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Skandal um Fake-Doku LovemobilPlötzlich erweist sich der prämierte Film über Sexarbeit als Fälschung

Inszeniert statt dokumentiert: Die Regisseurin Elke Margarete Lehrenkrauss hat einen Grossteil der Szenen ihres Dokumentarfilms über Prostitution mit Schauspielern gedreht.

Soll die Wohnmobile von Sexarbeiterinnen zeigen: Ausschnitt aus dem vermeintlichen Dokumentarfilm «Lovemobil».
Soll die Wohnmobile von Sexarbeiterinnen zeigen: Ausschnitt aus dem vermeintlichen Dokumentarfilm «Lovemobil».
Foto: PD

Der im vergangenen Jahr veröffentlichte, preisgekrönte Dokumentarfilm «Lovemobil» wurde auf internationalen Filmfestivals gefeiert. Der Film zeigt das Leben von drei Prostituierten in Niedersachsen, die in Wohnmobilen wohnen und arbeiten. Die deutsche Regisseurin Elke Margerete Lehrenkrauss erhielt für ihr Werk den Deutschen Dokumentarfilmpreis. Jüngst wurde der Film für den Grimme-Preis nominiert.

Schliesslich war es der deutschen Filmemacherin gelungen, einen authentischen Einblick in das sonst verborgene Leben von Sexarbeiterinnen, Zuhältern und Freiern zu geben – das meinte man bisher zumindest. Nun stellte sich heraus: Viele Szenen des vermeintlichen Dokumentarfilms sind gestellt. Bei beinahe allen Protagonisten und Protagonistinnen handelt es sich um Schauspieler und Schauspielerinnen.

Dies haben Reporter von «Strg_F» aufgedeckt – dabei handelt es sich um eine Redaktion, die ausgerechnet der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt NDR angehört, die auch den Dokumentarfilm mit produziert hat. Der Sender schrieb in einem Statement: «‹Lovemobil› soll zwar auf Basis von langjährigen Recherchen der Autorin entstanden sein, aber zentrale Protagonist*innen des Films schildern nicht ihre persönlichen Erfahrungen, sondern spielen eine Rolle. Zahlreiche Situationen sind nachgestellt oder inszeniert.»

Schauspielerinnen statt Sexarbeiterinnen

Laut Recherchen von «Strg_F» handelt es sich bei den Hauptfiguren, den Prostituierten, die in Lovemobilen wohnen, um Darstellerinnen. «Rita», eine Englisch sprechende Prostituierte aus Nigeria, die im Film von ihrer dramatischen Reise auf einem Boot nach Italien erzählt, sei eigentlich eine Schauspielerin aus den USA. Auch bei «Ritas» bulgarischer Kollegin «Milena» handle es sich um eine Darstellerin, die nur für die Dreharbeiten nach Gifhorn kam. Lediglich Zuhälterin Uschi sei tatsächlich echt. Ihre Gespräche mit den falschen Prostituierten sind jedoch allesamt inszeniert.

Es ist ein Fall, der stark an den Skandal um «Spiegel»-Reporter Claas Relotius erinnert. Auf den Fake aufmerksam gemacht wurde die NDR-Redaktion von «Strg_F» durch einen anonymen Tipp. Wie sich später herausstellte, handelte es sich hierbei um Irem Schwarz, die als Cutterin am Film mitgearbeitet hatte. Ihr fielen beim Bearbeiten des Rohmaterials Unstimmigkeiten auf. Der Verdacht, dass es sich bei «Rita» um eine Schauspielerin handelt, kam auf, als diese ihre Flucht aus ihrer Heimat in mehreren Takes mit gleicher Emotionalität schilderte. Als Schwarz die Regisseurin konfrontierte, soll diese abgestritten haben, dass es sich um Darstellerinnen handelt.

Regisseurin gibt Sender die Schuld

«Strg_F» ging der Sache nach. Im Zuge der Recherche sprachen die Reporter nicht nur mit den Protagonisten, sondern auch mit der beschuldigten Regisseurin. Diese zeigt sich anfänglich sehr selbstbewusst und ist sich keiner Schuld bewusst. «Ich kann mir auf jeden Fall nicht vorwerfen, die Realität verfälscht zu haben, weil diese Realität, die ich in dem Film geschaffen habe, eine viel authentischere Realität ist», sagt sie gegenüber «Strg_F». Stattdessen wirft sie dem NDR vor, keine Nachfragen zur Authentizität gestellt zu haben. Der NDR weist diese Vorwürfe zurück.

Auf die Frage, wieso sie inszenierte Szenen nicht als solche gekennzeichnet habe, antwortet sie: «Das hab ich versäumt.» Klar wird im Verlaufe der Recherche: Lehrenkrauss hatte anfangs durchaus die Absicht, echte Sexarbeiterinnen zu filmen. Doch dann sprang die Hauptperson, die echte Rita ab – sie war schwanger. Laut Uschi, der Zuhälterin, die im niedersächsischen Gifhorn Lovemobile an Prostituierte vermietet, wollten «ihre Mädels» nicht gefilmt werden. Also musste Ersatz her. Gegenüber «Strg_F» sagt die Regisseurin, sie habe Darstellerinnen eingesetzt, um die Frauen vor der Öffentlichkeit zu schützen. Das Problem: Nun glauben alle, die den Film gesehen haben, dass die Protagonisten Prostituierte, Freier oder Zuhälter sind.

