Polens AussenministerMr. Klartext liest Russland auf der Weltbühne die Leviten
Radoslaw Sikorski ist für scharfe Worte bekannt. Vor dem UNO‑Sicherheitsrat warnte Polens Aussenminister Moskau unmissverständlich: Setze der Kreml seine Provokationen im Nato‑Luftraum fort, würden russische Flugzeuge abgeschossen.

- Der polnische Aussenminister warnte Russland im UNO-Sicherheitsrat vor weiteren Provokationen.
- Die USA bekräftigten ihre Verteidigungsbereitschaft für jeden Zentimeter des Nato-Territoriums.
- Sikorski kritisierte Russlands hybriden Krieg mit Mordanschlägen, Brandstiftungen sowie Spionageaktivitäten.
Radoslaw Sikorski ist bekannt für seine robuste, bisweilen wenig diplomatische Sprache. Das hat ihm in der Vergangenheit auch geschadet: Weder zum EU-Aussenbeauftragten noch zum Nato-Generalsekretär wurde er gewählt, obwohl sein Name als Kandidat oft im Gespräch war.
Mit seinem Auftritt im UNO-Sicherheitsrat zu Wochenbeginn zog der polnische Aussenminister erneut viel Aufmerksamkeit auf sich – bei Sicherheitsexperten ebenso wie in den sozialen Medien, wo Passagen seiner Rede viral gingen. Das höchste Gremium der Weltorganisation tagte auf Antrag Estlands, um russische Provokationen mit Drohnen und Kampfflugzeugen im Luftraum der Nato zu beraten.
«Diese Provokationen dürfen nicht toleriert werden»
Sikorski wertet die Vorfälle in Estland und in Polen als Eskalation des hybriden Krieges, den Russland seit Jahren gegen den Westen führt. Dieser reiche von der Ermordung von Politikern, Journalisten, Menschenrechtsaktivisten und Überläufern über Brandanschläge – unter anderem in Polen, Grossbritannien und Litauen – bis hin zu Spionage und Desinformationskampagnen.

«Diese Provokationen dürfen nicht toleriert werden», sagte Sikorski. Dann wandte er sich direkt an die russischen Vertreter im Saal: «Wir wissen, dass Sie sich nicht um das Völkerrecht scheren und nicht in der Lage sind, friedlich mit Ihren Nachbarn zusammenzuleben. Ihr wahnhafter Nationalismus beinhaltet eine Gier nach Herrschaft, die nicht nachlassen wird, bis Sie erkennen, dass das Zeitalter der Imperien vorbei ist und Ihr Imperium nicht wieder aufgebaut werden kann. Jeder Drohnenangriff der Helden der ukrainischen Streitkräfte, möge Gott sie segnen, bringt diesen Tag näher.»
Sikorski erklärte, Russlands «Sonderoperation» habe in zehn Jahren nicht einmal die ukrainische Region Donbas erobern können. Zugleich warnte er davor, dass das Potenzial des Kreml für kriminelle und katastrophale Fehler weiterhin bestehe.
«Sie wurden gewarnt»
Wie erwartet tat der stellvertretende russische UNO‑Botschafter Dmitri Poljanski die Vorwürfe als Lügen, «phobische Hysterie» und «Paranoia» ab. Wichtiger für die im UNO-Sicherheitsrat anwesenden europäischen Delegationen war jedoch eine andere Botschaft: US‑Vertreter Michael Waltz bekräftigte, die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten würden «jeden Zentimeter des Nato-Territoriums» verteidigen.
Diese Klarheit stand in deutlichem Kontrast zu Donald Trumps vagen Äusserungen über russische Provokationen über der Ostsee. Für Triumphalismus gibt es dennoch keinen Grund: Am Ende entscheidet der Chef des Weissen Hauses, ob er Artikel 5 des Nato-Vertrags – das Beistandsversprechen der 32 Mitglieder – tatsächlich einlöst.
Zum Abschluss seiner Rede richtete Sikorski eine eindringliche Warnung an Russland: «Wenn eine weitere Rakete oder ein weiteres Flugzeug ohne Erlaubnis, absichtlich oder versehentlich, in unseren Raum eindringt und abgeschossen wird und die Trümmer auf Nato-Gebiet fallen, kommen Sie nicht hierher und weinen sich aus darüber. Sie wurden gewarnt.»
Kriegsreporter in Jugoslawien und Afghanistan
Sikorski (62) ist ein erfahrener Diplomat. Bereits von 2007 bis 2014 leitete er das polnische Aussenministerium; seit 2023 steht er erneut an dessen Spitze. Schon als Gymnasiast wurde er in den frühen 1980er-Jahren politisch aktiv – in der antikommunistischen Solidarnosc-Bewegung. Nach der Verhängung des Kriegsrechts in Polen durch General Wojciech Jaruzelski floh Sikorski nach Grossbritannien, erhielt dort Asyl und studierte in Oxford Politikwissenschaft und Philosophie. Später berichtete er als Journalist für britische Medien über die Kriege in Jugoslawien und Afghanistan.
Nach dem Zusammenbruch des Kommunismus kehrte Sikorski nach Warschau zurück. Anfangs suchte er die Nähe zu konservativen Parteien; später gehörte er – als Parteiloser – einer von der rechtsgerichteten PiS der Brüder Jaroslaw und Lech Kaczynski geführten Regierung an und amtierte als Verteidigungsminister. Nach seinem Zerwürfnis mit der PiS wurde er Aussenminister unter Premier Donald Tusk.
Mit der US‑jüdischen Historikerin Anne Applebaum verheiratet
2014 führte Sikorski eine EU‑Mission, die das Blutvergiessen auf dem Kyjiwer Majdan beendete. Das US-Magazin «Foreign Policy» zählte ihn zu den 100 einflussreichsten politischen Intellektuellen weltweit – «weil er die Wahrheit sagt, auch wenn es nicht diplomatisch ist».
Sikorski ist mit der prominenten US‑jüdischen Historikerin Anne Applebaum verheiratet und gilt als einer der am besten vernetzten Diplomaten in Brüssel wie in Washington, insbesondere im demokratischen Lager.
«Sei still, kleiner Mann»
Zu Beginn dieses Jahres geriet er öffentlich mit Elon Musk aneinander, der damit drohte, den Internetzugang für die ukrainische Armee abzuschalten. Sikorski erinnerte ihn daran, dass Polen die Kosten für das Satellitennetzwerk Starlink im Rahmen seiner Hilfen für die von Russland angegriffene Ukraine übernimmt. Musk reagierte im gewohnt herablassenden Ton und schrieb auf X: «Sei still, kleiner Mann» – ruderte später jedoch zurück.
Sikorski ist nicht nur ein begnadeter Polemiker, sondern trat auch als Kriegsfotograf hervor. Sein bekanntestes Foto zeigt die Leiche einer afghanischen Mutter mit ihren Kindern – 1988 wurde er dafür mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet.
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