Pickles und die Pokal-Klauer

Das Stehlen von Trophäen scheint eine eigene Sportart zu werden. Das jüngste Opfer: Tour-de-France-Sieger Geraint Thomas. Eine Auswahl der spektakulärsten Fälle.

Retter der Fussball-WM 1966: Der Hund Pickles löste für die englischen Organisatoren ein grosses Problem. Fotos: AFP

Retter der Fussball-WM 1966: Der Hund Pickles löste für die englischen Organisatoren ein grosses Problem. Fotos: AFP

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Geraint Thomas ist ein Sieger ohne Trophäe. Denn der Gewinner der diesjährigen Tour de France händigte das Schmuckstück seinem Radhersteller aus – und diesem wurde es während einer Ausstellung prompt gestohlen. Flehend bat der 32-jährige Brite jüngst darum, die Trophäe doch bitte, bitte zurück­zugeben. Denn finanziell sei sie wertlos – für ihn als Erinnerung an den emotionalen Triumph jedoch unbezahlbar.

Umgehend twitterte ihm ­Lance Armstrong, Dauerprovokateur und 7-facher Tour-Sieger, bis er des Dopings überführt wurde: «Ich habe sieben dieser Dinger. Kannst ja eines von mir borgen.» Trotz ­aller Hilfe – was den besorgten Thomas so richtig sorgen muss: Die Geschichte gestohlener Pokale und anderer Schmuck­stücke des Sports ist lang und findet keineswegs ­immer ein Happy End. Hier vier besondere Fälle.

Vor der Fussball-WM 1966: Ein Hund wird zum Helden

Man muss diesen Pokalklau wohl als Vater aller Sportdiebstähle bezeichnen. Immerhin handelt es sich dabei um die Fussball-WM-Trophäe. Und welche ist wichtiger als die höchste Auszeichnung des Königssports? Man schrieb das Jahr 1966, als die Zürcher Männer in einer Volksabstimmung das Frauenstimmrecht ablehnten. Die Engländer interessierte allerdings mehr, dass in jenem Sommer die Fussball-WM zu ihnen heimkehrte, ins Mutterland dieses Sports. Bloss fehlte drei Monate vor dem Grossevent plötzlich der Pokal.

Auf Wanderschaft im Land war die 35 cm kleine Statue damals, um die Fussballeuphorie komplett zu entflammen. Darum durfte sie auch die Firma Stanley Gibbons für ihre Ausstellung «Sport in Briefmarken» in der Westminster Central Hall präsentieren. Obschon angeblich rund um die Uhr bewacht, fehlte das gute Stücke auf einmal.

Der GAU kurz vor der WM schien perfekt – bis der Themsefährmann Dave Corbett mit seinem schwarz-weissen Mischling Pickles eines Morgens seine Wohnung verliess. Der Hund marschierte zielstrebig zum Auto des Nachbarn und roch an einem Zeitungspäckchen. In einer anderen Version fand es Pickles in einem Vorgarten beim Gassi­gehen. Entscheidender ist das Resultat: Im Papier verbarg sich der von einer Polizeisondereinheit gesuchte Pokal.

Corbett erhielt 3000 Pfund Finderlohn, womit er sich ein Haus kaufen konnte, Hund Pickles Hunderte von Gutzi, einen Sitz in der VIP-Loge während des WM-Finals und einen eigenen Film («The Spy with the Cold Nose»). Mit dem Ruhm setzte ­allerdings ein Fluch ein: Pickles erhängte sich im Folgejahr an seiner Leine, als er einer Katze nachjagte. Der Pokal, 1970 fix den Brasilianern übergeben, verflüchtigte sich 1983 für immer. Die Diebe schmolzen ihn ein.

Hinter dem Spital gucken: Pete Sampras im Glück

Undramatischer endete der Schatzklau, den die frühere Tennisgrösse Pete Sampras erdauern musste. Weil der 14-fache Grand-Slam-Champ die Villen wechselte, lagerte er 2010 alle seine Trophäen und andere gewonnene Sportstücke in einer Lagerhalle ein – wo sie dem Amerikaner entwendet wurden.

Wie Radprofi Thomas richtete sich Sampras darauf an die ­Öffentlichkeit. Wobei die Diebe beim Stehlen nicht gerade Kompetenz bewiesen: 13 der 14 Grand-Slam-Pokale hatten sie stehen gelassen, nur diejenige des Australian Open von 1994 abgestaubt. Im März des Folgejahres kamen alle Gegenstände hinter einem Spital von Los Angeles zum Vorschein – exklusiv der eingestellten Möbel. So viel Belohnung für den Diebstahl musste sein.

Die Stanley-Cup-Trophäe: Sie ist auch eine Blumenvase

Das heiterste Verschwinden einer Sporttrophäe spielte sich 1907 ab. Die Montreal Wanderers feierten ihren Stanley-Cup-Gewinn auch mit einer Session bei einem Fotografen. Weil die Eishockeyspieler danach den Pokal mitzunehmen vergassen, entdeckte ihn die Mutter des Bilderkünstlers – und benutzte den Pokal als Blumenvase. Ein paar Monate später erinnerte man sich im Team an die Abwesenheit der Trophäe und daran, wo man sie zuletzt hergezeigt hatte. Die Blumenliebhaberin rückte das Gefäss problemlos heraus. Grob zweckentfremdet wurde die Trophäe danach nicht mehr, gestohlen und gefunden schon.

Ewiger Maskottchen-Streit: Immer leidet Bill die Ziege

Entwendet werden keineswegs nur Pokale, sondern auch die von Sportlern und Fans mindestens so geliebten Maskottchen – und seien sie tierischer Natur. Eines der meistgestohlenen Tierchen ist die Ziege Bill. Sie ist das Maskottchen der Football-Equipe der Offiziersschule der US-Marine. Die jährlichen Vergleiche der Navy mit der Army führen nämlich dazu, dass Bill immer wieder von feurigen Army-Angehörigen entführt wird – um die ­Moral des eigenen Teams vor dem Prestigespiel zu heben.

Dieser seltsame Plausch ­nötigte sogar das Verteidigungs­ministerium, sich einzuschalten. Es bat, das «Kidnapping von Maskottchen» bitte sein zu lassen. Der Befehl wird ignoriert. Letztmals kam Bill vor sechs Jahren kurz abhanden. Dass primär Bill gestohlen wird, hängt mit dem Maskottchen der Army zusammen: Es ist ein Esel. Ein so störrisches Tier lässt sich nun einmal nur mit grösster Mühe entwenden, was im tierischen Hickhack beider Teams trotzdem einmal vorkam.

Wobei man sagen muss: Klauen und wieder zurückgeben geht ja noch einigermassen. Zwei Bills wurden allerdings vergiftet. Zumindest dieses Schicksal wird Geraint Thomas’ Pokal niemals widerfahren – wo auch immer er sich befindet.

(Redaktion Tamedia)

Erstellt: 16.10.2018, 21:08 Uhr

Artikel zum Thema

Der grosse Triumph für Thomas

Geraint Thomas ist heil in Paris angekommen und gewinnt souverän die 105. Tour de France. Für den Sky-Profi ist es eine Premiere. Mehr...

Dieb klaut Trophäe der Europa League

Der Pokal der Europa League ist in einer mexikanischen Stadt entwendet worden. Die lokale Polizei reagiert aber rasch. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Mit Augenringen: Kinder präsentieren in der Shougang-Eishockey-Arena Bing Dwen Dwen das Maskottchen der Winterspiele 2022 in Peking. (17. September 2019)
(Bild: Xinyu Cui/Getty Images) Mehr...