Perfekte Premiere auf der Passhöhe

Auf dem Brünig sahen trotz Regen fast 6000 Zuschauer, wie Pirmin Reichmuth bei seiner ersten Teilnahme gewann.

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Zu früher Stunde ist die Welt auf dem Brünig in bester Ordnung. Trotz des unfreundlichen Empfangs mit Regen und Nebelschwaden, die dem Hochsommer einen herbstlichen Anstrich geben. Das schlechte Wetter kümmert niemanden, der an diesem Sonntag auf den Pass gefahren ist: Um 8 Uhr beginnt für sie das Fest – der Brünigschwinget.

Zu Hunderten ziehen sie zur Naturarena auf Obwaldner ­Boden. Das Bild gleicht einer Wanderung von Pilgern zu einem Gottesdienst auf der Passhöhe. 5000 von ihnen besitzen ein Sitzplatzticket, die meisten sind eingepackt in eine Militärpelerine und erheben sich das erste Mal wieder, als die Mittagspause anbricht. Nur ganz oben klafft eine Lücke: Der Sektor mit 1000 Stehplätzen ist nicht ausverkauft. Stets gut gefüllt ist dafür das Festzelt. Dort fliesst reichlich Schnaps. «Cheli» ist der Renner, Kafi Träsch, aber es darf auch Chrüter oder Zwetschge sein.

Am Vortag hat das OK entschieden, von einer Verschiebung wegen schlechter Prognosen abzusehen. Es wäre laut Präsident Walter von Wyl ein zu grosser ­logistischer Hosenlupf geworden. Überhaupt: Der Regen hat ihm keine schlaflose Nacht beschert – nervös wäre er erst geworden, wenn Gewitter vorhergesagt worden wären: «Das hätte mir Kopfzerbrechen bereitet.»

Haarföhn im Einsatz

Platzspeaker Marcel Durrer wünscht vor dem Auftakt «viele unbeschwerte Stunden» und den Kampfrichtern Glück bei ihrer «verantwortungsvollen Aufgabe». Später erklärt er übers Mikrofon, wo Tabakartikel zu erwerben sind. Dann liefert er die Bitte nach: «Entsorgt euren Abfall, wir möchten keinen Güselhaufen. Das Schwingervolk ist sehr diszipliniert.» Für einen Fahrzeughalter hat er einen Rat ­parat: «Sie versperren eine Ausfahrt. Bitte umparkieren, sonst wird der Wagen versteigert.» In den Büros werden die ersten durchnässten Notenblätter mit einem Haarföhn getrocknet.

Ein Heer von Fans in Militärpelerinen. Foto: Christian Pfander

Der Anlass auf dem Brünig versprüht einen ganz besonderen Charme mit seiner engen Bühne. Die vier Schwingplätze liegen dicht beieinander, die Athleten benutzen die gleichen ­sanitären Anlagen wie die Besucher, die Garderoben bieten ein überschaubares Platzangebot. Zwei von ihnen sind so angelegt, dass Schwinger durch ein offenes Fenster das Geschehen auf der Anlage mitverfolgen können.

Auf Sponsoren wird bei diesem Fest bewusst verzichtet, um die Unabhängigkeit zu wahren. «Wir wollen nicht auf einmal ­Tickets an Geldgeber abgeben müssen», sagt OK-Präsident von Wyl. Und einen Gabentempel wollen sie auf dem Brünig auch nicht. Lieber stellen sie Geldprämien in Aussicht. 33'000 Franken beträgt die Gesamtsumme, finanziert aus Eintrittsgeldern und Einnahmen aus der Festwirtschaft. Für den Sieger stehen 1500 Franken bereit. Für von Wyl ist klar: «Bei uns findet das schönste Schwingfest statt. Nirgends herrscht eine so wunderbare Ambiance wie hier.»

Reichmuths starke Bilanz

In der Arena brandet Applaus auf, als der Obwaldner Benji von Ah seinen ersten Gang erfolgreich hinter sich gebracht hat. Es wird laut, als der Entlebucher Joel Wicki nur ein paar Sekunden braucht, um Bernhard Kämpf zu bezwingen. Mit dem ersten Zug ist die erste Aufgabe gelöst. In der Kabine der Berner hängt ein Transparent: «Zäme simer starch.» Aber die Innerschweizer dominieren die Gäste, auch jene aus der Südwestschweiz. Der Berner Matthias Aeschbacher wird am Abend sagen: «Wir sind selber schuld, weil wir den Start verschlafen haben. Die Innerschweizer waren aggressiver.»

Wicki weist bei Halbzeit ein makelloses Notenblatt auf: drei Siege mit Note 10. Er meldet: «Meine Form stimmt. Ich bin perfekt unterwegs.» Aber ein anderer ist das auch: Pirmin Reichmuth, 23-jährig, 1,98 m gross, 105 Kilo schwer. Der Mann aus Cham ist erstmals auf dem Brünig dabei – und steht nach fünf Siegen mit der Maximalpunktzahl im Schlussgang. Dort begegnet er Joel Wicki, seinem 22-jährigen Innerschweizer Kollegen, der seine fünf Gänge ebenfalls allesamt gewonnen hat. Wicki sagt sich: «Ich gehe auf tutti. No risk, no fun.» Risiko muss er eingehen, weil er im vierten und fünften Gang nur die Note 9,75 erhalten hat, und darum reicht dem Gegner ein Gestellter für den Triumph.

Reichmuth macht, was zu tun ist, um ans Ziel zu gelangen. Er lässt sich nicht düpieren, der Schlussgang endet gestellt, und Reichmuth entschuldigt sich bei Wicki: «Ich habe nicht so fair geschwungen und etwas auf Zeit gespielt, tut mir leid.» Und erklärt: «Aber auf dem Brünig kann man nicht jeden Tag gewinnen.» Dann wird er von Kollegen durch die Arena getragen. Die Zuschauer applaudieren nach über neun Stunden ein letztes Mal. Und regnen tut es noch immer.

Erstellt: 29.07.2019, 09:21 Uhr

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