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VAR-Debatte im FussballPlötzlich ist alles Elfmeter in Italien!

Italien wundert sich über die Hyperinflation von Elfer-Pfiffen in der Serie A: Nirgends in Europa gibt es so oft Penalty – Profiteur ist wieder einmal Juventus.

Cristiano Ronaldo tritt zum Penalty an.
Cristiano Ronaldo tritt zum Penalty an.
Foto: Keystone

In der Wirtschaft würde man von einer Inflation sprechen, vielleicht sogar von einer Hyperinflation. Im Jahr eins nach der Einführung der neuen und hoch umstrittenen Regel für Handelfmeter im Fussball ist die Anzahl ebendieser in der höchsten italienischen Meisterschaft, der Serie A, exponentiell gewachsen. Und, was die Sache kulturpolitisch spannend macht, stärker als in allen anderen grossen Ligen Europas.

Seitdem die Schiedsrichter nicht mehr nach der Absicht urteilen müssen, die einen Spieler zum unbotmässigen Berühren des Balls im Strafraum verleitet haben könnte, pfeifen die Herren Referees in Italien mittlerweile fast in jeder Situation Penalty, auch in scheinbar absurden. Ein Streifschuss an den Unterarm? Ein leicht angewinkelter Ellbogen? Plötzlich ist alles Penalty. «La mania dei rigori», titelte die «Gazzetta dello Sport» – ein Wortspiel: Im Wort «mania», Besessenheit, steckt «mani», also Handspiel. Und «rigore» ist das italienische Wort für Elfmeter (und, nebenbei bemerkt, auch für Disziplin).

Vor zehn Jahren lag die Quote tiefer

51 waren es schon in der laufenden Saison, und die ist noch nicht vorbei: Fünf Spieltage stehen noch aus. Italiens Zeitungen zeigen Statistiken aus den fünf grossen Fussballligen Europas, um sich einen Reim zu machen. Da sieht man, dass die Serie A führend ist, was die Verhängung der fussballerischen Höchststrafe betrifft: 158 Elfmeter gab es bislang schon. Fast jeder dritte erfolgt wegen Handspiels: 32 Prozent. Vor zehn Jahren hatte diese Quote in Italien bei nur 14 Prozent gelegen.

Zum Vergleich: Die Saison der deutschen Bundesliga schloss mit 73 Elfmeter insgesamt, davon waren 18 Handpenaltys. Die abgebrochene französische Ligue 1? 89 Penaltys, davon 23 wegen Handspiels. In der Premier League wurden bisher 89 gepfiffen, nur 15 nach Handspiel, was nun jene Theoretiker bestärkt, die in der Kulanz britischer Unparteiischer, dem Spielenlassen, eine metakulturelle Konstante wähnen. Nur in Spanien ist die Quote der Handelfmeter ähnlich hoch wie in Italien: 44 von 142, 31 Prozent.

«In Italien müssen sich die Spieler die Arme abschneiden»

Gian Piero Gasperini, Trainer von Atalanta Bergamo.

Doch wenn die Italiener so weitermachen, distanzieren sie die Spanier am Ende locker. Dass endlich ernsthaft über das neuartige Phänomen diskutiert wird, ist dem Trainer von Atalanta Bergamo zu verdanken. Nach dem 2:2 seiner Mannschaft in Turin gegen Tabellenführer Juventus sagte Gian Piero Gasperini mit viel Ironie in der Stimme: «Das waren ja wieder mal zwei sonnenklare Elfmeter.» Gemeint waren die zwei Penaltys für Juve, beide wegen Handspiels, beide verwandelt von Cristiano Ronaldo.

Spieler können sich nicht in Luft auflösen

Zieht man die neue Regel heran, waren die Entscheide legitim. Der Ball traf in beiden Fällen den Arm oder die Hand eines Spielers von Atalanta. Die Frage ist eher, wie schlau die Regel ist, wie fussballfreundlich, wie konform mit dem Charakter dieses Sports. Und, nicht weniger zentral, wie der Schiedsrichter die Regel auslegt. Es gibt da nämlich immer auch Spielraum für Interpretationen, man könnte auch sagen: für gesunden Menschenverstand. Die Spieler können sich ja schlecht in Luft auflösen.

Die Juve-Spieler dürfen sich freuen. Weshalb? Die Schiedsrichter pfeifen oft für den Club.
Die Juve-Spieler dürfen sich freuen. Weshalb? Die Schiedsrichter pfeifen oft für den Club.
Foto: Keystone

Bezeichnend dafür war die Szene, die zum ersten Elfmeter führte. Juves Stürmer Paulo Dybala schickte sich an, den Ball vors Tor der Bergamasken zu flanken; der Niederländer Marten de Roon stellte sich ihm entgegen, die Hände zunächst hinter dem Rücken, wie nach Lehrbuch. Als Dybalas Cross dann aber steil und bedrohlich abhob, schob de Roon seine Arme reflexartig etwas nach vorne, nur ein bisschen, um sich zu schützen, das befiehlt wohl das Hirn. Der Ball traf seinen Unterarm. Gasperini sagte dazu: «In Italien müssen sich die Spieler die Arme abschneiden. Es ist ein Wahnsinn, die Deutung ein Witz.»

Gut möglich, dass Dybala, ein brillanter Techniker, den Ball gerade deshalb so ansetzte, dass der de Roon am Arm treffen würde. Der Argentinier reklamierte auch sofort «mano», ebenfalls reflexartig. Das gab es früher schon, natürlich, und nicht selten. Doch solange das Absichtsprinzip galt, gab es in solchen Fällen längst nicht immer automatisch Elfmeter. Jetzt schon, und so droht der Trick mit dem Armschuss zum üblichen Spielrepertoire zu gehören: der Cross als Elfmeterbeschaffer. Wie die klassische Schwalbe.

Schiedsrichter weisen Kritik zurück

Was daran sportlich sein soll, ist ein Rätsel. Die Entwicklung aber zeigt in diese Richtung. Die Italiener fragen sich, warum gerade ihre Schiedsrichter rigoros nach Paragraf pfeifen und so die Entwicklung befördern. Vielleicht aus Sorge vor der wochenlangen Polemik, die in Italien jeden Pfiff begleitet? Oder wegen des ebenfalls hyperinflationären Gebrauchs des Videobeweises in Italien? In fast jedem Strafraumgerangel streicht der Ball mal über eine Handfläche, übers Haar eines Unterarms. Gültige Erklärungen gibt es keine.

Italiens Schiedsrichterverband lässt ausrichten, man pfeife in der Serie A genau gleich wie in anderen Ländern, man tausche sich auch regelmässig aus. Es muss also Zufall sein, wahrscheinlich.

9 Kommentare
    Sergio Tommasi

    Immer wieder: Juve wird bevorteilt. Die Bilanz der Elfmeter sieht jedoch so aus: 1. Lazio Rom 18 dafür 9 dagegen = +9 / 2. Genoa 16/9 = +7 / 3. Lecce 15/13 = +2 / 4. Juve 14/11 = +3, etc. Der Artikel ist einfach nicht gut recherchiert; basiert auf alten Vorurteilen oder auf Hörensagen bezüglich Juve.

    Wie soll ich die anderen Artikel Oliver Meilers beurteilen, bei denen ich nicht über eine simple Google-Suche widersprechen kann?