Zum Hauptinhalt springen

ProbefahrtPolestar macht Ernst

Mit dem Polestar 2 will die Volvo-Tochter in erster Linie dem Tesla Model 3 Konkurrenz machen.

Seine Verwandtschaft zu Volvo kann der Polestar 2 nicht verstecken. Dennoch hat die Elektro-Limousine einen eigenen Charakter.
Seine Verwandtschaft zu Volvo kann der Polestar 2 nicht verstecken. Dennoch hat die Elektro-Limousine einen eigenen Charakter.
Bild: Polestar
Die grossen Räder und die hohe Gürtellinie lassen die Fliesshecklimousine höher wirken, als sie tatsächlich ist.
Die grossen Räder und die hohe Gürtellinie lassen die Fliesshecklimousine höher wirken, als sie tatsächlich ist.
Bild: Polestar
288 LED bilden am Heck in geschlossener Linie eine dramatische Rücklichter-Grafik.
288 LED bilden am Heck in geschlossener Linie eine dramatische Rücklichter-Grafik.
Bild: Polestar
1 / 5

Ein neues Modell zu fahren, ist für Autojournalisten Alltag. Ein Modell einer neuen Automarke zu fahren, ist hingegen ein rares Vergnügen, auch wenn neue Submarken zu gründen derzeit gross in Mode ist: Wie einst Toyota mit Lexus oder Nissan mit Infiniti hat in jüngerer Zeit Seat mit Cupra eine Submarke gegründet, Volvo hat Polestar auf eigene Beine gestellt, und aus Hyundai sind der Nobelbrand Genesis und vor wenigen Wochen die Elektrotochter Ioniq hervorgegangen. Die Elektrifizierung des Automobils bietet für neue Marken grosse Chancen.

Polestar wurde 2017 als Marke für Premium-Elektrofahrzeuge lanciert, zuvor war die Firma für Volvos Rennsportaktivitäten verantwortlich und fungierte nach der Übernahme 2015 als hauseigener Tuner. Nun tritt Polestar in die ersten Märkte ein und kommt somit auch in die Schweiz: Ab Ende November werden Polestar 1 und 2 an hiesige Kunden ausgeliefert. Wobei das Hybrid-Coupé Polestar 1 eine klare Nebenrolle spielt: Mit über 600 PS und einem Verkaufspreis von mindestens 165'000 Franken ist es in erster Linie ein Prestigeprojekt. Viel wichtiger für die Volvo-Tochter ist die rein elektrisch angetriebene Fliesshecklimousine Polestar 2, die mindestens 57’900 Franken kostet und der bestehenden Konkurrenz einheizen soll – in erster Linie dem Topseller Tesla Model 3.

Keine Reichweitenängste

Es ist ein attraktives Gesamtpaket, das die Schweden zu diesem Preis auf die Räder gestellt haben. Das Design: aufsehenerregend und erfrischend anders. Der Innenraum: topmodern und elegant. Und die Technik scheint absolut konkurrenzfähig zu sein: Zwei identische Elektromotoren, einer pro Achse, sorgen mit einer Gesamtleistung von 300 kW (408 PS) und einem Drehmoment von 660 Nm nicht nur für vehementen Vortrieb, sondern ermöglichen auch variablen Allradantrieb, wobei je nach Situation bis zu 100 Prozent der Leistung an die Vorderräder und bis zu 70 Prozent an die hinteren Räder geleitet werden können. Der Allradantrieb ist für die Schweizer ein wichtiges Kaufkriterium – später werden weitere Modellvarianten
mit kleineren Batterien und mit reinem Frontantrieb eingeführt.

Apropos Batterien: Der Akku aus 324 Lithium-Ionen-Zellen ist flach im Fahrzeugboden zwischen den Achsen angeordnet und wird von einem Aluminiumrahmen geschützt. Die Batteriekapazität von 78 kWh genügt für eine Normreichweite nach WLTP von 470 Kilometern. In der Realität werden es weniger sein: Bei der Probefahrt durchs hügelige Zürcher Oberland, bei der sich der Polestar 2 als angenehmes Reisefahrzeug erwiesen hat, ist die Reichweitenanzeige nach 100 gefahrenen Kilometern bereits um 200 Kilometer gesunken. In gemässigter Fahrweise in einem Mix aus Autobahn-, Überland- und Stadtverkehr sind 350 Kilometer realistisch. Das ist durchaus alltagstauglich, zumal der Polestar 2 mit bis zu 150 kW Gleichstrom geladen werden kann – so werden 80 Prozent der Batterie in 40 Minuten gefüllt.

«Ok Google»

Auch wenn der Polestar 2 in Details an Volvo erinnert und seine Plattform sowie die gesamte Sicherheitsausrüstung von der Muttermarke stammt, so bringt der Schwede auch eine Weltneuheit mit sich: das Google-Betriebssystem Android Automotive OS. «Wir sagten uns: Wieso sollen wir etwas selbst entwickeln, was andere besser können?», erklärt Polestar-Chef Thomas Ingenlath. «Wir wissen, wie man Autos baut, Google weiss, wie man Software entwickelt. Das ist die ideale Zusammenarbeit.» Das Infotainmentsystem, das über einen grossen, hochformatigen Touchscreen bedient wird, beinhaltet den Sprachassistenten Google Assistant, der angesprochen mit «Ok Google» viele Funktionen per natürlicher Spracheingabe ausführen kann. Auf Exklusivität am Google-Betriebssystem besteht Polestar keineswegs: «Im Gegenteil», ist Thomas Ingenlath überzeugt. «Je mehr Hersteller dieses System nutzen werden, desto schneller und besser wird es für den Kunden weiterentwickelt.»

Der Polestar 2 nimmt im Konkurrenzumfeld eine starke Position ein. Dennoch dürfte der Schwede vorerst noch Aussenseiter bleiben – die neue Marke ist noch zu wenig präsent, um auf grosse Volumen zu kommen. Für grössere Stückzahlen dürfte nächstes Jahr der SUV Polestar 3 sorgen – dazu sind aber noch kaum Informationen bekannt. Polestar-Händler wird es keine geben, der Verkauf erfolgt ausschliesslich online. Immerhin sollen nächstes Jahr in Zürich und Genf sogenannte Polestar Spaces entstehen, wo die Marke und die Fahrzeuge erlebt werden können. Als Servicepartner stehen zahlreiche Volvo-Garagen bereit. Wie viele es genau sein werden, kann Polestar-Schweiz-Chef Sascha Heiniger noch nicht sagen.