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«Wildes Rennpferd in der Box»

Viktor Röthlin fühlt sich vor dem Marathon in der Form des Lebens. Die Konkurrenz ist gross: Röthlin traut zwanzig Rivalen Medaillenchancen zu.

Als «wildes Rennpferd in der Box» bezeichnete Viktor Röthlin seinen Körper 65 Stunden vor dem Start zum olympischen Marathon am Sonntagmorgen 07.30 Ortszeit in Peking. Mit seiner Vorbereitung auf das Grossereignis ist der Schweizer «happy».

Er hofft, dass er es schafft, «mein Spiel zu spielen», und er hofft, «dass es mir so gut gelingt wie in Göteborg und in Osaka.» Dort war er 2006 EM-Zweiter hinter dem italienischen Olympiasieger von 2004, Stefano Baldini, resp. Dritter hinter Luke Kibet (Ken) und Mubarak Hassan Shami (Katar)

In Peking geht der 33-jährige Obwaldner vom STV Alpnach, gemessen an den absoluten Bestzeiten als Nummer 14 an den Start und als Nummer 7 mit Bezug auf die Jahresrangliste 2008. Trotzdem ist sein Ziel natürlich nach wie vor, eine Medaille zu gewinnen. Es wäre die erste Schweizer Marathonmedaille an Olympischen Spielen, auch wenn er dies nicht an die grosse Glocke hängt.

Optimale Bedingungen

Röthlin fühlt sich bereit, er verfügt über die «beste Form meines Lebens». Er habe für die zwei Wochen, die er schon in China weilt, «optimale Bedingungen vorgefunden und konnte die letzte Phase der Akklimatisation so gestalten wie gewünscht.» Die Idee, im HongFu Garden Center ausserhalb von Peking zu trainieren, sei richtig gewesen. Röthlin konnte sich dort frei bewegen, ausgezeichnet trainieren und das Pekinger Klima adaptieren, das sich überraschenderweise als wechselhaft erwies.

Vor dem 18. Marathon seiner Karriere konnte die grösste Schweizer Leichtathletik-Hoffnung alle geplanten Aktivitäten durchführen. Seit dem 17. Februar, als er nach «chaotischer Vorbereitung» (Abbruch des Trainingslagers in Kenia wegen dortiger politischer Unruhen) mit 2:07:23 Schweizer Rekord erzielt hatte, ist Röthlin im Training über 100 Marathon-Strecken gelaufen, d.h. er absolvierte 4500 km. Und alles ohne körperliche Beschwerden. «Ich bin happy», so Röthlin am Donnerstag auf einer Medienkonferenz im olympischen Dorf, «dass ich die Vorbereitung so abschliessen konnte.» Er sei, gemessen an einer Zehnerskala, bei 9,9 angelangt.

Weltmeister als Kenia-Ersatz

Inzwischen scheint auch klar, wer seine Gegner sind. Der Kenianer Robert Cheruyiot, mit dem Röthlin im Juli im Südtirol trainierte, ist verletzt, aber für ihn kommt kein Schwächerer ins Team, sondern der letztjährige Weltmeister Kibet. Die drei vom mehrfachen London-Marathon-Sieger Martin Lel angeführten Kenianer, zwei Äthiopier, zwei Marokkaner und der Ex-Kenianer Shami (Katar, WM-Zweiter) sind aus Röthlins Sicht die Favoriten aus Afrika. Dazu kommen der Amerikaner Ryan Hall, drei Chinesen, die über sich hinauswachsen wollen und drei starke Japaner. Und schliesslich das europäische Trio mit Baldini (von dem allerdings in den letzten Tagen eine Oberschenkelzerrung gemeldet wurde), dem Spanier Julio Rey und Röthlin selber.

20 kommen für Medaillen in Frage

10 Athleten «müssten», 10 weitere «können» eine Medaille gewinnen: Derart offen beurteilt der Schweizer die Ausgangslage. Er ist überzeugt, dass die Medaillen erst auf den letzten 5 km vergeben werden. Probleme bei der ersten Verpflegungsstelle sollten umgangen werden können, weil es im Gegensatz zu den WM bei Olympia erlaubt ist, dass die Betreuer (in Röthlins Fall Nationaltrainer Fritz Schmocker und Trainingspartner Daniel Brodard) die Getränke persönlich überreichen.

Röthlin erwartet auf dem 42,195 km langen Parcours mit der minimalen Höhendifferenz von 13 Metern zunächst ein Abtasten unter den Favoriten und ist überzeugt, dass er auf Grund seiner guten Trainingswerte (besser als vor den WM 2007 in Osaka) auch Tempowechsel mitgehen kann. Die im Vergleich zu 2007 um eine Minute verbesserte «Gesamtschnelligkeit» bringt Röthlin vermehrten taktischen Spielraum. «Alle Rhythmuswechsel mitzumachen und am Schluss sterben, wäre natürlich falsch», sagte er. Wichtig sei es, intuitiv die richtigen Entscheide zu treffen, aber was richtig ist, zeigt sich oftmals erst im Nachhinein. «Bei km 39 hätte ich an den WM in Osaka nicht mehr auf mich gewettet», so Röthlin, «aber dann erwies es sich als richtig, dass ich den Japaner hatte ziehen lassen.»

Ehre für Marathonläufer

Röthlin betrachtet es als «grosse Ehre», dass der Marathon als einer der Höhepunkte am Schluss der Spiele gelaufen wird. «Das macht unseren Sport zu etwas Besonderem.» Erst die letzte Nacht vor dem Rennen verbringt der Schweizer im olympischen Dorf, aber die sei nicht mehr wichtig, da schlafe er sowieso nicht viel. Einen seiner berühmten Träume, die sich in den Rennen erfüllte, hatte Röthlin bisher nicht: «Ich habe nur einen komischen Traum gehabt», sagte er, «ich war nicht am Start.»

si/cal

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