Privatpersonen verunglimpft

Damit haben nun auch Privatpersonen zu hadern. Da wäre zum Beispiel «Heiko», der im Dokumentarfilm einen eiskalten Zuhälter spielt. In einer Szene sagt er «Rita», dass er ein Problem mit ihrer Hautfarbe habe. Er habe sonst nur weisse Prostituierte, und sie sei schwarz. Diese Worte hätte der echte Heiko nach eigenen Aussagen niemals gesagt – dieser dachte nämlich die ganze Zeit, dass er in einem Spielfilm mitwirke. Er habe zwar eine Zeit lang im Rotlichtmilieu gearbeitet, sei nun aber Hausmeister, sagt Heiko.

«Es ist ein bisschen unangenehm», sagt er. «Ich fühl mich da jetzt ein bisschen hintergangen und verarscht. Das ist nicht real, und ich finde das nicht in Ordnung, dass etliche Leute, die nichts dafür können, die auch unverpixelt in diesem Film vorkommen, da mit reingezogen werden.» Denn auch sein Kumpel Hermann hat im Film mitgewirkt – als Freier. Das Image klebt nun an dem Tankstellenangestellten. Selbst die in den USA lebende Schauspielerin, die «Rita» darstellt, erfährt erst durch «Strg_F», dass ihre Szenen nicht als Inszenierung gekennzeichnet waren.

Sender distanziert sich vom Film

Auch NDR-Redaktor Timo Grosspietsch, der für den Dokufilm zuständig war, nehmen die Reporter in die Mangel. Laut Grosspietsch hatte die Regisseurin 2014 einen Vertrag mit dem Sender abgeschlossen, einen Dokumentarfilm zu drehen. «Die Geschäftsgrundlage dieses Films ist Realität und Authentizität. Dass man damit rechnen muss, dass sie mit Darstellerinnen arbeitet und Szenen komplett inszeniert, wenn nicht sogar fast den ganzen Film – das konnte ich mir oder kann ich mir fast nicht vorstellen», sagt Grosspietsch im Interview. «Aber es scheint ja so zu sein.»

Lehrenkrauss habe ihm gegenüber nie klargemacht, dass es sich bei «Lovemobil» um einen Film handle, der fiktionale Elemente enthalte, der Darstellerinnen austausche oder der Szenen nachspiele. Auf die Frage, ob die Dokumentarfilmredaktion alles richtig gemacht habe, muss Grosspietsch lange überlegen.

Der Skandal um «Lovemobil» hat eine heftige Diskussion ausgelöst. Was ist ein Dokumentarfilm genau, was darf er, was darf er nicht? Inszenierte Anteile in Dokumentarfilmen polarisieren die Branche schon länger. Tatsächlich kommen diese immer wieder vor, zum Beispiel, wenn Protagonisten Interviewaussagen wiederholen müssen oder ihre Aussagen von Schauspielern nachsprechen lassen. Der NDR hat dazu jedoch klare Richtlinien: «Der Dokumentarfilm ist der Realität und Wahrheit verpflichtet, und es bedarf der Kennzeichnung im Film, wenn Figuren oder Situationen nicht echt sind.»

«Ich hatte eine Deadline»

Doch diese Kennzeichnung hat Lehrenkrauss nicht angebracht. Erst nach mehreren Gesprächen mit «Strg_F» zeigt sich die Filmemacherin deswegen reumütig und erklärt, wie es aus ihrer Sicht zu diesem Debakel gekommen ist. «Ich hatte eine Deadline, und ich glaube, ich hab den [Film] einen Tag vor der Deadline sozusagen fertiggestellt», erzählt sie. «Ich hab eigentlich nur noch schlaflose Nächte gehabt, dann war der Film fertig, und da, an dieser Stelle, hab ichs versäumt, klar zu kennzeichnen

Auf die Frage, ob sie das jetzt bereue, sagt Lehrenkrauss: «Ich habs die ganze Zeit bereut. Ich hätte so gerne diese wahnsinnig anregenden Diskussionen geführt, und irgendwie ging es nicht. Ich hab einfach den Punkt verpasst.» Der NDR hat den Film mittlerweile aus der Mediathek genommen und prüft laut einem Statement juristische Konsequenzen. Die Nominierung für den Grimme-Preis wurde von der zuständigen Kommission zurückgezogen.

30 Kommentare
    Loretta Laringel

    Staatliche Subventionskunst. Gendergerecht. Typisch. Vom Staatsfernsehen in Auftrag gegeben. Vom Staatsfernsehen überwacht. Vom Staatsfernsehen bezahlt mit Steuergeldern. Produziert wird, was die Frauen hergeben und was der herrschenden Ideologie entspricht. Fakten und Wahrheiten spielen keine Rolle. #metoo!