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Profi-Killer trifft auf knallharte Ermittlerin

Krimi der Woche: «Zum Greifen nah» ist geschickt aufgebaut. Alles zielt auf den brutalen Showdown hin.

Hanspeter Eggenberger
Mit «Zum Greifen nah» legt Wallace Stroby einen geschickt aufgebauten Krimi vor.
Mit «Zum Greifen nah» legt Wallace Stroby einen geschickt aufgebauten Krimi vor.
PD

Der erste Satz

Sara bremste und lenkte ihren Wagen an die Böschung.

Das Buch

Sara Cross fährt Nachtschichtstreife. Sie ist die Erste, die am Ort ankommt, wo ihr Kollege Billy Flynn einen jungen Schwarzen erschossen hat. Dieser habe sich einer Kontrolle entziehen wollen und eine Waffe gezogen. Im Kofferraum des Wagens des Erschossenen liegt eine Reisetasche voller Waffen. Alles scheint klar, und Sara nimmt Billy seine Geschichte ab. Er ist nicht nur ein Kollege, sondern ihr Ex-Freund, und in ihrem Herzen regt sich immer noch etwas, wenn sie Billy begegnet.

Mit der nächtlichen Schiesserei irgendwo im ländlichen Florida beginnt der Kriminalroman «Zum Greifen nah» von Wallace Stroby. Parallel dazu beginnt in New Jersey, der Heimat des Autors, ein zweiter Handlungsstrang mit dem alternden Berufskiller Morgan. Der hat Krebs, nimmt Schmerzmittel und sollte sich dringend behandeln lassen. Doch das muss er verschieben, denn sein Boss, ein Drogenhändler, schickt ihn nach Florida. Er soll dort das Geld wieder auftreiben, das neben den Waffen im Wagen des erschossenen Schwarzen war, von dem aber in den Berichten keine Rede ist. Das Geld könnte er auch selber brauchen, denkt Morgan.

Bald werden die beiden Handlungsstränge verflochten. Sara hat inzwischen mehr als nur Zweifel an Billys Geschichte und will der Sache auf den Grund gehen. Derweil ist Morgan in Florida eingetroffen und geht der krummen Story ebenfalls nach. Als er auf Sara trifft, merkt er sofort, dass sie keine einfache Gegnerin ist: «Er hatte Furcht in ihren Augen gesehen, aber auch etwas, das noch weitaus stärker war.»

Starke Frauenfiguren mag Wallace Stroby. Das hat er in der vier Bände umfassenden Romanserie um die Berufsverbrecherin Crissa Stone eindrücklich gezeigt. Wobei er sie nicht unkritisch glorifiziert, sondern sie voller Empathie mit all ihren Widersprüchlichkeiten zeichnet. Dabei geht es auch um die Frage, weshalb gescheite und lebenstaugliche Frauen – Sara ist neben ihrem Job als Polizistin in einem männlichen Umfeld alleinerziehende Mutter eines an Leukämie erkrankten Buben – auf gefährliche Verlierer hereinfallen. Und darum, wie weitreichend die Auswirkungen einer einzigen falschen Entscheidung sein können.

«Zum Greifen nah» ist ein unspektakulärer, aber höchst geschickt aufgebauter und spannender Krimi. Mit stimmigen Dialogen und knappen Beschreibungen treibt Stroby seine Geschichte unerbittlich voran bis zum brutalen Showdown. Wobei es zwischendurch auch mal ein bisschen philosophisch werden darf. Etwa, wenn der Sheriff meint, nicht Geld, sondern Schmerz regiere die Welt: «Und jeder zahlt seinen ganz individuellen Beitrag.»

Die Wertung

Der Autor

Wallace Stroby, geboren 1960 im Monmouth County, New Jersey, studierte Journalismus an der Rutgers University. Er war unter anderem Polizeireporter bei der Zeitung «The Asbury Park Press» und während 13 Jahren Redaktor sowie Buch- und Filmkritiker bei «The Star-Ledger», der grössten Zeitung im US-Bundesstaat New Jersey, die er 2008 verliess. Er wurde für seine journalistischen Arbeiten mit mehreren Preisen ausgezeichnet.

Seinen ersten Roman, «The Barbed-Wire Kiss», veröffentlichte er 2003. Bisher sind von ihm acht Romane erschienen. Bis heute ist seine Serie von vier Romanen um die Profi-Räuberin Crissa Stone auf Deutsch erschienen; der jetzt auf Deutsch veröffentlichte Roman «Zum Greifen nah» erschien im Original vor dieser Reihe. Wallace Stroby lebt in New Jersey.

Wallace Stroby: «Zum Greifen nah» (Original: «Gone ’Til November», St. Martin’ Press, New York 2010). Aus dem Englischen von Bernd Gockel. Pendragon-Verlag, Bielefeld 2020. 258 S., ca. 27 Fr.
Wallace Stroby: «Zum Greifen nah» (Original: «Gone ’Til November», St. Martin’ Press, New York 2010). Aus dem Englischen von Bernd Gockel. Pendragon-Verlag, Bielefeld 2020. 258 S., ca. 27 Fr.

Alle weiteren Besprechungen finden Sie in der Collection «Krimi der Woche».

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