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Kolumne von Milo RauPlötzlich diese Offenheit

Die Corona-Krise hat uns alle etwas entspannter, etwas zugewandter gemacht – selbst die abgebrühten Filmkritiker.

Der kamerunisch-italienische Landarbeiter-Aktivist Yvan Sagnet als Jesus Christus während der Dreharbeiten zu Milo Raus «Das Neue Evangelium».
Der kamerunisch-italienische Landarbeiter-Aktivist Yvan Sagnet als Jesus Christus während der Dreharbeiten zu Milo Raus «Das Neue Evangelium».
Foto: Armin Smailovic, Fruitmarket & Langfilm

Seit zwei Tagen sitze ich in einem angenehm kühlen, aber auch seltsam leeren Venedig und gebe ein Interview nach dem anderen. Unser Jesus-Film «Das Neue Evangelium» feiert heute Sonntag offiziell Weltpremiere, aber die Kritiker haben ihn alle schon in den Pressevorführungen der letzten Tage gesehen. Und je weniger Menschen wegen der Corona-Einschränkungen an die Aufführungen kommen können, desto heisser laufen die ganzen Seitenprogramme: Debatten, Gespräche und eben Interview-Staffetten.

Die meisten Künstler hassen Interviews: immer wieder die gleichen Fragen. Hat man einen dramaturgischen Fehler gemacht, hat man sich gar in politische oder ethische Graubereiche begeben, dann wird einem das dutzendfach um die Ohren gehauen. Was nicht verwunderlich ist: Ein Film und ein Stück funktionieren nur, wenn die verschiedensten Komponenten im Kopf des Zuschauers Raum bekommen, ineinander übergehen können. Pressevorführungen aber sind dafür gemacht, vorgefertigte Urteile zu bestätigen.

Vor 20 Jahren, als ich noch als Kritiker arbeitete, sass ich ab und zu in einer. Die Zuschauer kamen und gingen, redeten während der Aufführung, gähnten, lachten. Ich erinnere mich an eine Pressevorführung an der Berlinale. Es war sogar etwas Licht im Saal, damit man sich besser Notizen machen konnte. Nach geschätzt 5 Minuten sagte einer hinter mir: «Das ist einfach nur Scheisse», worauf er aufstand und verschwand. Ich fand den Film fantastisch. Aber als ich später meine eigene Kritik schrieb, hallte in meinem Kopf nur dieses eine Wort nach: «Scheisse».

Man fühlt sich verraten, bevor das Gespräch losgegangen ist.

Spricht man also mit einem Kritiker, dann glaubt man zu wissen, in welcher Stimmung das Gegenüber ist. Oder mit anderen Worten: Man fühlt sich verraten, bevor das Gespräch losgegangen ist. Umso überraschter war ich von der Offenheit, der Entspanntheit der Interviews. Vielleicht bin ich zu negativ und projiziere nur meinen eigenen Zynismus auf andere. Aber obwohl einige Dinge zu Fragen Anlass gaben – etwa die extreme Gewalttätigkeit einiger Szenen –, so war es eher wie ein Treffen unter Filminteressierten. Ich lernte alle möglichen Dinge über den Film und auch über andere Dinge, die damit zu tun haben. Ein Journalist erzählte mir von seiner katholischen Erziehung, ein anderer von seiner Liebe zu den Grossaufnahmen in Pasolinis Filmen.

Vor allem aber war ich erstaunt, wie fast jeder eine andere Szene für die zentrale, die wichtigste hielt. Mit anderen Worten: Alle schienen sich das «Neue Evangelium» wirklich angeschaut zu haben. Schon klar, als Kolumne ist das zu versöhnlich. Aber ich hatte selten so viele interessante Gespräche mit meist absolut Fremden wie in den letzten Tagen. Und das am ungünstigsten Ort überhaupt: im Zentrum eines der hektischsten Filmfestivals der Welt, gewissermassen im Auge des Kino-Narzissmus.

Klar, es ist völlig egal, was in Venedig geredet wird. Aber mir scheint, dass die Corona-Krise uns alle etwas entspannter, etwas zugewandter gemacht hat. Hoffen wir, das hält an.