AboUnter Decknamen für KGBPutins Patriarch war Spion in der Schweiz
Das russisch-orthodoxe Kirchenoberhaupt Kyrill I. arbeitete in den 70er-Jahren unter dem Decknamen «Michailow» in Genf für den sowjetischen Geheimdienst KGB.

Die russische Botschaft in Bern reagierte empört. Wieder so ein Beispiel für «Russophobie, die sich leider auch in der Schweiz immer mehr ausbreitet»! Der Grund für die diplomatische Erregung: eine Attacke auf die russisch-orthodoxe Geburtskirche der Heiligen Jungfrau Maria in Genf. Neben vulgären Ausdrücken wurde an die Kirchentür auch das russische Kriegssymbol «Z» geschmiert.
Das Ziel dieses offensichtlichen Protests gegen den russischen Überfall auf die Ukraine wurde wohl nicht zufällig ausgewählt. Denn in Genf predigte in den 1970er-Jahren ein junger russischer Priester namens Wladimir Gundjajew. Als Patriarch Kyrill I. führt Gundjajew seit 2009 von Moskau aus die russisch-orthodoxe Kirche an. Kyrill ist gleichsam der Papst von rund 150 Millionen Gläubigen. Die im Oktober 2022 beschmierte Kirche im Genfer Vorort Chêne-Bougeries wird heute von Kyrills Neffen geleitet.
Der Patriarch segnet Soldaten vor ihrer Fahrt an die Front
Etliche Priester und Bischöfe der orthodoxen Kirche fanden deutliche Worte gegen die russische Invasion der Ukraine. Nicht so Kyrill. Er segnete in Moskau Soldaten und Kommandeure vor ihrer Fahrt an die Front. Er sieht Russland und die Ukraine als Einheit, getrennt durch «Feinde von aussen». Immer wieder warnt er vor dem schädlichen Einfluss des Westens. Zum Beispiel, weil die Ukraine gezwungen werde, «Schwulenparaden zu veranstalten».
Der Patriarch stimmt sich dabei offenbar eng mit Präsident Wladimir Putin ab. So etwa, als er vor Weihnachten einen Waffenstillstand forderte und Putin diesen am Tag danach verkündete. «Kyrill war stets bestrebt, sich der Regierungspolitik anzupassen», sagt der russische Journalist und Kirchenexperte Sergei Bytschkow: «Und gerade heute ist die Unterstützung der Kirche für den Staat besonders wichtig.» Wegen seines Supports des russischen Angriffskrieges steht Kyrill unter Sanktionen der Ukraine, Grossbritanniens, Kanadas. In der EU hingegen legte Ungarn dagegen sein Veto ein.
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Auch jener Staat, für den der Patriarch nach eigenen Worten «besondere Gefühle» empfindet, hat ihn nicht sanktioniert. «Von allen Ländern der Welt habe ich vielleicht die Schweiz am häufigsten besucht», sagte Kyrill 2019 zum damaligen Ständeratspräsidenten Jean-René Fournier. Insgesamt 43 Schweizreisen des russischen Kirchenfürsten sind dokumentiert. Er sei durch das Land gefahren, «um das Leben des Volkes gut kennen zu lernen», erzählte der Patriarch einmal dem Schweizer Botschafter in Russland. Und: «Ich habe noch viele Freunde in der Schweiz.»
Aber nicht nur persönliche Beziehungen und seine Leidenschaft fürs Skifahren führten Kyrill immer wieder in die Alpen. Es ging um religiöse Diplomatie, um Spionage. Und um Geld.
I. Der Spion, der uns liebte
Rückblick ins Jahr 1971: Die Sowjetunion ist ein atheistischer Staat, doch die Repressionen gegen die Kirche sind schwächer geworden. Der damals 24-jährige Priester Kyrill darf nach Genf übersiedeln, um dort die russischen Orthodoxen, die sich selbst die «Rechtgläubigen» nennen, beim Weltkirchenrat zu vertreten.
