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Tour-Sieger mit 21Tadej Pogacar, was sind Sie für eine Person?

Der Slowene wendet bei seinem Debüt ein Rennen, das alle für entschieden erachtet hatten. Es spricht nichts dagegen, dass es für ihn so erfolgreich weitergehen könnte.

Freunde auch nach dem grossen Duell: Tour-Sieger Tadej Pogacar (r.) umarmt auf der Schlussetappe den entthronten Primoz Roglic.
Freunde auch nach dem grossen Duell: Tour-Sieger Tadej Pogacar (r.) umarmt auf der Schlussetappe den entthronten Primoz Roglic.
Foto: Getty Images

Die Pressekonferenz mit ihm, dem Tour-Sieger, ist sehr geschmeidig verlaufen, bis ihn die allerletzte Frage fast aus der Bahn wirft: Tadej, was sind Sie für eine Person? Pogacar zögert, dann sagt er: «Ich bin nur ein Junge aus Slowenien mit zwei Schwestern und einem Bruder. Ich mag es, Spass zu haben, die kleinen Dinge des Lebens zu geniessen. Diese Pressekonferenz hier zum Beispiel, sie ist zu gross für mich.»

Sagt dieser 21 Jahre alte Mann, der am Montag seinen 22. Geburstag feiert, und verlässt die Bühne. Die Bühne, von der er noch nicht realisiert, dass sie von nun an der Normal- und nicht der Ausnahmefall sein wird für ihn, den Tour-Sieger, den zweitjüngsten überhaupt.

Er kann deshalb nur hoffen, dass ihm jene Qualität erhalten bleibt, die ihn als Sportler – und wohl auch als Menschen – ausmacht: die Konzentration auf den Moment. Sie hat Tadej Pogacar nach Paris geführt, als Sieger dieser 107. Tour de France.

Erste Überraschung: Die Tour in Paris

Die erste Überraschung darüber gilt aber nicht ihm, sondern der Tatsache, dass das Rennen Paris erreicht – am Start in Nizza vor drei Wochen war das noch alles andere als sicher gewesen. Doch das Sicherheitskonzept der Tour funktionierte, jedenfalls wirkte die Tour nicht als der Superspreader, wie das von Kritikern befürchtet worden war.

Überraschend kommt der Gesamtsieg auch für Pogacar. Er überflügelt im samstäglichen Zeitfahren den bis dahin souveränen Leader, seinen slowenischen Landsmann und Freund Primoz Roglic, und gibt damit der Tour eine Wendung, wie sie die Rundfahrt seit 1989 und dem Duell LeMond - Fignon nicht mehr erlebt hat.

Vor der 20. Etappe hat Pogacar 57 Sekunden Rückstand. Danach 59 Sekunden Vorsprung. Es treffen an diesem Tag zwei Dinge ein: Roglic, der gute Zeitfahrer, erlebt einen sehr, sehr durchschnittlichen Tag. Und Pogacar gelingt die Leistung seiner Karriere. Sie lässt die ganze Radwelt mit staunend offenem Mund zurück. Was nicht heisst, dass es nun kritische Fragen en masse hageln würde. Pogacar hat diese Stufe seines Sports wohl schnell erreicht. Aber nicht aus dem Nichts. Er ist ein Fahrer, dem bereits im Nachwuchs regelmässig solche Exploits glückten. Vor zwei Jahren gewann er die Tour de l’Avenir, das wichtigste Nachwuchsrennen – dank einer Soloflucht auf der letzten Etappe.

Als der «Tamau Pogi» die Grossen fast überrundete

Und «L’Équipe» entlockte vergangene Woche Mama Pogacar eine Anekdote aus den Anfangszeiten von «Tamau Pogi», dem «kleinen Pogi», wie er in seiner Jugend wegen der schmächtigen Statur gerufen wurde: An einem Kriterium erkundigte sich der ehemalige Radprofi Andrej Hauptman, wer denn dieser kleine Junge sei, der da vom Feld abgehängt seine Runden drehe. Worauf Hauptman erklärt wurde, dass sei der 11-jährige Tadej Pogacar. Und er sei nicht abgehängt, sondern nach seinem Angriff zu Rennbeginn dem Feld fast eine ganze Runde voraus. Hauptman war sich bewusst, was er da gesehen hatte. Pogacars Tour-Sieg erlebte er im Teamauto von UAE-Emirates mit, als sportlicher Leiter.

Die Angriffslust treibt Pogacar an. Auch im Zeitfahren, das er ohne Velocomputer und Wattmesser absolviert, sich auf sein Gefühl verlässt. Stattdessen konzentriert er sich während 55:55 Minuten auf das, was ist. Auf seinen Tritt, auf die nächste Kurve, auf den nächsten Schachtdeckel, den es zu vermeiden gilt. Für all die Planung darum herum ist sein Team verantwortlich. Es befand lange vor der Tour, dass diesem Zeitfahren grosse Bedeutung zukommen könnte, und besichtigte es im Vorfeld mit Pogacar. Dreimal fuhr er die 36 Kilometer mit dem Velo ab, einmal in Renntempo.

Am Ende der grössten Leistung seiner Karriere: Pogacar schafft in La Planche des Belles Filles die Wende in dieser Tour.
Am Ende der grössten Leistung seiner Karriere: Pogacar schafft in La Planche des Belles Filles die Wende in dieser Tour.
Foto: Getty Images

Damit er in diesen entscheidenden Momenten so sehr im Moment sein kann, wie das nur möglich ist. Dass das Zeitfahren wichtig sein könnte, das ist ihm sehr wohl bewusst, schon lange vor dem grossen Tag. Roglic ist der souveräne Leader, als Pogacar eine Woche vor dem Zeitfahren in einer Pressekonferenz sagt: «Gelb in La Planche des Belles Filles wäre das perfekte Szenario – aber wir leben in der realen Welt. Wenn es eine Chance gibt, werde ich es versuchen.»

Was soll aus ihm werden? Vor einem Jahr wurde der 22-jährige Egan Bernal zum Tour-Sieger für die kommenden Ausgaben erklärt. Es spricht nichts dagegen, Pogacar dasselbe zu prognostizieren. Auch wenn die Wege sich gerade bei so jungen Athleten verschlungener entwickeln können – siehe Bernal.

Pogacar hat einen Trumpf: seine Konzentration auf den Moment. Entsprechend spannend ist, wie sich die kommenden Wochen dieser komprimierten Radsaison für ihn entwickeln. Bei der Strassen-WM in einer Woche ist er nach allem Gezeigten ebenso logischer Favorit wie für die danach folgenden Ardennen-Klassiker. Er muss nur im Moment bleiben.

3 Kommentare
    Ernesto walti

    Wenn jemand das unmögliche möglich macht...dann ist das doch unmöglich ohne chemische Zusätze....

    Armstrong lässt grüssen....