Journalist, sondern Zuschauer. Da kann ich Sprüche machen wie «die sind sowieso alle geladen». Oder ich kann mich freuen über die unglaubliche Leichtigkeit des jamaicanischen Sprinters und die Unerschütterlichkeit des amerikanischen Schwimmers. Sollen sich andere darüber den Kopf zerbrechen. Ich beneide sie nicht. Und bei mir kommt sogar ein bisschen Schadenfreude auf. Denn ich kenne das Gespenst, mit dem sie sich herumschlagen müssen. Es ist seit Jahrzehnten mein treuer Begleiter.

Das Dopinggespenst hängt an meinem Hinterrad und lässt sich nicht verscheuchen. Es gibt die guten Phasen, in denen ich seine Anwesenheit fast vergesse. Doch es gibt die Momente, in denen es mich überholt und mir hämisch ins Gesicht lacht. In diesen Augenblicken ist der Radsport, der mich so fasziniert, nur noch hässlich. Der Festina-Skandal von 1998 war ein Beispiel dafür. Er hat uns die Augen brutal geöffnet, die in den Jahren der Schweizer Erfolge von Tony Rominger, Alex Zülle und Pascal Richard zugefallen waren. Einige Kollegen waren so desillusioniert, dass sie sich anderen, ehrenwerteren Dingen zuwandten.

Die Augen geöffnet

Wer dem Radsport wie ich die Treue hielt, sah in den Jahren danach gewisse Anzeichen der Besserung. Es gab die Bluttests, die den Epo-Konsum eindämmten, ab 2000 den Epo-Nachweis, der das Dopen mit der wirkungsvollsten Droge zumindest erschwerte und riskanter machte. Oft war der Wunsch der Vater des Gedankens, wenn wir feststellten, dass die Fahrweise «humaner» geworden sei, unsere Helden wieder leiden würden. Und wenn dann ein Rennen wie die «Jahrhundert-Tour» von 2003 so unglaublich spannend und dramatisch war, griffen wir wieder zu Superlativen. Zum Teufel mit dem Doping, wenn Lance Armstrong und Jan Ullrich mit letztem Einsatz um jede Sekunde kämpfen. Ich habe im elektronischen Medienarchiv die Tour de France von 2003 meinen Namen und das Wort Doping eingegeben. Die Antwort war: kein Treffer. Heute wissen wir: Die Jahrhundert-Tour war genau so verladen wie vorher und nachher. Die Affäre um den Doping-Arzt Eufemiano Fuentes von 2006 hat uns noch einmal die Augen geöffnet.

Und jetzt? Ich will wieder glauben, dass sich etwas gebessert hat. Der Kampf gegen das Doping vor fünf Jahren und heute lässt sich nicht vergleichen. Damals wurde ein Sünder für ein halbes Jahr gesperrt, heute ist er praktisch erledigt. Die (meisten) Teamchefs haben erkannt, dass Doping ernsthaft bekämpft werden muss, wenn Sponsorengelder weiterhin fliessen sollen. Der Weltverband hat ein Antidopingprogramm eingeführt, das viel weiter geht und viel mehr Geld kostet als in jeder anderen Sportart. Es wird «intelligent» kontrolliert, und weil die Fahrer immer auffindbar sein müssen, sind gezielte «Ladephasen» nicht mehr möglich.

Das heisst nicht, dass nicht mehr gedopt wird. Aber es heisst, dass ich als Radsportjournalist wieder etwas aufrechter sitzen kann. Ich bin wieder ein Journalist wie jeder andere auch. Noch immer werde ich angelogen und eingenebelt, doch das passiert allen andern auch. Dabei spielt es keine Rolle, ob sie sich mit Spitzensportlern, Bankern, Managern, Politikern oder andern potenziellen Lügnern und Betrügern unserer nicht ganz perfekten Welt abgeben.

Lügt er? Lügt er nicht?

«Frage ihn, ob er sich eigentlich auch dopt», ist einer der Ratschläge, die mir von gut meinenden Kollegen anderer Ressorts auch schon auf den Weg zu einem Interview mitgegeben wurde. Aggressiver Journalismus. Born zu Cancellara: «Hast du in deiner Karriere jemals gedopt?» Cancellara: «Nein, nie.» «Kann ich dir vertrauen?» «Das kannst du.» «Danke.» Lügt Cancellara und ich glaube ihm, ist das schlecht. Sagt er die Wahrheit und ich glaube ihm nicht, ist es noch schlimmer. Lügt er und ich glaube ihm nicht, wird es nicht besser. Und sagt er die Wahrheit und ich glaube ihm, gelte ich dennoch als blauäugig.

Trotz der vielen schlechten Erfahrungen mit einigen früheren Velo-Superstars bin ich bereit, Cancellara bis zum Beweis des Gegenteils zu glauben. Das ist im Radsport schon viel, doch ich verlasse mich darauf, was ich über ihn und die Art, wie er kontrolliert wurde, weiss. Und meine Augen sind nicht blau, sondern grün-grau.

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