Kyrill leitet die Genfer Kirche von einem Haus in der Rue de Beaumont aus, das er von einer Arztfamilie mietet. Auch wenn er als offizieller Vertreter aus Moskau kommt, gewinnt er schnell das Vertrauen der russischen Exilgemeinde. «Er war sehr selbstbewusst, ehrgeizig und mit einer dröhnenden Stimme», erinnert sich ein Genfer, der ihn in dieser Zeit kennen lernte. «Er hatte eine brillante intellektuelle Ausbildung», präzisiert Antoine Nivière, Professor für russische Kultur an der Universität Lothringen: «Er konnte sich gut ausdrücken und improvisieren.»

Sehr leidenschaftlich wird Kyrill in einer Autobiografie des ehemaligen Konsuls an der sowjetischen Botschaft in Genf, Wadim Melnikow, beschrieben: «Wie schön er war in seiner Jugend! Leider nicht verheiratet. Aber die Frauen liebten ihn. Er war gross, jung und immer gut gelaunt. Die Leute fühlten sich zu ihm hingezogen.» Melnikow war freilich nicht nur Diplomat, sondern Offizier des sowjetischen Geheimdienstes KGB.
Aus später freigegebenen sowjetischen Akten schlossen Historiker und russische Journalisten, dass auch Kyrill in Genf für den KGB tätig war – unter dem Decknamen «Michailow». Er sollte Informationen über die Mitglieder des Weltkirchenrates sammeln und deren Haltung zur Sowjetunion beeinflussen.
«Uns wurde gesagt: Vorsicht vor diesen Priestern, denn das sind KGB-Agenten.»
Auch die Schweizer Bundespolizei legte eine Fiche über den russischen Priester an. Die SonntagsZeitung konnte diese im Bundesarchiv einsehen. Darin wird bestätigt, dass «Monsignor Kirill», wie er in der Fiche genannt wird, dem KGB angehörte. Von Juli 1969 bis Februar 1989 hat Kyrills Fiche insgesamt 37 Einträge, die meisten davon beziehen sich lediglich auf seine Visaanträge und Einreisen in die Schweiz. Zweimal wird allerdings vermerkt, dass der Priester in einem Verzeichnis von sowjetischen Funktionären stehe, «gegen die Massnahmen ergriffen wurden». Welche Massnahmen das waren, wird nicht erläutert.
«Uns wurde gesagt: Vorsicht vor diesen Priestern, denn das sind KGB-Agenten», erzählt der Genfer, der anonym bleiben will: «Im Gespräch mit Kyrill hatte ich immer das Gefühl, dass er nach Informationen sucht. Er war sehr freundlich, aber stellte viele Fragen über die Exilgemeinde und den Klerus.» Der deutsche Theologe Gerhard Besier schreibt in einem Buch, dass der KGB in den 70er- und 80er-Jahren Einfluss auf den Weltkirchenrat habe nehmen wollen, damit dieser auf Kritik an der Einschränkung der Religionsfreiheit in der UdSSR verzichte und stattdessen die USA und deren Verbündete kritisiere.
Weder Kyrill selbst noch die russisch-orthodoxe Kirche wollen heute den Vorwurf der Spionage für den KGB kommentieren. Der Weltkirchenrat antwortet auf Anfrage, dass er «keine Informationen» zu diesem Thema habe. In Genf sagt Kyrills Neffe, dass sein Onkel damals wohl kein Agent gewesen, aber «unter strikter Kontrolle des KGB» gestanden sei. Das habe aber keineswegs «die Aufrichtigkeit seines Engagements für die ökumenische Arbeit mit anderen Kirchen beeinträchtigt».
KGB-Offizier Melnikow beschreibt seinen damaligen Freund Kyrill als lebensfrohen Menschen, der gerne bei Cognac und Champagner bis in die Morgenstunden feierte, aber ebenso gerne in den Schweizer Bergen unterwegs war. Laut Melnikow fuhr der Gottesmann eine auffällige weisse BMW-Limousine. 1974 werden Kyrill und Melnikow mit diesem Wagen in einen Unfall verwickelt. Laut der Schilderung des KGB-Offiziers kommt der BMW mit Kyrill am Steuer auf einem Bergpass ins Schleudern und prallt gegen einen Lichtmast. Dieser Unfall habe zu viel öffentliche Aufmerksamkeit erregt, schreibt Melnikow. Bald darauf verliessen er und Kyrill die Schweiz.
II. Wintersport und Ölgeschäfte
Zurück in der UdSSR, stieg er schnell in der orthodoxen Hierarchie auf. Doch als Mitglied des Exekutivausschusses des Weltkirchenrates kommt er ab 1975 immer wieder in die Schweiz zurück. Auch zum Vergnügen, denn Kyrill ist leidenschaftlicher und laut Augenzeugen auch ein sehr guter Skifahrer. Ein Foto, das viel später auf Twitter erschien, zeigt den jungen Kyrill im schnittigen Skianzug auf einer Schweizer Piste. In Davos kann er in der Wohnung eines inzwischen verstorbenen amerikanischen Professors wohnen.
Zu den Schweizer Freunden Kyrills gehört die Familie Savoretti, die in einer riesigen Wohnung mit Blick auf den Genfersee wohnt. In den 1960er-Jahren erschloss der gebürtige Italiener Piero Savoretti den sowjetischen Markt für den Autokonzern Fiat. Jetzt erzählt seine Witwe Nina der SonntagsZeitung, dass sie Kyrill Anfang der 80er-Jahre in Genf kennen gelernt habe. Die Savorettis haben auch eine Wohnung in Courmayeur im italienischen Aostatal. Auch dort kann der russische Priester wohnen, wenn er zum Wintersport kommt.

Die russische Rechercheplattform «Projekt Media» beschreibt die Beziehungen, die Kyrill zu den Söhnen des Industriellen Savoretti haben soll. Ein Sohn lebte in Moskau, verschwand aber von dort, nachdem ihm vorgeworfen worden war, 20 Millionen Euro von russischen Banken unterschlagen zu haben. Der andere Sohn zeigt in einem älteren Interview im italienischen Fernsehen auf den Bruder. Dieser habe für Kyrill gearbeitet und «bei gewissen Dingen Hand angelegt».
Russische Medien schreiben in den vergangenen Jahren immer wieder von einem Schweizer Chalet, das Kyrill gehöre. Beweise dafür lassen sich nicht finden. Nina Savoretti spricht von einer Falschmeldung: Kyrill sei «ein sehr kultivierter Mann, er schätzt die italienische Renaissance, er hat viel gelesen. Aber er besitzt hier nichts! Er hat kein verstecktes Geld. Wenn wir in ein Restaurant gingen, schaute er genau, wie viel er ausgab. Normalerweise haben wir ihn eingeladen, weil er kein Geld hatte.» Auch Kyrills Neffe in Genf versichert, «dass Patriarch Kyrill weder Immobilien noch ein Bankkonto in der Schweiz besitzt».
Eine Schweizer Immobilie hat aber doch mit Kyrill zu tun: Neben der kleinen Kirche im Genfer Vorort Chêne-Bougeries, auf die im vergangenen Oktober die Farbattacke verübt wurde, steht eine Villa. Sie wurde 1987 mit dem Segen und der Hilfe des Sowjetregimes von der russisch-orthodoxen Kirche gekauft. Hier wohnt heute Kyrills Neffe.
In der russischen Bevölkerung bekommt Kyrill den Spitznamen «Der Tabakhändler».
Nach dem Zusammenbruch der UdSSR erlebt die orthodoxe Kirche Anfang der 1990er-Jahre ihre Wiedergeburt. Sie braucht dringend Geld, um ihre von den Kommunisten komplett zerstörte Infrastruktur wiederaufzubauen. Der neue russische Staat gewährt ihr deshalb Handelsprivilegien: Die Kirche darf Zigaretten einführen sowie Meeresfrüchte und Edelsteine exportieren und den Gewinn behalten. In der russischen Bevölkerung gilt Kyrill als Kopf des Zigarettenhandels – so sehr, dass er den Spitznamen «Tabatschnik» (der Tabakhändler) bekommt.
Noch lukrativer ist der Handel mit Erdöl – und diesen wickelt die Kirche über die Schweiz ab. Der damalige Patriarch Alexei II. sei in den 90er-Jahren im Privatjet nach Genf gereist und habe hier die von der Regierung zugeteilten Ölkontingente verkauft, erzählt ein ehemaliger Schweizer Bundespolizist. Auch Alexei soll zuvor für den KGB gearbeitet haben. In seinem Gefolge taucht in Genf ein mysteriöser russischer Geschäftsmann auf, Witali K. Ein Schweizer, der ihn kannte, beschreibt ihn als «blond, mit einer Kälte wie Putin. Er sprach wenig und dann nur Russisch, mit einem Dolmetscher. Er stand wohl den Geheimdiensten nahe.»
In einer Dokumentation des oppositionellen russischen TV-Senders Doschd wird Witali K. als zentrale Figur bei den Ölverkäufen der russisch-orthodoxen Kirche genannt. Das bestätigt auch ein Bericht der Bundespolizei Fedpol aus dem Jahr 2007: Witali K. soll in der Schweiz 4,3 Millionen Tonnen Öl im Wert von rund 2,5 Milliarden Dollar verkauft haben. Das Geld soll laut mehreren Quellen auf einem Konto bei der Genfer United Overseas Bank gelandet und von dort auf verschiedene Offshore-Unternehmen verteilt worden sein.
1998 beginnen die Schweizer Behörden gegen den Geschäftsmann der Kirche, Witali K., zu ermitteln. Sie vermuten Geldwäscherei und sperren Millionen auf K.s Schweizer Bankkonten. Sechs Jahre später wird das Strafverfahren eingestellt: wegen «mangelnder Kooperation der russischen Behörden», wie die Genfer Staatsanwaltschaft heute mitteilt. K. ist zu jener Zeit längst aus Genf verschwunden. Er hinterlässt viele unbezahlte Rechnungen, darunter eine für einen Ring im Wert von 180’000 Franken. Auch die SonntagsZeitung konnte K. nicht kontaktieren.
Es gibt keine Belege dafür, dass der heutige Patriarch Kyrill in die Genfer Ölgeschäfte verwickelt war. Allerdings war er von 1989 bis 2008 für die Aussenbeziehungen der russisch-orthodoxen Kirche zuständig und stand dem Patriarchen Alexei II. sehr nahe. Auch war «Tabatschnik» zeichnungsberechtigt für ein Konto bei einer Schweizer Grossbank, auf dem zeitweise mehrere Hunderttausend Franken lagen. Angeblich sei das Geld für Ausgaben beim Weltkirchenrat verwendet worden.
III. Schweizer Freunde und Immobiliengeschenke
2007 berichtet die russische Zeitung «Moskowski Komsomolez», dass Kyrill auf einer Schweizer Skipiste gestürzt sei und sich das Schlüsselbein gebrochen habe. Der komplizierte Bruch habe den Metropoliten jedoch nicht daran hindern können, «den Kampf gegen den Luxus in Russland fortzusetzen», schreibt die Zeitung. War dieser Satz ironisch gemeint? In Russland fällt Kyrill zu jener Zeit nicht nur durch seine Nibelungentreue zu Putin auf, sondern auch durch seinen ungezügelten Hang zum Luxus.
Seit den glänzenden Geschäften der Kirche in den 1990er-Jahren hat sich der Lebensstandard der geistlichen Elite deutlich gesteigert. Laut der russischen «Nowaja Gaseta» hat sich Kyrill seit seiner Wahl zum Patriarchen 2009 zu einem wahren Immobilientycoon entwickelt. Neben seinem Amtssitz bei Moskau besitze er ein Anwesen mit Datscha im Moskauer Nobelquartier Rubljowka sowie ein Anwesen bei St. Petersburg, dessen luxuriöser Umbau den Staat etwa 40 Millionen Franken gekostet habe.
Wenn sich Kyrill erholen will, fährt er an die Küste des Schwarzen Meeres, wo die Kirche einen Palast besitzt, den sie «Spirituelles Bildungszentrum» nennt. Wenn der Patriarch anwesend sei, so beschwerten sich Bewohner benachbarter Dörfer bei russischen Journalisten, dürften sie nicht fischen und nicht laut Musik spielen. In der russischen Bevölkerung gelte Kyrill «keineswegs als Asket», sagt der Kulturwissenschaftler Antoine Nivière.
Ganz und gar nicht asketisch ist jedenfalls Kyrills Vorliebe für Schweizer Uhren. 2009 zeigt ein Foto eine Breguet am Handgelenk des neuen Patriarchen. Geschätzter Wert: 39’000 Franken. Die kirchliche Medienstelle will das teure Teil mittels Photoshop aus dem Bild verschwinden lassen. Doch auf dem glänzenden Tisch vor Kyrill ist die Spiegelung weiterhin zu sehen. Die Luxusuhr und der dilettantische Vertuschungsversuch werden zum Skandal. 2020 wird Kyrill mit einer wesentlich billigeren Ulysse Nardin Dual Time fotografiert. Waren die Uhren ein Geschenk? Oder gekauft? Der Patriarch hat sich nie dazu geäussert.

Kyrill soll aber noch auf andere Weise von seinen Schweizer Verbindungen profitiert haben. Im Jahr 2020 enthüllte das russische investigative Internetportal «Projekt Media», dass der Genfer Geschäftsmann Alexandre D. 2001 einer Cousine von Kyrill eine 120 Quadratmeter grosse Wohnung in einem noblen Quartier von St. Petersburg geschenkt habe. Ausserdem habe der Schweizer D. Kyrill ein unfertiges Haus abgekauft, das dieser erst zwei Jahre zuvor selbst erworben habe. Wie viel Kyrill beim Verkauf verdiente, ist unbekannt. Der aus Serbien stammende Alexandre D. war für Nachfragen nicht erreichbar.
D. lebt heute im Kanton Genf, ist im Energiesektor tätig und hat in Russland beste Beziehungen. Sein Zürcher Unternehmen wurde 2008 von Matthias Warnig übernommen, einem ehemaligen Offizier der ostdeutschen Stasi. Warnig gilt als persönlicher Freund Wladimir Putins, er ist Geschäftsführer der in Zug beheimateten Pipeline-Gesellschaft Nord Stream 2.
Seine enge Beziehung zur Schweiz hat der russische Patriarch bis vor wenigen Jahren aufrechterhalten. Im Dezember 2016 kommt er nach Zürich, um in der russisch-orthodoxen Auferstehungskirche zu predigen. Zu jener Zeit ist der Osten der Ukraine schon von prorussischen Separatisten besetzt und die Halbinsel Krim von Russland annektiert. In Zürich sagt der Patriarch aber nur, dass er «für den Frieden in der Ukraine» bete. Dann widmet er sich sehr ausführlich dem Thema des «Märtyrertums», dieser «grossartigen und in unseren Tagen so aktuellen Idee».
Auf die Frage nach ihrer Haltung zum Krieg heute kommt von der orthodoxen Kirche in Zürich keine Antwort. Auch die Medienstelle des Patriarchats in Moskau beantwortet die Fragen der SonntagsZeitung nicht.

2018 spricht Kyrill vor dem russischen Föderationsrat und erzählt, dass er eben erst aus der Schweiz gekommen sei. Dort seien die Menschen sehr reich, aber niemand zeige diesen Reichtum, während in Russland jeder Mann gleich seinen neuen Maybach oder Rolls-Royce vor sein Haus stelle «und damit bei den Nachbarn Neidgefühle auslöst». Russlands Reiche müssten ihren Wohlstand nach Schweizer Art besser verbergen, predigt Kyrill den Abgeordneten: Das würde «die psychologische Atmosphäre» in Russland deutlich verbessern.
Ob Kyrill danach sein Lieblingsland noch einmal besucht hat, ist unklar. 2019 schreibt die «Nowaja Gaseta», dass der Patriarch gesundheitlich schwer angeschlagen sei und deshalb oft zur Behandlung in die Schweiz reise. Dort gebe er «astronomische Summen» für seine Genesung aus. Belege für diese Behauptung gibt es indes nicht.
Ende Januar 2023, an einem Tag, an dem wieder etliche russische Raketen in ukrainischen Städten einschlagen und ukrainische Zivilisten töten, ruft Kyrill in Moskau die Kirchengemeinde auf, Geld für russische Soldaten zu spenden. Das sei eine notwendige Hilfe, da Russland «der ganzen westlichen Welt» gegenüberstehe. Von seiner Liebe zur Schweiz hat Russlands Patriarch seit Kriegsbeginn nie mehr gesprochen.
Mitarbeit: Marc Renfer und Titus Plattner
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